Montag, 14. Oktober 2019

Franz Hohler - Die Rückeroberung (2016)

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=ERSTER AKT=


Cayman und der Kameramann kämpfen sich durch das dichte „Unterholz“ des mächtigen „Waldes“…

Das unentwegte Vogelgezwitscher und Gezirpse der Insekten ist ohrenbetäubend. Als die Beiden an eine kleine Lichtung kommen, ergreift eine Gruppe Rehe die Flucht, ein Vogelschwarm fliegt zeternd davon…

Der Kameramann schlägt mit seiner Machete das hüfthohe Grünzeugs klein…
Nun betrachten beide ihre Umgebung…

Es ist ein recht düsterer aber auch sehr erhabener und respekteinflößender Ort, den sie hier durchwandern…

Direkt vor ihnen thront mächtig eine fast zehn Meter hohe, gemeine Schafsgabe, direkt daneben wachsen die massiven Blütenstängel eines haushohen Löwenzahns in die Höhe…

Aus den Ruinenresten eines verfallenen Gebäudes sprießt Vogelmiere, jedes Blatt so groß wie ein Kleinkind, überall um sie herum wachsen mächtige Ackerschachtelhalme, an denen Kletterpflanzen, dick wie LKW-Reifen dem Sonnenlicht entgegenwachsen…

Der Kameramann zeigt auf die von Moos und Unkraut überwucherte Ruine eines einst stolzen Gebäudes. Gigantische Spitzwegerich-Gewächse haben Teile des Daches aufgerissen, vor den Eingangstüren streunt ein Rudel Wölfe umher…

Auf der Außenfassade ist noch zu lesen „FL_U__A_EN - WI_L_ _RAN_T“.

Der Kameramann: „Hach Kinners! Is datt schön hier! Diese unberührte Natur! Wer weiß… Vielleicht sind wir die ersten zivilisierten Menschen, die diesen verwunschenen Ort seit Ewigkeiten betreten!“

Cayman kratzt sich am Kopf: „Uuunnnd… Du bist dir auch ganz sicher, dass du bei Booking.com alles richtig eingegeben hast und dass DAS HIER der richtige Abflugort ist?“

Der Kameramann schaut sich nachdenklich um…

Im einstigen Eingangsbereich des Gebäudes streitet sich das Wolfsrudel nun um ein totes Tier…

Der Kameramann: „Jetzt wo du es sagst… Ööhm… Also SURVIVAL-ZELTEN soll ja auch ganz spannend sein.. Höhö!“

Cayman rollt mit den Augen, dann schau er in seinen Rucksack: „Na wenigstens haben wir ein gutes Buch dabei!“

Der Kameramann schaut durch sein Fernglas: „Das was die Wölfe da fressen, ist kein Reh… Sondern, der Typ von der Bauabnahme, glaube ich!“

Cayman legt sich auf eines der gigantischen Löwenzahnblätter, die von der Sonne angeschienen werden, setzt seine Sonnenbrille auf und lehnt sich zurück: „Das nennt man NATÜRLICHE AUSLESE!“

Der Kameramann entzündet ein Lagerfeuer, dann holt er sein eigenes Buch aus der Tasche: „Bear Grylls – Nashörner (splitternackt und eigenhändig) erwürgen leicht gemacht!“.



Cayman liest


Dieses Mal:

Franz Hohler
Die Rückeroberung“
Kurzgeschichten








"Überall und Immer"








Ein Buch von Franz Hohler irgendwo zu finden ist für mich immer eine besonders große Freude, in diesem Fall lief ich an einem dieser Grabbeltische vorbei, an denen Bücher mit leichten bis mittelschweren „Produktionsmängeln oder Schäden“ zu finden sind… (PREISREDURZIERTE MÄNGELEXEMPLARE eben.)

Bei vielen der Grabbeltische sind die optischen Mängel der dort herumliegenden Bücher aber oftmals eher nur vorgeschoben…

Denn bei unzähligen der dort endgelagerten Literaturschlacke handelt es sich um Geistesergüsse, bei denen es wirklich besser ist, zu behaupten sie hätten irgendwelche Herstellungsfehler… (Klingt auf jeden Fall netter als aufs Preisschild zu schreiben: „Das Buch ist scheiße aber der Verlag will wenigstens die Verluste minimieren“.)

Zwischen diesem literarischen Sperrmüll, welcher es oftmals auch verdient dort langsam vor sich hinzuvergilben, kann man mit ein bisschen Geduld, dem richtigen Bauchgefühl und einem geübten Auge aber auch immer wieder kleine Schätze ausgraben.
Bei diesem hier vorgestellten Buch und seinem Coverbild musste ich zudem auch noch laut loslachen, denn ein ganz ähnliches Foto habe ich vor einigen Jahren mal für einen Fotowettbewerb geschossen…

Und sogar der Titel des Bildes und dessen Botschaft ähneln meinem Wettbewerbsfoto auf eine gewisse, philosophische Art und Weise! 

Also lief es beim Kauf dieses Buches so, wie man es doch am liebsten immer hätte: Buch rausgefischt, Autor als einen seiner „persönlichen Favoriten“ erkannt, den Titel gemocht, das Titelbild ebenfalls für genial befunden und Daheim sofort in einen regelrechten Leserausch verfallen (OBWOHL man ja eigentlich „Nur mal kurz reingucken wollte“)

Wie schon in den beiden Vorgängern „Das Ende eines ganz normalen Tages“ und „Die blaue Amsel“, haben wir es auch hier mit einer Kurzgeschichtensammlung zu tun.
Und auch dieses Mal handeln die Geschichten (augenscheinlich) von einer ganz bestimmten Thematik, in diesem Falle von…

Rückeroberung“

Was genau darunter zu verstehen ist, wieso dieses Thema uns alle jederzeit und überall angeht…
Und das oftmals ohne es überhaupt selber zu bemerken…
Ja das wollen wir in dieser Kritik etwas genauer betrachten!





DER GEÜBTE BLICK



Franz Hohler, „Hauptberuflich“ irgendwas zwischen Kabarett, Theater, Fernsehen, Kinderbüchern und der üblichen Literatur, hat laut Wikipedia (Ja, so ehrlich bin ich) ein besonderes Talent:

Er hat ein geübtes Auge, einen scharfen und stets wachsamen Blick für all das, was am Rest von uns Ottonormalverbrauchern oftmals unbemerkt vorbeirauscht. Die kleinen Ereignisse, Dramen, Komödien und Katastrophen des Lebens, in all ihrer Vielfalt, Grausamkeit, Schönheit und Absurdität.
Franz Hohler bemerkt diese Momentaufnahmen und er sammelt sie, als wäre sein Geist unentwegt im Pokemon-GO-Modus unterwegs. 

Während für unsereinen beispielsweise ein älterer Herr, der über eine Bordsteinkante stolpert und dabei seinen Hut verliert, (weil er einen schönen Frau hinterhergeiert!) höchstens ein kurzes, schadenfrohen Grinsen wert wäre… 

Macht Hohler aus einen solchen Ereignis ein regelrechtes Meisterwerk, ein herz- und nervenzerreißendes Drama, voller Sprachkraft, literarischer Wucht und dichterischer Gewalt.
Aus diesen und anderen Momentaufnahmen bastelt er seine kleinen Meisterwerke. 

Mal sind es einfachste Ereignisse, welche er nur durch die Art wie er sie wiedergibt in regelrechte Theaterstücke, in reine Meisterwerke des Kopfkinos verwandelt.

Mal sind es ermahnende und tief nachdenkliche Geschichten, welche den Leser aufrütteln und ihn dazu motovieren sollen, selber mal die Rübe einzuschalten und die Dinge zu hinterfragen. Denn Hohler gilt als politisch und gesellschaftlich sehr engagiert und darum bemüht, der „breiten Masse“ diese Einstellung ein Stück weit auch zu vermitteln.

Manchal beginnen die Geschichten ganz alltäglich, vollkommen belanglos und ufern dann, ganz schnell ins wahnsinnig-absurde aus… 

Und trotzdem, egal wie aus der Luft gegriffen der Schwachsinn am Ende auch sein mag, man glaubt es Franz Hohler trotzdem.





ES PASSIERT IMMER UND ÜBERALL



In dieser Kurzgeschichtensammlung ist Letzteres vertreten…

Also Kurzgeschichten, die ganz banal anfangen und am Ende manchmal gar wie eine Drogenphantasie, ein Mysterythriller oder wie ein absurdes Kabarettstück erscheinen und doch bewahren sie alle, zumindest irgendwie, einen realen Kern.

Und sie alle handeln von einer bestimmten Thematik: Der Rückeroberung.
Was abenteuerlich klingt, ist in Wirklichkeit sehr banal und alltäglich, denn WIR ALLE sind jederzeit und überall davon betroffen. Oftmals bei ganz normalen Tätigkeiten, denen wir keinerlei besondere Bedeutung zumessen…

Der Gartenbesitzer der den Rasen mäht und die Hecke schneidet, ein Patient im Krankenhaus, der nach einem Unfall, Krankheit oder einer OP wieder auf die Beine zu kommen versucht oder der genervte Nachbar , der die Polizei ruft damit in der Wohnung nebenan endlich die laute Musik abgestellt wird.

All das hat mit „RÜCKEROBERUNG“ zu tun – Jemand der sich „etwas Verlorenes“ wieder zurückholt.

Der Gartenbesitzer zum Beispiel betreibt durch das Mähen und Heckeschneiden eben genau das: Er erobert sich seinen Garten von der Natur zurück, die Natur ihrerseits macht ebenfalls das, was sie schon immer tat, sie holt sich das Territorium anschließend wieder zurück.

Ein ewiger Kampf, ein Kräftemessen, ein Machtausüben und Aufrüsten auf beiden Seiten.
Der Rasenmäher wird moderner und effizienter, die Heckenschere schärfer und die Gartenwerkzeuge besser – Die Pflanzen im Garten lassen sich nicht einschüchtern, Äste werden dicker, Wurzeln gehen tiefer, Unkraut wuchert, neues siedelt sich an.

Schaut dann noch der Maulwurf vorbei oder die Nachbarskatze hat den Garten zum Privatklo erklärt, entbrennt oftmals eine weitere „Steigerung“ der gegenseitigen Eroberung und RÜCKeroberung, zwischen Mensch und Natur.

Aber auch die Hausfrau, die ihren Mann auffordert „endlich das Geraffel aus der Garage zu räumen, damit das Auto wieder hineinpasst“, betreibt RÜCKEROBERUNG.

Und auch die Mitarbeiter der Deutschen Bahn, welche die Züge und Wagons von Graffiti säubern, betreiben so etwas wie RÜCKEROBERUNG… Natürlich sehen die Sprayer ihrerseits darin die Motivation, diese von den Bahnbediensteten Zurückeroberten Waggons mit ihrer „Kunst“ ebenfalls wieder… „ZURÜCKZUEROBERN“. Ein niemals enden wollender Kreislauf, ein ewiger Machtkampf, ein Kräftemessen in der Endlosschleife.

Machtkämpfe finden eben nicht nur in Wirtschaft, Kirche und Politik statt, nicht nur in Chefetagen und reichen Familiendynastien.

Das lästige Wegfegen von Spinnenweben in der Zimmerecke ist im übertragenen Sinne auch nichts anderes als ein Machtkampf – Nur dass darüber wohl niemand einen Kinofilm, Fensehbericht oder Roman schreiben wird.

…Außer Franz Hohler natürlich, der macht sowas, weil ER es KANN.

(Im Falle dieser Kurzgeschichtensammlung wäre es am Ende aber dann wahrscheinlich so, dass die Spinne in der Zimmerecke eines Tages zwei Meter groß ist oder das Bundesartenschutzamt einem verbietet die Spinne und ihr Netz zu entfernen, weil sie vom Aussterben bedroht ist… Und am Ende der Geschichte die ganze Bude in Flammen aufgeht oder die ganze Stadt von Spinnen dieser Art besiedelt ist.)




AUS „NORMAL“ WIRD… ABSURD



Ein Mann verlässt sein Hotel, er tritt auf die Straße und schaut sich um…

Der Mann ist Berufsmusiker, Cellist genau genommen, hat mit Politik und allem was damit zu tun hat eigentlich nichts am Hut, vor allem nicht heute…

Nein, heute möchte er einfach nur einen Spaziergang machen, denn Bozen ist eine überaus interessante und sehenswerte Stadt…

So beginnt der Mann seinen kleinen Spaziergang durch das schöne Bozen, in einer kleinen Gasse, trifft er auf einen hässlichen, kleinen, alten Mann mit giftgelben Zähnen…

Wenig später stiefelt der Mann der doch eigentlich Berufsmusiker ist, in einer bescheuerten Verkleidung und mit einem Sprengsatz unter dem Arm durch einen Abwasserkanal, um eine Statue zu sprengen…

Am Ende fliegt diese Statue, das Denkmal irgendeines Typen, welches dem Mann vollkommen egal ist aber nach Ansicht des alten Mannes und seiner Enkelin an der falschen Stelle steht und deshalb weg soll, mit Karacho in die Luft…

Der Berufsmusiker weiß weder so ganz genau warum dieses Denkmal in die Luft gejagt werden musste, noch begreift er er die politischen Hintergründe…

…er hat sich nur dazu überreden lassen, WEIL die bildhübsche Enkelin des hässlichen, alten Mannes ihn so verführerisch darum geben hat und ER sie beeindrucken wollte.

GENAU SO FUNKTIONERT MANIPULATION – Und so absurd die Geschichte auch sein mag, am Ende zeigt sie auf eine subtile Art und Weise, wie schnell man in den Sog irgendwelcher zwielichtigen Gestalten kommen und selber zum „Täter“ werden kann.


Da haben wir sie also auch schon wieder, Franz Hohlers politisches Engagement.
Und so sind sie fast alle, diese zu Anfang noch stinknormalen Geschichten, die dann ganz schnell sehr absonderlich werden, ihre Kernbotschaft (wenn sie denn eine haben) aber dennoch behalten. Man kann danach suchen und dadurch ins Grübeln kommen oder man lässt es und amüsiert, gruselt oder schüttelt sich darüber…

Denn oft reicht es auch einfach, sich von diesen Geschichten UNTERHALTEN zu lassen! Und erfahrungsgemäß ist jede Einzelne von ihnen nicht nur einzigartig, sondern auch immer ein Erlebnis!
Jede auf ihre eigene Art und Weise:

-Da ist der Geist eines dickköpfigen Landwirtes, der arglose Autofahrer im wahrsten Sinne des Wortes „Zu Tode Erschreckt“, bis ihm die Behörden das (wieder)geben, was sie ihm zu Lebzeiten abgeluchst hatten.

-Da ist der Mann, der sich eines Tages fragt, was wohl aus seiner alten Jungendliebe geworden ist und aus dem Halstuch, das er ihr einst schenkte. Am Ende hat er einen unheimlichen Mord und eine Geschichte voller Rache, Trauer, herzergreifender Liebe und schwarzer Magie aufgedeckt.

-Da ist die Natur, die eines Tages mit einer fast schon grauenerregenden Alltäglichkeit, unaufhaltsam und unberechenbar die Großstädte zurückerobert. Die Menschen versuchen zwar sich damit zu arrangieren aber am Ende kapitulieren die Meisten und werden selber wieder zu halben Tieren.

-Da ist der Mann, der im Schlaf immer von einem türkischen Terroristen träumt, eines Tages in einem türkischen Restaurant das Foto seines Vaters an der Wand erkennt und dadurch in etwas hineingerät, von dem er niemals zu träumen gewagt hätte. Am Ende ist es aber der Leser, der dasteht und glaubt geträumt zu haben…

-Da ist der Langläufer, arrogant und immer darauf aus, der Erste und der Schnellste zu sein. Bis ihm eines Morgens ein Gegner begegnet, den er nicht schlagen kann und das Kräftemessen mit diesem Konkurrenten teuer bezahlen muss.


Bei einigen der Geschichten wäre es sehr passend, würde danach sofort Jonathan Frakes in Bild laufen und fragen: „Was glauben Sie? Ist diese Geschichte WAHR oder FALSCH?“.
Andererseits beweist Hohler aber auch eine Menge Humor, wenn er in einer anderen Geschichte einen Familienvater allmählich in einen regelrechten Sparsamkeitswahn verfallen lässt, der ebenfalls wieder ins Absurde gipfelt.

Ganz zum Schluss, als die Spannung dieser Erzählung und der Wahn des Mannes am heftigsten sind… Ist sie auf einmal zu ende, die Geschichte.

Und Hohler gibt uns mehrere Denkanstöße zur Auswahl, wie unserer Meinung nach die Geschichte wohl enden könnte und was aus den einzelnen Figuren der Geschichte werden könnte.
Und erst da bemerkt der Leser, wie selten dämlich der Vater, seine Sparsamkeitspsychose und auch die Probleme der einzelnen Familienmitglieder doch eigentlich sind.
Und man fragt sich…

JA HABEN DIE DENN SONST KEINE PROBLEME!!?!?!!?

Eine weitere der Geschichten, ist gerade mal Eindreiviertel Seiten lang, mehr eine Art „Auflistung“ verschiedener Möglichkeiten, was passieren könnte… 

Aber selbst während dieser eindreiviertel Seiten, geben sich Drama, Absurdität, Satire und Philosophie die Klinke in die Hand und man beginnt wieder zu grübeln. In diesem Fall über das „Schicksal“ an sich.

Womit ein noch ausstehender Punkt dieser Kritik noch unangesprochen geblieben wäre…





QUALITÄT BRAUCHT KEINE UNMENGEN



Wofür eine Karin Slaughter oder ein Sebastian Fitzek zweihundert, dreihundert oder sogar fünfhundert Seiten und achwerweißwas für ausgefeilte Charakterdetails brauchen, damit ihre zum Teil wirklich absurden Thriller einen einigermaßen stabilen Boden unter den Füßen haben…

…bekommt ein Franz Hohler innerhalb von zwanzig Seiten dasselbe hin und man ist als Leser am Ende genauso unterhalten worden, wie bei einem dieser 500-Seiten-Psycho-Krimi-Action-Thriller von der Stange.

Ein verstörend-schönes Beispiel dafür ist die Kurzgeschichte: „Das Halstuch“
In der bereits erwähnten Geschichte, geht es um einen Mann, der sich fragt, was wohl aus seiner alten Jugendliebe geworden ist und auch, ob sie wohl noch das Halstuch hat, welches er ihr einst schenkte…

Nun könnte man meinen, dass der alten Jugendliebe etwas zugestoßen sein könnte und der Mann sich (wie es in diesen Fließbandthrillern so oft vorkommt) seiner düsteren Vergangenheit und dem psychisch kranken Täter stellen muss…

Aber falsch gedacht! Denn der Mann ist einfach nur ein Mann, der zusammen mit einem befreundeten Staatsanwalt eher zufällig einen bizarren Mord aufdeckt… Ein alter Nazi, der von jemandem mit bloßen Händen in seiner Arrestzelle erwürgt wurde, obwohl diese von außen abgeschlossen und niemand außer ihm anwesend war als es passierte, ist das Opfer.
Der Mann beginnt zu forschen, weil sich das Halstuch, welches der alte Nazi um den Hals trug, als genau jenes Halstuch herausstellt, welches einst die Jugendliebe des Mannes von ihm persönlich als Geschenk bekam.

So ermittelt der Mann ein bisschen auf eigene Faust, nicht so sehr weil ihm der miese, alte Nazidreckssack leid täte aber er will nur zu gerne erfahren, wie und warum dieses Halstuch in dieser Zelle und um den Hals ausgerechnet dieses widerlichen Kerls enden musste.
Fast unbemerkt wandelt sich diese Geschichte innerhalb ihrer zwanzig Seiten von einer Alltagsgeschichte, in eine Mysterymärchen, das einem erst das Blut in den Adern gefrieren lässt und am Ende einen Kloß im Halse erzeugt…
Der einfühlsame Leser wird sich am Ende höchstwahrscheinlich zurücklehnen und denken: „Oooch wie traurig! Aber schön, dass die alte Frau ihre Gerechtigkeit doch noch bekommen hat!“

Und wieder ist es fast, als wenn jeden Moment Jonathan Frakes ins Zimmer geschlendert kommt und mit einem feschen Grinsen im Gesicht seine Lieblingsfrage stellt:

„Was meinen Sie? Ist diese Geschichte WAHR oder FALSCH? Bevor Sie entscheiden, bedenken Sie immer dass es vielleicht mehr da draußen gibt, als wir uns vorstellen können!“

Doch der geneigte Leser hat dazu keine Zeit, denn er wird nicht anders können, als sich zu sagen: „Okay! Die eine Geschichte lese ich noch! Aber dann ist Schluss… Naja… Obwohl… Nagut! Danach könnte ich ja noch die Nächste… Die geht ja nur vier Seiten… Ach scheiß drauf! Ich lese sie einfach alle! Beiseitelegen… Das schaff ich nicht!“

Und das ist der wohl größte Wert dieses Buches, dieser Geschichtensammlung:
Sie unterhält einen bis zum Schluss und von Komik, Fantasy bis zu Mord und Totschlag ist alles vertreten.

Und das auf gerademal 109-Seiten, verteilt auf gerademal neun Kurzgeschichten





FAZIT


Wenn wir von „Rückeroberung“ sprechen, so sprechen wir immer auch in einem gewissen Sinne von „Krieg“.

Und genau das ist es, was in vielen Geschichten passiert! Es findet eine Art Krieg statt, mal ganz offensiv, für alle sichtbar und mal ganz subtil im Verborgenen oder auf eine total bekloppte Art und Weise.

Aber immer mit jeder Menge Phantasie und einem zugegeben, teilweise doch sehr „frechem“ bis „sehr sehr schwarzem““Humor“ – Wenn man das so nennen darf:

Es werden Kinder von Wölfen gefressen (mitten in der Innenstadt!), Autofahrer werden von einem Gespenst von der Straße „abgedrängt“ und kommen um, ein Nazi wird in seiner Zelle erwürgt obwohl er ganz alleine ist, türkische Bandenmitglieder erschießen sich gegenseitig, ein Denkmal fliegt mit Karacho in die Luft…

Eines kann man sich bei dieser Kurzgeschichtensammlung merken: Langeweile kommt nie auf!
Schon weil diese Werke viel zu unterschiedlich, zu kreativ und oftmals viel zu action- und ironiegeladen sind. Mal ist man entsetzt, mal lacht man laut los, mal fiebert man mit und wenig später ist man zutiefst ergriffen.

Bei manchen der Geschichten ist nicht sofort klar, WAS darin die „Rückeroberung“ darstellt… Aber glaubt mir, eine „Rückeroberung“ findet immer statt. Manchmal sogar mehrmals, der Trick ist dann der, diese kleinen „Rückeroberungen“ auch zu finden, zwischen diesem ganzen Wahnsinn in den Geschichten.

Damit es aber nicht zu absurd wird, hat Hohler aber auch immer noch eine „Moral hinter der Geschich`t“ verbaut. Ob man diese nun sucht, ob sie einem mit etwas logischem Denkvermögen von alleine entgegenspringt oder ob man einfach nur in diesen absurd-schönen, kleinen Welten versinkt…
Das bleibt jedem überlassen.

ICH für meinen Teil habe etwas aus diesem Buch und seinen Geschichten mitgenommen.
Denn seit dem begutachte ich immer mal wieder meinen Alltag und meine Umgebung und schaue, wo wohl gerade in diesem Moment eine diese „RÜCKEROBERUNGEN“ stattfindet.

Und ich kann euch sagen, meine lieben Freunde!
Es passiert immer und überall, man muss nur ganz genau hinsehen!

In diesem Sinne empfehle ich den Lieblingsratschlag eines ehemaligen Lehrers von mir, der immer voller Begeisterung zu sagen pflegte:
„Probieren Sie es aus!!!“


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Franz Hohler
Die Rückeroberung“ – Kurzgeschichten
Taschenbuch
btb
Ersterscheinung 2012
Preis: 7,99€
PERSÖNLICHE NOTE: 1
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 =LETZTER AKT=


Nach einigen Tagen „HARDCORE-SURVIVAL-CAMPING“ unter den mächtigen Blättern eines zwölf Stockwerke hohen Löwenzahns, beschließen Cayman und Der Kameramann, dass es Zeit ist aufzubrechen.

Etwas unsicher blicken sich beide um.

Cayman kratzt sich am Kopf: „Sag mal… Weißt du noch, von woher wir gekommen sind?!“

Der Kameramann schaut sich um: „Nö, alles sieht gleich grün aus!“

Cayman: „Und was machen wir jetzt?!“

Der Kameramann hebt mahnend den Zeigefinger: „Na DAS, was alle Survival-Experten in so einer Situation machen!“

Cayman: „Und das wäre?!“

Bedächtig holt der Kameramann einen Gegenstand aus dem Rucksack, es ist ein altes Artefakt, welches schon so manch Verirrtem das Leben rettete…

Cayman und Der Kameramann halten es in Händen, dann beginnt Cayman zu sprechen…

Cayman: „Oooohhh… MAGISCHE MIESMUSCHEL!! Sage uns! WAS SOLLEN WIR TUN?!“

Der Kameramann zieht an der Schnur…


DIE MAGISCHE MIESMUSCHEL SAGT: „Gar nichts!“


Beide blicken sich an… Zucken mit den Schultern… Dann setzen sie sich wieder an das Lagerfeuer unter dem übergroßen Löwenzahn…

Bedächtig packen sie die MAGISCHE MIESMUSCHEL wieder in den Rucksack…

O-Ton sagen Cayman und der Kameramann: „Geheiligt sei die MAGISCHE MIESMUSCHEL!“
Dann wenden sie sich wieder dem Lagerfeuer zu…

Cayman schaut noch einmal auf das verfallene Gebäude, in dessen Nähe sie ihr Lager aufgeschlagen haben: „Ich glaube jetzt verstehe ich auch, wieso die mit dem Flughafen hier einfach nicht weiterkommen…“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zelten sie noch heute…



=ENDE=