=ERSTER AKT=
Cayman und der Kameramann kämpfen sich
durch das dichte „Unterholz“ des mächtigen „Waldes“…
Das unentwegte Vogelgezwitscher und
Gezirpse der Insekten ist ohrenbetäubend. Als die Beiden an eine
kleine Lichtung kommen, ergreift eine Gruppe Rehe die Flucht, ein
Vogelschwarm fliegt zeternd davon…
Nun betrachten beide ihre Umgebung…
Es ist ein recht düsterer aber auch
sehr erhabener und respekteinflößender Ort, den sie hier
durchwandern…
Direkt vor ihnen thront mächtig eine
fast zehn Meter hohe, gemeine Schafsgabe, direkt daneben wachsen die
massiven Blütenstängel eines haushohen Löwenzahns in die Höhe…
Aus den Ruinenresten eines verfallenen
Gebäudes sprießt Vogelmiere, jedes Blatt so groß wie ein
Kleinkind, überall um sie herum wachsen mächtige
Ackerschachtelhalme, an denen Kletterpflanzen, dick wie LKW-Reifen
dem Sonnenlicht entgegenwachsen…
Der Kameramann zeigt auf die von Moos
und Unkraut überwucherte Ruine eines einst stolzen Gebäudes.
Gigantische Spitzwegerich-Gewächse haben Teile des Daches
aufgerissen, vor den Eingangstüren streunt ein Rudel Wölfe umher…
Auf der Außenfassade ist noch zu lesen
„FL_U__A_EN - WI_L_ _RAN_T“.
Der Kameramann: „Hach Kinners! Is
datt schön hier! Diese unberührte Natur! Wer weiß… Vielleicht
sind wir die ersten zivilisierten Menschen, die diesen verwunschenen
Ort seit Ewigkeiten betreten!“
Cayman kratzt sich am Kopf: „Uuunnnd…
Du bist dir auch ganz sicher, dass du bei Booking.com alles richtig
eingegeben hast und dass DAS HIER der richtige Abflugort ist?“
Der Kameramann schaut sich nachdenklich
um…
Im einstigen Eingangsbereich des
Gebäudes streitet sich das Wolfsrudel nun um ein totes Tier…
Der Kameramann: „Jetzt wo du es
sagst… Ööhm… Also SURVIVAL-ZELTEN soll ja auch ganz spannend
sein.. Höhö!“
Cayman rollt mit den Augen, dann schau
er in seinen Rucksack: „Na wenigstens haben wir ein gutes Buch
dabei!“
Der Kameramann schaut durch sein
Fernglas: „Das was die Wölfe da fressen, ist kein Reh… Sondern,
der Typ von der Bauabnahme, glaube ich!“
Cayman legt sich auf eines der
gigantischen Löwenzahnblätter, die von der Sonne angeschienen
werden, setzt seine Sonnenbrille auf und lehnt sich zurück: „Das
nennt man NATÜRLICHE AUSLESE!“
Der Kameramann entzündet ein
Lagerfeuer, dann holt er sein eigenes Buch aus der Tasche: „Bear
Grylls – Nashörner (splitternackt und eigenhändig) erwürgen
leicht gemacht!“.
Cayman liest
Dieses Mal:
Franz Hohler
„Die Rückeroberung“
Kurzgeschichten
"Überall
und Immer"
Ein Buch von Franz Hohler irgendwo zu
finden ist für mich immer eine besonders große Freude, in diesem
Fall lief ich an einem dieser Grabbeltische vorbei, an denen Bücher
mit leichten bis mittelschweren „Produktionsmängeln oder Schäden“
zu finden sind… (PREISREDURZIERTE MÄNGELEXEMPLARE eben.)
Bei vielen der Grabbeltische sind die
optischen Mängel der dort herumliegenden Bücher aber oftmals eher
nur vorgeschoben…
Denn bei unzähligen der dort
endgelagerten Literaturschlacke handelt es sich um Geistesergüsse,
bei denen es wirklich besser ist, zu behaupten sie hätten
irgendwelche Herstellungsfehler… (Klingt auf jeden Fall netter als
aufs Preisschild zu schreiben: „Das Buch ist scheiße aber der
Verlag will wenigstens die Verluste minimieren“.)
Zwischen diesem literarischen
Sperrmüll, welcher es oftmals auch verdient dort langsam vor sich
hinzuvergilben, kann man mit ein bisschen Geduld, dem richtigen
Bauchgefühl und einem geübten Auge aber auch immer wieder kleine
Schätze ausgraben.
Bei diesem hier vorgestellten Buch und
seinem Coverbild musste ich zudem auch noch laut loslachen, denn ein
ganz ähnliches Foto habe ich vor einigen Jahren mal für einen
Fotowettbewerb geschossen…
Und sogar der Titel des Bildes und
dessen Botschaft ähneln meinem Wettbewerbsfoto auf eine gewisse,
philosophische Art und Weise!
Also lief es beim Kauf dieses Buches
so, wie man es doch am liebsten immer hätte: Buch rausgefischt,
Autor als einen seiner „persönlichen Favoriten“ erkannt, den
Titel gemocht, das Titelbild ebenfalls für genial befunden und
Daheim sofort in einen regelrechten Leserausch verfallen (OBWOHL man
ja eigentlich „Nur mal kurz reingucken wollte“)
Wie schon in den beiden Vorgängern
„Das Ende eines ganz normalen Tages“ und „Die blaue Amsel“,
haben wir es auch hier mit einer Kurzgeschichtensammlung zu tun.
Und auch dieses Mal handeln die
Geschichten (augenscheinlich) von einer ganz bestimmten Thematik, in
diesem Falle von…
„Rückeroberung“
Was genau darunter zu verstehen ist,
wieso dieses Thema uns alle jederzeit und überall angeht…
Und das oftmals ohne es überhaupt
selber zu bemerken…
Ja das wollen wir in dieser Kritik
etwas genauer betrachten!
DER GEÜBTE BLICK
Franz Hohler, „Hauptberuflich“
irgendwas zwischen Kabarett, Theater, Fernsehen, Kinderbüchern und
der üblichen Literatur, hat laut Wikipedia (Ja, so ehrlich bin ich)
ein besonderes Talent:
Er hat ein geübtes Auge, einen
scharfen und stets wachsamen Blick für all das, was am Rest von uns
Ottonormalverbrauchern oftmals unbemerkt vorbeirauscht. Die kleinen
Ereignisse, Dramen, Komödien und Katastrophen des Lebens, in all
ihrer Vielfalt, Grausamkeit, Schönheit und Absurdität.
Franz Hohler bemerkt diese
Momentaufnahmen und er sammelt sie, als wäre sein Geist unentwegt
im Pokemon-GO-Modus unterwegs.
Während für unsereinen beispielsweise
ein älterer Herr, der über eine Bordsteinkante stolpert und dabei
seinen Hut verliert, (weil er einen schönen Frau hinterhergeiert!)
höchstens ein kurzes, schadenfrohen Grinsen wert wäre…
Macht
Hohler aus einen solchen Ereignis ein regelrechtes Meisterwerk, ein
herz- und nervenzerreißendes Drama, voller Sprachkraft,
literarischer Wucht und dichterischer Gewalt.
Aus diesen und anderen Momentaufnahmen
bastelt er seine kleinen Meisterwerke.
Mal sind es einfachste Ereignisse,
welche er nur durch die Art wie er sie wiedergibt in regelrechte
Theaterstücke, in reine Meisterwerke des Kopfkinos verwandelt.
Mal sind es ermahnende und tief
nachdenkliche Geschichten, welche den Leser aufrütteln und ihn dazu
motovieren sollen, selber mal die Rübe einzuschalten und die Dinge
zu hinterfragen. Denn Hohler gilt als politisch und gesellschaftlich
sehr engagiert und darum bemüht, der „breiten Masse“ diese
Einstellung ein Stück weit auch zu vermitteln.
Manchal beginnen die Geschichten ganz
alltäglich, vollkommen belanglos und ufern dann, ganz schnell ins
wahnsinnig-absurde aus…
Und trotzdem, egal wie aus der Luft
gegriffen der Schwachsinn am Ende auch sein mag, man glaubt es Franz
Hohler trotzdem.
ES PASSIERT IMMER UND ÜBERALL
In dieser Kurzgeschichtensammlung ist
Letzteres vertreten…
Also Kurzgeschichten, die ganz banal
anfangen und am Ende manchmal gar wie eine Drogenphantasie, ein
Mysterythriller oder wie ein absurdes Kabarettstück erscheinen und
doch bewahren sie alle, zumindest irgendwie, einen realen Kern.
Und sie alle handeln von einer
bestimmten Thematik: Der Rückeroberung.
Was abenteuerlich klingt, ist in
Wirklichkeit sehr banal und alltäglich, denn WIR ALLE sind jederzeit
und überall davon betroffen. Oftmals bei ganz normalen Tätigkeiten,
denen wir keinerlei besondere Bedeutung zumessen…
Der Gartenbesitzer der den Rasen mäht
und die Hecke schneidet, ein Patient im Krankenhaus, der nach einem
Unfall, Krankheit oder einer OP wieder auf die Beine zu kommen
versucht oder der genervte Nachbar , der die Polizei ruft damit in
der Wohnung nebenan endlich die laute Musik abgestellt wird.
All das hat mit „RÜCKEROBERUNG“ zu
tun – Jemand der sich „etwas Verlorenes“ wieder zurückholt.
Der Gartenbesitzer zum Beispiel
betreibt durch das Mähen und Heckeschneiden eben genau das: Er
erobert sich seinen Garten von der Natur zurück, die Natur
ihrerseits macht ebenfalls das, was sie schon immer tat, sie holt
sich das Territorium anschließend wieder zurück.
Ein ewiger Kampf, ein Kräftemessen,
ein Machtausüben und Aufrüsten auf beiden Seiten.
Der Rasenmäher wird moderner und
effizienter, die Heckenschere schärfer und die Gartenwerkzeuge
besser – Die Pflanzen im Garten lassen sich nicht einschüchtern,
Äste werden dicker, Wurzeln gehen tiefer, Unkraut wuchert, neues
siedelt sich an.
Schaut dann noch der Maulwurf vorbei
oder die Nachbarskatze hat den Garten zum Privatklo erklärt,
entbrennt oftmals eine weitere „Steigerung“ der gegenseitigen
Eroberung und RÜCKeroberung, zwischen Mensch und Natur.
Aber auch die Hausfrau, die ihren Mann
auffordert „endlich das Geraffel aus der Garage zu räumen, damit
das Auto wieder hineinpasst“, betreibt RÜCKEROBERUNG.
Und auch die Mitarbeiter der Deutschen
Bahn, welche die Züge und Wagons von Graffiti säubern, betreiben so
etwas wie RÜCKEROBERUNG… Natürlich sehen die Sprayer ihrerseits
darin die Motivation, diese von den Bahnbediensteten Zurückeroberten
Waggons mit ihrer „Kunst“ ebenfalls wieder… „ZURÜCKZUEROBERN“.
Ein niemals enden wollender Kreislauf, ein ewiger Machtkampf, ein
Kräftemessen in der Endlosschleife.
Machtkämpfe finden eben nicht nur in
Wirtschaft, Kirche und Politik statt, nicht nur in Chefetagen und
reichen Familiendynastien.
Das lästige Wegfegen von Spinnenweben
in der Zimmerecke ist im übertragenen Sinne auch nichts anderes als
ein Machtkampf – Nur dass darüber wohl niemand einen Kinofilm,
Fensehbericht oder Roman schreiben wird.
…Außer Franz Hohler natürlich, der
macht sowas, weil ER es KANN.
(Im Falle dieser
Kurzgeschichtensammlung wäre es am Ende aber dann wahrscheinlich so,
dass die Spinne in der Zimmerecke eines Tages zwei Meter groß ist
oder das Bundesartenschutzamt einem verbietet die Spinne und ihr Netz
zu entfernen, weil sie vom Aussterben bedroht ist… Und am Ende der
Geschichte die ganze Bude in Flammen aufgeht oder die ganze Stadt von
Spinnen dieser Art besiedelt ist.)
AUS „NORMAL“ WIRD… ABSURD
Ein Mann verlässt sein Hotel, er tritt
auf die Straße und schaut sich um…
Der Mann ist Berufsmusiker, Cellist
genau genommen, hat mit Politik und allem was damit zu tun hat
eigentlich nichts am Hut, vor allem nicht heute…
Nein, heute möchte er einfach nur
einen Spaziergang machen, denn Bozen ist eine überaus interessante
und sehenswerte Stadt…
So beginnt der Mann seinen kleinen
Spaziergang durch das schöne Bozen, in einer kleinen Gasse, trifft
er auf einen hässlichen, kleinen, alten Mann mit giftgelben Zähnen…
Wenig später stiefelt der Mann der
doch eigentlich Berufsmusiker ist, in einer bescheuerten Verkleidung
und mit einem Sprengsatz unter dem Arm durch einen Abwasserkanal, um
eine Statue zu sprengen…
Am Ende fliegt diese Statue, das
Denkmal irgendeines Typen, welches dem Mann vollkommen egal ist aber
nach Ansicht des alten Mannes und seiner Enkelin an der falschen
Stelle steht und deshalb weg soll, mit Karacho in die Luft…
Der Berufsmusiker weiß weder so ganz
genau warum dieses Denkmal in die Luft gejagt werden musste, noch
begreift er er die politischen Hintergründe…
…er hat sich nur dazu überreden
lassen, WEIL die bildhübsche Enkelin des hässlichen, alten Mannes
ihn so verführerisch darum geben hat und ER sie beeindrucken wollte.
GENAU SO FUNKTIONERT MANIPULATION –
Und so absurd die Geschichte auch sein mag, am Ende zeigt sie auf
eine subtile Art und Weise, wie schnell man in den Sog irgendwelcher
zwielichtigen Gestalten kommen und selber zum „Täter“ werden
kann.
Da haben wir sie also auch schon
wieder, Franz Hohlers politisches Engagement.
Und so sind sie fast alle, diese zu
Anfang noch stinknormalen Geschichten, die dann ganz schnell sehr
absonderlich werden, ihre Kernbotschaft (wenn sie denn eine haben)
aber dennoch behalten. Man kann danach suchen und dadurch ins Grübeln
kommen oder man lässt es und amüsiert, gruselt oder schüttelt sich
darüber…
Denn oft reicht es auch einfach, sich
von diesen Geschichten UNTERHALTEN zu lassen! Und erfahrungsgemäß
ist jede Einzelne von ihnen nicht nur einzigartig, sondern auch immer
ein Erlebnis!
Jede auf ihre eigene Art und Weise:
-Da ist der Geist eines dickköpfigen
Landwirtes, der arglose Autofahrer im wahrsten Sinne des Wortes „Zu
Tode Erschreckt“, bis ihm die Behörden das (wieder)geben, was sie
ihm zu Lebzeiten abgeluchst hatten.
-Da ist der Mann, der sich eines Tages
fragt, was wohl aus seiner alten Jungendliebe geworden ist und aus
dem Halstuch, das er ihr einst schenkte. Am Ende hat er einen
unheimlichen Mord und eine Geschichte voller Rache, Trauer,
herzergreifender Liebe und schwarzer Magie aufgedeckt.
-Da ist die Natur, die eines Tages mit
einer fast schon grauenerregenden Alltäglichkeit, unaufhaltsam und
unberechenbar die Großstädte zurückerobert. Die Menschen versuchen
zwar sich damit zu arrangieren aber am Ende kapitulieren die Meisten
und werden selber wieder zu halben Tieren.
-Da ist der Mann, der im Schlaf immer
von einem türkischen Terroristen träumt, eines Tages in einem
türkischen Restaurant das Foto seines Vaters an der Wand erkennt und
dadurch in etwas hineingerät, von dem er niemals zu träumen gewagt
hätte. Am Ende ist es aber der Leser, der dasteht und glaubt
geträumt zu haben…
-Da ist der Langläufer, arrogant und
immer darauf aus, der Erste und der Schnellste zu sein. Bis ihm eines
Morgens ein Gegner begegnet, den er nicht schlagen kann und das
Kräftemessen mit diesem Konkurrenten teuer bezahlen muss.
Bei einigen der Geschichten wäre es
sehr passend, würde danach sofort Jonathan Frakes in Bild laufen und
fragen: „Was glauben Sie? Ist diese Geschichte WAHR oder FALSCH?“.
Andererseits beweist Hohler aber auch
eine Menge Humor, wenn er in einer anderen Geschichte einen
Familienvater allmählich in einen regelrechten Sparsamkeitswahn
verfallen lässt, der ebenfalls wieder ins Absurde gipfelt.
Ganz zum Schluss, als die Spannung
dieser Erzählung und der Wahn des Mannes am heftigsten sind… Ist
sie auf einmal zu ende, die Geschichte.
Und Hohler gibt uns mehrere Denkanstöße
zur Auswahl, wie unserer Meinung nach die Geschichte wohl enden
könnte und was aus den einzelnen Figuren der Geschichte werden
könnte.
Und erst da bemerkt der Leser, wie
selten dämlich der Vater, seine Sparsamkeitspsychose und auch die
Probleme der einzelnen Familienmitglieder doch eigentlich sind.
Und man fragt sich…
JA HABEN DIE DENN SONST KEINE
PROBLEME!!?!?!!?
Eine weitere der Geschichten, ist
gerade mal Eindreiviertel Seiten lang, mehr eine Art „Auflistung“
verschiedener Möglichkeiten, was passieren könnte…
Aber selbst während dieser
eindreiviertel Seiten, geben sich Drama, Absurdität, Satire und
Philosophie die Klinke in die Hand und man beginnt wieder zu grübeln.
In diesem Fall über das „Schicksal“ an sich.
Womit ein noch ausstehender Punkt
dieser Kritik noch unangesprochen geblieben wäre…
QUALITÄT BRAUCHT KEINE UNMENGEN
Wofür eine Karin Slaughter oder ein
Sebastian Fitzek zweihundert, dreihundert oder sogar fünfhundert
Seiten und achwerweißwas für ausgefeilte Charakterdetails brauchen,
damit ihre zum Teil wirklich absurden Thriller einen einigermaßen
stabilen Boden unter den Füßen haben…
…bekommt ein Franz Hohler innerhalb
von zwanzig Seiten dasselbe hin und man ist als Leser am Ende genauso
unterhalten worden, wie bei einem dieser
500-Seiten-Psycho-Krimi-Action-Thriller von der Stange.
Ein verstörend-schönes Beispiel dafür
ist die Kurzgeschichte: „Das Halstuch“
In der bereits erwähnten Geschichte,
geht es um einen Mann, der sich fragt, was wohl aus seiner alten
Jugendliebe geworden ist und auch, ob sie wohl noch das Halstuch hat,
welches er ihr einst schenkte…
Nun könnte man meinen, dass der alten
Jugendliebe etwas zugestoßen sein könnte und der Mann sich (wie es
in diesen Fließbandthrillern so oft vorkommt) seiner düsteren
Vergangenheit und dem psychisch kranken Täter stellen muss…
Aber falsch gedacht! Denn der Mann ist
einfach nur ein Mann, der zusammen mit einem befreundeten
Staatsanwalt eher zufällig einen bizarren Mord aufdeckt… Ein alter
Nazi, der von jemandem mit bloßen Händen in seiner Arrestzelle
erwürgt wurde, obwohl diese von außen abgeschlossen und niemand
außer ihm anwesend war als es passierte, ist das Opfer.
Der Mann beginnt zu forschen, weil sich
das Halstuch, welches der alte Nazi um den Hals trug, als genau jenes
Halstuch herausstellt, welches einst die Jugendliebe des Mannes von
ihm persönlich als Geschenk bekam.
So ermittelt der Mann ein bisschen auf
eigene Faust, nicht so sehr weil ihm der miese, alte Nazidreckssack
leid täte aber er will nur zu gerne erfahren, wie und warum dieses
Halstuch in dieser Zelle und um den Hals ausgerechnet dieses
widerlichen Kerls enden musste.
Fast unbemerkt wandelt sich diese
Geschichte innerhalb ihrer zwanzig Seiten von einer
Alltagsgeschichte, in eine Mysterymärchen, das einem erst das Blut
in den Adern gefrieren lässt und am Ende einen Kloß im Halse
erzeugt…
Der einfühlsame Leser wird sich am
Ende höchstwahrscheinlich zurücklehnen und denken: „Oooch wie
traurig! Aber schön, dass die alte Frau ihre Gerechtigkeit doch noch
bekommen hat!“
Und wieder ist es fast, als wenn jeden
Moment Jonathan Frakes ins Zimmer geschlendert kommt und mit einem
feschen Grinsen im Gesicht seine Lieblingsfrage stellt:
„Was meinen Sie? Ist diese Geschichte
WAHR oder FALSCH? Bevor Sie entscheiden, bedenken Sie immer dass es
vielleicht mehr da draußen gibt, als wir uns vorstellen können!“
Doch der geneigte Leser hat dazu keine
Zeit, denn er wird nicht anders können, als sich zu sagen: „Okay!
Die eine Geschichte lese ich noch! Aber dann ist Schluss… Naja…
Obwohl… Nagut! Danach könnte ich ja noch die Nächste… Die geht
ja nur vier Seiten… Ach scheiß drauf! Ich lese sie einfach alle!
Beiseitelegen… Das schaff ich nicht!“
Und das ist der wohl größte Wert
dieses Buches, dieser Geschichtensammlung:
Sie unterhält einen bis zum Schluss
und von Komik, Fantasy bis zu Mord und Totschlag ist alles vertreten.
Und das auf gerademal 109-Seiten,
verteilt auf gerademal neun Kurzgeschichten
FAZIT
Wenn wir von „Rückeroberung“
sprechen, so sprechen wir immer auch in einem gewissen Sinne von
„Krieg“.
Und genau das ist es, was in vielen
Geschichten passiert! Es findet eine Art Krieg statt, mal ganz
offensiv, für alle sichtbar und mal ganz subtil im Verborgenen oder
auf eine total bekloppte Art und Weise.
Aber immer mit jeder Menge Phantasie
und einem zugegeben, teilweise doch sehr „frechem“ bis „sehr
sehr schwarzem““Humor“ – Wenn man das so nennen darf:
Es werden Kinder von Wölfen gefressen
(mitten in der Innenstadt!), Autofahrer werden von einem Gespenst von
der Straße „abgedrängt“ und kommen um, ein Nazi wird in seiner
Zelle erwürgt obwohl er ganz alleine ist, türkische
Bandenmitglieder erschießen sich gegenseitig, ein Denkmal fliegt mit
Karacho in die Luft…
Eines kann man sich bei dieser
Kurzgeschichtensammlung merken: Langeweile kommt nie auf!
Schon weil diese Werke viel zu
unterschiedlich, zu kreativ und oftmals viel zu action- und
ironiegeladen sind. Mal ist man entsetzt, mal lacht man laut los, mal
fiebert man mit und wenig später ist man zutiefst ergriffen.
Bei manchen der Geschichten ist nicht
sofort klar, WAS darin die „Rückeroberung“ darstellt… Aber
glaubt mir, eine „Rückeroberung“ findet immer statt. Manchmal
sogar mehrmals, der Trick ist dann der, diese kleinen
„Rückeroberungen“ auch zu finden, zwischen diesem ganzen
Wahnsinn in den Geschichten.
Damit es aber nicht zu absurd wird, hat
Hohler aber auch immer noch eine „Moral hinter der Geschich`t“
verbaut. Ob man diese nun sucht, ob sie einem mit etwas logischem
Denkvermögen von alleine entgegenspringt oder ob man einfach nur in
diesen absurd-schönen, kleinen Welten versinkt…
Das bleibt jedem überlassen.
ICH für meinen Teil habe etwas aus
diesem Buch und seinen Geschichten mitgenommen.
Denn seit dem begutachte ich immer mal
wieder meinen Alltag und meine Umgebung und schaue, wo wohl gerade in
diesem Moment eine diese „RÜCKEROBERUNGEN“ stattfindet.
Und ich kann euch sagen, meine lieben
Freunde!
Es passiert immer und überall, man
muss nur ganz genau hinsehen!
In diesem Sinne empfehle ich den
Lieblingsratschlag eines ehemaligen Lehrers von mir, der immer voller
Begeisterung zu sagen pflegte:
„Probieren Sie es aus!!!“
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Franz Hohler
„Die Rückeroberung“ –
Kurzgeschichten
Taschenbuch
btb
Ersterscheinung 2012
Preis: 7,99€
PERSÖNLICHE NOTE: 1
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=LETZTER AKT=
Nach einigen Tagen
„HARDCORE-SURVIVAL-CAMPING“ unter den mächtigen Blättern eines
zwölf Stockwerke hohen Löwenzahns, beschließen Cayman und Der
Kameramann, dass es Zeit ist aufzubrechen.
Etwas unsicher blicken sich beide um.
Cayman kratzt sich am Kopf: „Sag mal…
Weißt du noch, von woher wir gekommen sind?!“
Der Kameramann schaut sich um: „Nö,
alles sieht gleich grün aus!“
Cayman: „Und was machen wir jetzt?!“
Der Kameramann hebt mahnend den
Zeigefinger: „Na DAS, was alle Survival-Experten in so einer
Situation machen!“
Cayman: „Und das wäre?!“
Bedächtig holt der Kameramann einen
Gegenstand aus dem Rucksack, es ist ein altes Artefakt, welches schon
so manch Verirrtem das Leben rettete…
Cayman und Der Kameramann halten es in
Händen, dann beginnt Cayman zu sprechen…
Cayman: „Oooohhh… MAGISCHE
MIESMUSCHEL!! Sage uns! WAS SOLLEN WIR TUN?!“
Der Kameramann zieht an der Schnur…
DIE MAGISCHE MIESMUSCHEL SAGT: „Gar
nichts!“
Beide blicken sich an… Zucken mit den
Schultern… Dann setzen sie sich wieder an das Lagerfeuer unter dem
übergroßen Löwenzahn…
Bedächtig packen sie die MAGISCHE
MIESMUSCHEL wieder in den Rucksack…
O-Ton sagen Cayman und der Kameramann:
„Geheiligt sei die MAGISCHE MIESMUSCHEL!“
Dann wenden sie sich wieder dem
Lagerfeuer zu…
Cayman schaut noch einmal auf das
verfallene Gebäude, in dessen Nähe sie ihr Lager aufgeschlagen
haben: „Ich glaube jetzt verstehe ich auch, wieso die mit dem
Flughafen hier einfach nicht weiterkommen…“
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann
zelten sie noch heute…