Mittwoch, 5. Oktober 2022

 

Cayman liest > Heinz Strunk > "Ein Sommer in Niendorf" > Romann

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Erster Teil des letzten Tages im Sommer

 
 
 Es wird Herbst.

Wenn es eine Tatsache gibt, welche sich nun mehr und mehr durch die bis jetzt noch gleißende Sommerhitze sickern lässt, dann ebenjene. Der Sommer 2022 wird sein jähes Ende finden - erst nur ganz leicht runzelig, dann blass und faltig werden und zum Schluss, wohl weitaus schneller, als man denkt, sich zu seinen Ahnen gesellen.

Noch jedoch, da ist es nur ein einzelnes, graues Haar an der Schläfe, ein leichtes Ziehen im rechten oder linken Kniegelenk, ein „besser die Zeitung lesen können mit der neuen Gleitsichtbrille“, sprich einfach so ein Gefühl, dass die Zeit niemals auch nur auf die Idee kommen könnte, stehen zu bleiben.

Noch laufen sie in kurzen Ärmeln und kurzen Hosen an der Promenade entlang, noch wird Eis verkauft wie blöd, noch knallt die Sonne von oben und ihre ausgesendete Hitze von den Pflastersteinen zurück nach oben – Doppelgrill also, wenn man es so sehen will, von unten, wie von oben knusprig-braungebrannt.

Noch sitzen sie, sich vor der ärgsten UV-Strahlung schützend in ihren Strandkörben, noch liegen die ganz Hartgesottenen auf ihren angemieteten Liegen oder ihren Badetüchern und nehmen mit, was noch mitzunehmen ist, an Sommerbräune.

Und noch, da riecht jeder zweite im vorbeigehen irgendwie nach Sonnencreme.


Doch trotz allendem, macht sich der Herbst bereits jetzt bemerkbar, ohne dass man seine Existenz beweisen zu könnte, anhand irgendwelcher greifbaren Belege.

Ist es der Einstrahlwinkel der Sonne? Ist es die Art, wie das Sonnenlicht den Boden erreicht? Macht es sich bemerkbar, dass sie sich langsam aber sicher entfernt? Ist es dieser „Hauch“ in der Luft, diese microfeine Geruchsnote von Feuchtigkeit und zerfallendem Baumgrün? Oder macht es einfach die innere Uhr?

Cayman und der Kameramann, die an einem der weißen Plastikstehtische von „Benny`s Bester Fischstube“ stehen, ihre Cola trinken und ihre frischen Krabbenbrötchen essen, können es ebenfalls nicht richtig deuten. Auch wenn die Zeichen, dass ein wahrlich heißer Sommer einem hoffentlich einigermaßen annehmbaren Herbst  (und auch Winter) folgen wird, überall um sie herum sind.

 

Cayman, der zum Niendorfer Meer herüberschaut, meint: „Tja, also DAS war er dann wohl, der Sommer. War echt heiß an so einigen Tagen…“

 

Der Kameramann nimmt einen Schluck von seiner Cola: „Jupp. Scheiß Klimawandel“

 

Cayman beißt von seinem Krabbenbrötchen ab: „Aber dasch musch mann dieschem Schommer lasschen, wir werden ihn vermischen, zumindest dieschessch Jahr“

 

Der Kameramann lässt seinen Blick nun ebenfalls über Strand und Meer schweifen: „Jepp. Scheiß Putin“

 

Cayman, der seine Coladose in die Hand nimmt, meint: „Und auch schade, dass die Fischstube abgerissen wird, damit bis kommenden Sommer dort überteuerte Eigentums-Ferienapartment-Lofts entstehen können“

 

Der Kameramann antwortet trocken: „Jopp. Scheiß geldgeile Investoren“


Eine Möwe macht im Sturzflug jagt auf das halbaufgegessene Brötchen in der Hand eines älteren Mannes, der sich sichtlich erschreckt, es aber beschützt, als ginge es um sein Leben. Und der frechen Möwe, welche wie schwerelos direkt vor seiner Nase zu schweben scheint, beinahe eine Ohrfeige verpasst. Seine Frau sagt „Achgottachgott! Die sind aber auch unverschämt hier!“. Derweil der Mann die Möwe am Ende wegwedelt, wie eine lästige Fliege.


Cayman fragt: „Und nun? Ich hatte keine Lust eine gescheite Anmoderation zu schreiben…“


Der Kameramann zuckt mit den Schultern und meint: „Tja. Dann eben nicht. FILM AB!“





Cayman liest


Dieses Mal:

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Heinz Strunk

„Ein Sommer in Niendorf“



















„Hot Summer, Dark Vibes and Fucking Crazy Shit“





















Vom „Versager“ zum deutschen Jahrhundertschriftsteller?

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Ja, Heinz Strunk „lastet“ nach wie vor das berufsbedingte „Manko“ an, halt „immer noch“ „nur“ oder hauptsächlich ein Komiker zu sein, anstatt eines richtigen, seriösen Schriftstellers. Warum jemand, der in der Lage ist Menschen bestens zu unterhalten und zum lachen zu bringen, sei es nun mit harmloser Alltagskomik oder aber sehr kritisch mit politischer Satire, nun weniger Seriös sein soll, als jemand, der dies nicht tut, ist in meinen Augen nicht nachvollziehbar.

Es sei denn man denkt ausschließlich in Schubladen, legt eine Eigenschaft einer Person über alle ihre Werte und Talente und stempelt sie so ab, damit sie möglichst platzsparend in eine Ecke hineinpasst. Denn Grautöne, Widersprüche, breitgefächerte Talent- und Schaffensmuster bekommen viele Leute halt nicht hin. Journalisten genausowenig wie Kritiker und die dumpfe Masse an Menschen da draußen schon mal erst recht nicht. Es muss eindeutig sein, sonst droht Verwirrung im enggewachsenen Oberstübchen. Und das ist nicht gut, denn das könnte das klar sortierte Weltbild ins wanken bringen. Sprich: Man müsste damit klarkommen, dass Menschen keine Pappaufsteller sind, sondern drei- wenn nicht sogar mehrdimensional und voller Widersprüche welche sich untereinander auch desöfteren gar nicht berühren.

Wobei ich persönlich ja immer fand, wenn Strunk bei „Extra3“ auftrat, dann war er nicht anders als das, was er in seinen Büchern schreibt. Direkt, frech, gar unverschämt, durchdacht, flapsig, mit intelligenten Untertönen und stets unterlegt mit der von ihm praktizierten, „Sozialen Dunkelheit“, welche auch die meisten seiner neueren Bücher bisweilen nicht nur untermalt, sondern manchmal sogar grundlegend ausmacht.

Ein Mann mit vielen Talenten, die sich jedoch alle am Ende auf die zwei wichtigsten Tugenden eines modernen, erfolgreichen Schriftstellers zurückführen lassen: 1.) Mit Sprache und Inhalten umgehen können – 2.) Sich selbst gut darstellen können.


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Eventuell, da kann es auch von Vorteil sein, unter Erwartung zu laufen, wenn man, wie Strunk großes Talent hat, welches man Stück für Stück immer weiter ausbaut. Denn keiner oder zumindest kaum einer wird das nächste große Ding erwarten, den nächsten Klopperroman, die von der Presse dann immer hochgelobte „Überraschung des Sommers/Jahrs/Der Saison/Wasauchimmer“. Scheißegal wie viele gute bis sehr gute Bücher man die Jahre zuvor bereits abgeliefert hat. Die meisten der plumpen Redakteure landesweit, wie auch das Groß der Leute da draußen wird auch nach dem zehnten mal in Folge noch erschrocken vom Hocker fallen, wenn „HUCH!!! - Der hat ja wieder ein richtig gutes und dazu auch noch deepes Buch geschrieben! Da hammwa ja gar nicht mit gerechnet!“, weil man halt immer noch „Der Typ von Extra3“ ist, der da immer so lustiges Zeugs erzählt, von dem man nur die Hälfte kapiert, weil das alles so kompliziert ist. Was auf jeden Fall weitaus besser ist, anstelle von „Schon jetzt als Jahrhundertschriftsteller gehandelt zu werden“ mit den dementsprechenden Erwartungen.

Dass man dann auch bei „Markus Lanz“ immer noch vorgestellt wird als „DER AUTOR VON UNTER ANDEREM „FLEISCH IST MEIN GEMÜSE“… Weil sich die Leute daran garantiert erinnern, weil dieser Titel, irgendwo auf BILD-Leserniveau herumdümpelnd genau die plakative Kragenweite vieler Leute ist, spricht Bände.


Und doch ist es durchaus beeindruckend, wie sich Heinz Strunk künstlerisch immer weiter entwickelt. Wobei es wie bei jedem Kunstwerk auch beim Schreiben immer so eine Sache des Zufalls ist, ob die aufgegriffenen Ideen, Figuren und Thematiken, die daraus entstehenden Dialoge, die Sprache und die stattfindenden Ereignisse und nicht zuletzt auch der Plot ein „Meisterwerk“ ergeben, oder halt nicht. Du kannst als jemand der etwas erschafft, zwar viel dafür tun, dass es gut wird, es jedoch gänzlich kontrollieren, das kannst du nicht. Und so ist es dann immer auch ein Zufall, ob der neue Roman nun ein Fall für haufenweise Buchpreise ist, nur als „Ganz okay“ in der Midlist herumdümpelt oder aber schlechte Kritiken bekommt, weil er vielleicht sogar zu Recht nicht das gelbe und auch nur so halb das weiße vom Ei ist. Mir ging es da mit „Es ist immer so schön mit dir“ so, dem Vorgängerwerk von Strunk – Ich habe es gelesen, fand es ganz nett, Strunk-Standard eben, habe es dann weggelegt und wusste einen Tag später schon nicht mehr, worum es nun eigentlich genau noch mal im Detail ging in dem Buch, weil ich es inhaltlich wie dramaturgisch extrem austauschbar fand.

Dennoch liebe ich die modernen Werke von Heinz Strunk, auch wenn ab und zu mal eines dabei ist, das mich nicht ganz so sehr mitnimmt. Zumal ich seinen Werdegang - vom quasi mittellosen, arbeitslosen, hoffnungslosen Sozialfall, der von sich selber sagt „Meine Mutter ist in der Überzeugung gestorben, dass ihr Sohn ein Versager ist“, zu einem DER neuen deutschen Schriftsteller, der immer wieder große Unterhaltung heraushaut, mal deeper, mal einfach sehr spaßig, mal abgrundtief böse und dunkel und mal einfach pure satirisch – wirklich unglaublich beeindruckend finde.


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Und alleine schon dafür lohnt es sich, immer wenn es wieder so weit ist, in den nächsten Buchladen zu rennen (((UND NICHT BEI AMAZON ZU BESTELLEN –  DENN JEFF BEZOS HAT GENUG GELD))) und sich wieder einmal anzuschauen, was der Strunk nun wieder fabriziert hat.

Und wer weiß, wenn er so weitermacht, dann wird man sich vielleicht noch in hundert Jahren an ihn erinnern. Wobei man jedoch auch bei solchen Lobpreisungen vom Voraus vorsichtig sein sollte, denn letzten Ende ist auch ein „Jahrhundert-Irgendwas“ zu werden, wie eben ein „Jahrhundert-Meisterwerk“ abzuliefern, immer ebenfalls ein großes Produkt des Zufalls. Egal wie viel Mühe man sich auch gibt, wie gut der oder die Lektor/in ist oder wie sehr sich die Marketingabteilung vom Verlag sich den Arsch aufreißt.


Heinz Strunk aber, so sehe ich es, hat immerhin eine erkennbare Grundlage dafür, dass es bei ihm eines Tages so sein KÖNNTE :)







Er kam her um ein Buch zu schreiben, endete mit dem Finger im Arsch und fand schließlich doch noch die große Liebe

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Wie immer oder gerne oft bei Strunk, da haben wir es mit Männern im mittleren oder, sagen wir mal „Weiße Männer“-Klischeealter zu tun. Sie sind gerne etwas dicklich, sie hängen noch so halb oder gar verspätet, dafür jedoch jetzt erst recht in der Midlifecrisis, die besten Tage, wenn denn überhaupt, die haben sie schon längst hinter sich und irgendwie wissen sie nicht so recht, was sie nun mit sich und der Welt (noch) anfangen sollen.


So auch der von vielen Niederlagen und schiefgelaufenen Lebensentscheidungen zu einem mitmenschlichen Kotzbrocken gewordene Held in diesem Roman. Zwar hat er nicht jeglichen mitmenschlichen Verstand für immer verloren, EIGENTLICH ist er sogar noch dazu in der Lage, ein sehr liebenswerter Typ zu sein, doch dagegen stehen nicht selten seine Umwelt, sowie seine negativen Charakterzüge, über die er sich selber so manches mal ärgert oder immerhin erschreckt.


Immerhin beruflich und monetär hat vieles gut geklappt, denn Roth, der Held hat Geld. Gut, seine Exfrau hat sich in eine religiöse Fanatikerin verwandelt, seine Tochter ist eine wandelnde Vollkatastrophe, die mit einem Bein im Gefängnis steht und von der einstigen Familien-Firmendynastie ist auch nichts mehr übrig, außer halt vielen nichtssagenden Erinnerungen. Und genau das, so denkt Roth, wäre es doch wert aufzuschreiben, als Memoiren, als spannende Familiengeschichte in Buchform zu verschachern. Jetzt muss halt nur noch jemand gefunden werden, der dies auch tut. Denn der kotzbrockige Vater hat auf unzähligen Bändern seine nichtendenwollenden Monologe eingesprochen, und irgendwo zwischen diesem sinnentleerten Gesabbel, ja da vermutet Roth eine spannende Familienhistorie.


Und da dieses „Schreiben“ ja nicht so schwer sein kann, wie diese Schriftsteller immer behaupten und er bis zu seinem Antritt beim neuen Arbeitgeber als Manager sowieso nichts zu tun hat und mal ausspannen möchte, mach er also Urlaub… In NIENDORF.


Gesagt, entschieden, getan: Die passende, etwas eintönige, aber vollkommen ausreichende Ferienwohnung ist schnell gefunden und schon läuft ihm das erste von vielen großen Problemen über den Weg. In diesem Fall der komplett verbrauchte, alkoholabhängige, aber dennoch erstaunlich vitale Verwalter unter anderem seiner Wohnung… HERR BREDA.


Ein Mann, welcher Roth von da an gewollt wie ungewollt bis überall hin verfolgt. Denn der gute Breda ist außerdem der Mann fürs Grobe beim größten Strandkorbverleiher in Niendorf UND Betreiber eines mehr oder weniger exklusiven, aber garantiert sehr überteuerten Spirituosenladens. Breda wird Roths Dämon, ein Wahngebilde, ein unerträgliches Anhängsel und letzten Endes das beste, was Roth passieren konnte. Denn Breda, dieses total kaputte Individuum, dieser menschliche Schrotthaufen, er wird nicht nur Roths schlimmster, mitmenschlicher Albtraum, sondern auch Wegbereiter in ein völlig neues Leben.


Aber soweit sind wir noch nicht: Denn erst einmal, da will das Buch geschrieben werden, da wollen die Tonbänder vom Vater ausgehört, ausgewertet und perfekt in Szene gesetzt dann auch aufgeschrieben werden. Womit sich im Roman, innerhalb der Handlung der Faden immer wieder gekonnt ein bisschen verliert und das Thema der Schriftstellerei aufgreift. Mal weniger beherzt, mal aber auch durchaus reflektiert – Und klingt dabei fast ein bisschen so, als wolle er sich darüber lustig machen, dass er im Grunde genau DAS getan hat, für was die Kritik dieses Buch nun am meisten lobt:


ZITAT – Seite 203:

Auch eine Möglichkeit: sich mit Zitaten über Wasser halten. Kurzer eigener Satz, langes Zitat. Thomas Mann passt immer. Noch eine Möglichkeit: Es fehlt ein einziger, initialer Satz, der Urknallsatz. Unter den Milliarden und Abermilliarden gibt es ein Sesam öffne dich!, und wenn er das gefunden hat, schreibt sich das Buch von selbst. Die Ader an seinem Halsansatz pocht vor Erregung. Der Satz ist ganz tief in seinem Kopf vergraben, er braucht diesen wertvollen Schatz nur noch zu heben.“


Doch so einfach ist es dann beiweitem nicht, vor allem dann nicht, wenn die eigene Familiengeschichte so langweilig und ereignislos ist, wie die Sonntagszeitung mit ihren immergleichen Werbeanzeigen. Und das monotone Dauergesülze seines Vaters im höheren Alter auf den Bändern macht die Sache nicht besser, sondern nur noch weitaus schlimmer.


Drum stellt Roth irgendwann ernüchtert fest:


ZITAT- Seite 189:

Ein Buch zu schreiben ist, wie Wasser aus einem Stein zu pressen, das weiß er jetzt. Es hat sich herausgestellt, dass er vielleicht nicht der Talentierteste ist, aber Begabung ist sowieso nur ein Versprechen, das selten eingelöst wird.“


Da Roth allerdings ein MACHER ist, der sich niemals einschüchtern oder von seinen Plänen abbringen lässt, für den Aufgeben oder sich einen neuen Plan überlegen, ja nicht einmal den aktuellen Plan mal zu überdenken eine Option ist, macht er einfach weiter. Und versinkt im Schreiben mehr und mehr in Mühseligkeit, Überforderung, Alkoholexzessen und Wahnsinn.


Derweil versinkt auch die Handlung immer wieder in Wahnsinn und der Strunk-typischen Schnodderigkeit:


ZITAT- Seite 113:

Breda sieht aus wie eine Schnecke, die jemand gegen eine Wand geworfen hat und die nun in Zeitlupe zu Boden gleitet. Zwischen seinen auf- und zuklappenden Lippen hängt ein Dutzend zitternder Speichelfäden, am Rand seines Weinglases kleben Speisereste“.


ZITAT – Seite 114:

<<Leer gewichst und vollgefressen.>>

Breda stößt eine Reihe grotesker Laute aus.

<<Misstraust du einem Menschen, dann stell ihn nicht ein. Stellst du ihn aber ein, dann misstraue ihm. Hahaha.>>

Nicht nur sein Körper hat Schlagseite. Eine blähbauchige Froschmajestät aus dem Urschleim, von den eigenen Faulgasen an die Oberfläche getrieben.

<<Die sollen sich mal den Kopf aus dem eigenen Arsch schrauben lassen.>>

<<Wer?>>

<<Alle eben, Dr. Roth, alle. Die sollten sich den Kopf aus dem eigenen Arsch schrauben lassen, hahaha.>>”


Dazwischen dann, zeichnet Strunk immer mal wieder kleine, bildhafte Meisterwerke, wenn er beispielsweise das Meer, die Landschaft und deren Farbenspiel wiedergibt. Denn auch wenn Niendorf ebenfalls so seine ausufernd-dargestellten Schattenseiten hat, so schön ist es auf der anderen Seite.


Und in all diesem Schnodder, dem Elend, der sich zunehmend verfinsternden Atmosphäre der Handlung, dem immer stärkeren Abdriften Roths in Verzweiflung, Selbstzweifeln, Alkohol und Verelendung, sowie seinem völlig überhobenen Buchprojekt… Da streut Strunk dann eben die Schriftstellerei als deutlichen Unterton. Denn immer wieder, da verliert sich die Handlung in der Historie der „GRUPPE 47“, einer einst legendären Versammlung von Eliteschriftstellern. Dass Strunk damit nur einen möglichst für Literaturjurys, Kritiker und anspruchsvolle Leser anlockenden Unterbau haben will, der am Ende zu nichts führt, ist klar, gibt er ja sogar selber mehr oder weniger scherzhaft zu.


Aber es funktioniert, und manchmal verwendet er diese Elemente dann zudem dafür, um in der Handlung an sich zusätzlich für Dramatik oder immerhin Stimmung zu sorgen.


Roth derweil, versinkt immer weiter in Kontrollverlust. Dass die Welt um ihn herum dabei keine Pause macht, sondern ihm noch weitere Fallstricke in den Weg legt, ist da schon fast geschenkt. Schließlich verkommt Roth zum Stalker, er verliebt sich warum auch immer in eine junge Frau, verfolgt sie, belästigt sie… Und bekommt von ihr und ihrem Freund am Ende einen Denkzettel verpasst.


Und gerade als man sich sicher ist, dass Roth den Roman in seinem Zustand nicht überleben wird…


Da wendet sich das Blatt auf einmal auf eine durchaus erwartbar-unerwartete Weise und ehe er sich versieht, bietet ihm das Leben völlig neue Chancen, welche vorher niemals auch nur im Ansatz im Raum standen.


Insofern kann man durchaus schimpfen, dass dieser Roman „PSEUDOINTELLEKTUELL“ ist, was auch irgendwo stimmt – Jedoch wird man dennoch bestens, in den größten Momenten auf Thrillerniveau unterhalten.


Ob „Ein Sommer in Niendorf“ also „Midcult“ ist oder nicht, kann man sehr gerne diskutieren. Doch wenn dem so ist, ja dann haben wir es hierbei mit AAA-Midcult zu tun, der jeden Euro, jede Seite wert ist.







Wenn Journalist*Innen im Feminismusmodus alles falsch verstehen (wollen)

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Nun ist es mit Literatur, wie mit jeder Form von Kunst immer so eine Sache: Sie kann uneindeutig sein, sodass jeder alles hinein interpretieren kann oder aber, sie ist eindeutig und gibt bestimmte, grundsätzliche Botschaften wieder.

Da ist es dann immer wieder unterhaltsam, wenn manche Leute mit beinahe schon verschwörungstheoretischer Leidenschaft Dinge sehen wollen, die da nicht existieren.


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https://www.deutschlandfunkkultur.de/heinz-strunk-sommer-in-niendorf-buchkritik-rezension-100.html


Bei Heinz Strunk, da wird weder an Männern, noch an Frauen ein gutes Stück gelassen. Dies gilt auch für jedes Alter oder Figuren mit Behinderungen. Alle haben irgendwie einen an der Klatsche, alle laufen ihren ganz persönlichen Phantasiegebilden hinterher, leben in ihren eigenen Welten, bauen deshalb gerne mal Scheiße, verlaufen oder verrennen sich, sind nur selten wirklich sympathisch, machen sich gerne lächerlich und haben ihre Abgründe. Da verwundert es natürlich nicht, dass Männer meistens so sind, wie sie nicht selten auch in der Realität sind (Manche aber auch nicht) und Frauen ebenfalls nicht selten so ticken, wie sie halt ticken (In manchen Fällen aber auch nicht). Und in jenen sozialen Milieus in denen Strunk wildert, ja man muss es einfach so sagen, da sind die Männer meistens die schwanzgesteuerten Alphamännchen, oder wären es gerne, bis sie früher oder später dafür auf die Fresse bekommen und das nicht zu knapp.

Und genau das passiert dem Helden in diesem Roman gleich mehrmals, einmal sogar so richtig. Verdientermaßen, denn so sympathisch manche seiner Charakterzüge auch sind, so unsympathisch ist vieles andere an ihm. Wobei sich vieles früher oder später, wieso er so geworden ist, wie er nun einmal ist, entweder andeutet oder sogar sehr naheliegend erklärt. Und man spätestens dann merkt:

„Hey! Dieser Typ ist nicht anders, als die allermeisten anderen Leute auf der Welt!“.


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Hat die nun zitierte Kritikerin von DLF-Kultur aber nicht, denn sie sieht in feministischer Verblendung oder besser „Femizorn“ - Den Begriff habe ich neulich auf der Meinungsmülldeponie Twitter aufgeschnappt – nur, dass hier offenbar primitive MÄNNERLITERATUR stattfindet! Angelehnt an Thomas Mann, aber dummerweise nicht mal ansatzweise kulturell so tiefgreifend wie bei ihm… Ach herrjeh!


ZITAT:

Heinz Strunk hat „Ein Sommer in Niendorf“ damit deutlich an Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ angelehnt und gibt seiner stereotypen Männlichkeitsgeschichte einen künstlerischen Anstrich: Genauso wie Gustav Aschenbach in Venedig zu dem sich jugendlich gebenden Greis wird, den er am Anfang seiner Reise noch verachtet, obwohl er ihn bereits in sich getragen hat, wird der bürgerliche Dr. Roth zum infantilen Ekel.“


Und ZITAT:

Dabei fehlt es dem Roman von Strunk aber an der gedanklichen Tiefe und ironischen Doppelbödigkeit, die Thomas Manns Novelle auszeichnet. Alles in „Ein Sommer in Niendorf“ ist von einer Deutlichkeit, die nicht mehr ironisch unterlaufen werden kann, bis hin zur Sprache, die sich häufig auf die Aufzählung von Unästhetischem beschränkt.“


Nun sollte man bei Heinz Strunk jedoch wissen, und da kommt dann wieder der „Extra3“-Satiriker in ihm durch, dass er nicht mit dem feinen 0,5mm Edding die Linien malt, sondern gerne mit dem groben Malerpinsel der schon bessere Tage gesehen hat vorkleistert und dann nacharbeitet (Oder eben auch nicht). So kommt dann dabei heraus, dass auf der einen Buchseite ein Erzählstil vorherrscht, der reinstes Stammtischgesabbel ist, auf der nächsten plötzlich pure Satire wütet und schon auf der kommenden Seite, da befindet man sich auf einmal sprachlich und atmosphärisch mit der Nase vor einem mit viel Hingebung gemaltem Ölgemälde, das wirkt wie von Meisterhand erschaffen. Nur um dann zehn Zeilen später wieder am Stammtisch zu sitzen und über irgendwelche primitiven Wortwitze zu prusten oder den Kopf zu schütteln.

(Könnte es also sein, dass Strunk mit der Thomas Mann Thematik einfach nur spielt und so tut als ob? Weil es ein guter Unterbau ist, damit Leute denken „Aha! Kultur! Na dann muss das ja kulturell anspruchsvoll sein!“?) -Und in Wahrheit aber einfach nur verarscht und das ist die Grundironie des gesamten Romans?


In diesem Roman sogar wortwörtlich – Denn der Held wechselt zeitweilig seinen Aufenthaltsort zwischen der malerisch-beschriebenen Urlaubswelt von Niendorf und der absoluten Assi-Absack-Kneipe „SPINNER“, wie mancher Politiker seine Meinung. Und vielleicht sollte man auch noch erwähnen, dass der Held in seinem Urlaub mit so ziemlich allen Problemen, welche sich die letzten Jahrzehnte in seinem Leben aufgestaut haben, in Rekordzeit und auf einmal konfrontiert wird. Inklusive derer, die er sich dann auch noch selber macht.


Hat die Kritikerin von DLF-Kultur aber auch nicht begriffen, stattdessen empört sie sich lieber über ihr Lieblingsthema:


ZITAT:

Verachtung für Frauenkörper“


Nur um diesen Absatz damit zu beginnen, wie sehr Strunk auch Männerkörper zu verachten scheint, denn…


ZITAT:

Breda etwa wird beschrieben als „Typ krummer, langer Lulatsch mit Plauze, strohiges Haar, pergamenthäutig, dünne Ärmchen und Beinchen, hat das Äußere eines chronischen Alkoholikers.“


Weil gute Strukturierung der eigenen Aussagen und Texte ist ganz was schweres.


ZITAT:

Humor entsteht in diesem Roman vorwiegend durch den verächtlichen Blick auf die Körperlichkeit der Figuren. Dieser Blick auf den verfallenden männlichen Körper ist hier für eine solche Erzählung von Männern in der Krise genauso stereotyp wie die Frauenfiguren im Roman.“


Was gelogen ist, denn auch die meisten weiblichen Figuren leiden wie der Held unter selbstgemachten und nicht-selbstgemachten Problemen. Es gibt nicht nur Männer in der Krise, sondern auch Frauen in der Krise, von jung bis älter ist ebenfalls alles dabei.


Aber da die Kritikerin gerade einen Lauf hat und das Buch scheinbar nur überflogen hat, anstatt es richtig zu lesen, macht sie so weiter…


ZITAT:

Da gibt es die Ex-Frau, die zum Feindbild geworden ist und schließlich geschlagen wird, weil sie sich gefühlskalt um ihre eigenen Bedürfnisse kümmert.“


Auch das ist schlicht entweder gelogen oder aber sehr schlecht interpretiert. Denn auch die Frau des Helden hatte und hat mit ihren eigenen Lebenskrisen zu kämpfen. Und wählte eine Lösung, die keine ist. Sprich, sie versteckt sich hinter religiösem Fanatismus. Der Hauptgrund, weshalb die Ehe zu Bruch ging. Roth, der seine Frau am liebsten in ihrem Ursprungszustand zurückhaben möchte, als sie noch ein normaler Mensch und keine kaputte Religionsfanatikern war, kann kaum ertragen, was aus dem von ihm einst geliebten Wesen geworden ist. Drum versucht er, in beeindruckender Tolpatschigkeit immer wieder, sie in ihrem verqueren Weltbild zu erschüttern. Doch seine Ex hat sich so dermaßen tief eingegraben, dass er sich die Zähne daran ausbeißt. Als darauf dann auch noch die Probleme der Tochter kommen, eskaliert die Situation schließlich und Roth knallt diesem Etwas, das mal seine Lebensgefährtin war eine. Erschrocken von seinem eigenen Verhalten und von den eventuellen Konsequenzen „flüchtet“ er und baut gleich noch viel mehr Bockmist.

Dass er besoffen mit dem Auto beinahe oder sogar tatsächlich einen Menschen totfährt, lässt die Kritikerin einfach mal weg, passt scheinbar nicht in ihre Agenda. Dass dieser Mensch ausländischer Herkunft ist und man in dieser Szene problemlos „Rassismus“ hineininterpretieren KÖNNTE, wenn man wollte, lassen wir ebenfalls mal so stehen. Im thematischen Rosinenpicken ist die Kritikerin also ausgesprochen engagiert.


ZITAT:

Und dann gibt es noch viele von Roth als hässlich wahrgenommenen Frauen, die aufgrund ihrer fehlenden Attraktivität selbst ihm als Krisenmann noch unterlegen sind.“


Und neben der lebenden Karikatur Breda noch haufenweise andere Männer, die potthässlich, kaputt oder einfach unattraktiv sind. Allen voran der Held selber, wie er mit wachsender Verzweiflung feststellt.


ZITAT:

Eine dieser körperlich abstoßenden Frauen ist dann trotzdem der Hafen, in den Roth in seiner verunsicherten Männlichkeit einlaufen kann, denn sie ist in der Lage, ihn sexuell zu befriedigen und ihm mütterliche Fürsorge entgegenzubringen. Die Krise des Mannes wird also gelindert, indem tradierte Geschlechterrollen wieder aufgerichtet werden.“


Auch das ist schlichtweg gelogen. Die neue Lebensgefährtin des Helden war vorher bereits berufstätig und bleibt es am Ende auch. Sie verbessert sich jobtechnisch sogar. Derweil der Held ganz Businessman, zwei Geschäfte aufkauft und beide gemeinsam schließlich als optisch nicht sonderlich attraktive Menschen mit diversen hinter sich gelassenen Krisen genießen, dass sie einander haben.

Worauf die Kritikerin anspielt ist eine Szene, in der die weibliche Figur den Helden verarztet und wieder aufpeppelt, nachdem dieser sich beinahe ins Krankenhaus buxiert hat. Man könnte auch sagen: Eine gelernte Altenpflegerin flickt einen alternden, mit sich selber überforderten Mann wieder zusammen und der merkt auf einmal, dass Sexyness bei Frauen doch nicht alles sein KÖNNTE… Dass diese Dame dies aber ebenfalls draufhat, auf ihre eigene Art, das bemerkt und begreift der Held später dann ebenfalls noch.

Ist übrigens sehr intelligent von der Kritikerin, einfach mal den halben Plot des Romans zu spoilern.


Schließlich, da kommt die Kritikerin zu jenem Schluss, den die woke-feministische Journalistenblase aktuell praktisch jedem zweiten Buch unterstellt, welches nicht von starken Frauen und schwachen Männern handelt:


ZITAT:

Dass solche literarische Konfektionsware als Kunst und Gesellschaftskritik ernstgenommen wird, sagt vor allem etwas über deren Rezeption aus: Es ist die Figur des in die Krise geratenen weißen Mannes, die als Seismograf für gesellschaftliche Probleme wahr- und ernstgenommen wird. Ihm wird Empathie entgegengebracht – seine Opfer dagegen werden als Staffage, als Nischenthemen wahrgenommen.


Als „Seismograph für gesellschaftliche Probleme“ kann man auch problemlos die besagte Altenpflegerin, also die neue Gefährtin des Helden nehmen, denn auch ihr Elend wird sehr genau thematisiert. Da ist dann alles dabei: Altenpflegerpersonal das mies bezahlt und schlecht behandelt wird, oder aber der Fakt, dass Pflege der eigenen Angehörigen unglaublich teuer, kraftaufreibend und ruinös ist und Familienmitglieder, welche sich dieser Aufgabe stellen, nicht selten alleine gelassen werden.


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Übrigens hat im Roman auch ein altes Ehepaar einen auftritt, bei dem der Mann seiner Frau mit großer Hingebung ein liebevoller und aufmerksamer Ehepartner ist und jede Minute, die er mit ihr verbringen darf als großes Geschenk behandelt. Die beiden sind gar so herzerwärmend-liebenswert, dass es dem Helden offen und ehrlich die Tränen in die Augen treibt.


Aber gut, die Kritikerin lebt halt in ihrer Scheinwelt. Soll sie.


Sonst gibt es noch einen Shitstorm von „Kolleg*Innen“ und „Follow_er_Innen“ und das wollen wir ja nicht.


Ist letzten Endes aber eh scheißegal, denn diese „Konfektionsware“ von Roman hat es eh bereits „geschafft“:


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Muss also eine Jury sein, die ausschließlich aus alten, dicken, straightsexuellen Männern besteht, die Frauen hassen, ununterbrochen Stammtischwitze erzählen und einen Thomas Mann nicht von einem Playboy unterscheiden können.


Amen.







FAZIT

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Also halten wir fest:


-Feministische Buchkritiker*Innen sind wütend und empört, weil Strunks neues Buch angeblich frauenverachtend ist.


-Die Stadt Lübeck ist stinkwütend, weil Niendorf immer mal wieder alles andere als vorteilhaft dargestellt wird und Strunk nebenbei auch kein Blatt vor den Mund nimmt, was die in Lübeck durchaus exzessiv betriebene Gentrifizierung angeht.


-Der Roman ist auf der Longlist des deutschen Buchpreises und hat durchaus Chancen zu gewinnen.


-Heinz Strunk wird nun auf einmal mit Thomas Mann und anderen Jahrhundertgrößen verglichen.


Also irgendwie alles richtig gemacht, würde ich sagen, zumindest passt all das perfekt zum Autor und seiner Persönlichkeit, wie auch zu diesem Buch.

„Ein Sommer in Niendorf“ ist typisch schnodderig-asozial, mit einem sich langsam, aber stetig steigernden, dunklen Sog in Verelendung und Wahn, in Alkohol und menschlichem Ekel – Derweil mal zum totlachen satirisch und mal spannend wie ein gut gemachter Thriller. Dass die Figuren nicht die aller dreidimensionalsten sind, damit kann man leben, denn das waren sie bei Strunk noch nie. Wobei der Held in diesem Werk durchaus tiefgreifend porträtiert wird.

Auf die Fresse gibt es allerdings wie bereits ausführlichst erwähnt für jeden, Mann wie Frau, alt wie jung. An keinem lässt Strunk wirklich durchgehend ein gutes Haar BZW er zeigt sehr deutlich die hässlichen Seiten aller Protagonisten auf. Außer, wenn er dann doch mal kleinere Hoffnungsschimmer einbaut, wie das alte Ehepaar, welches dann als Kontrastprogramm dient und durchaus zu verstehen gibt, dass nicht die gesamte Menschheit scheiße ist.

So wechseln sich sprachlicher Schnodder, assige Figuren, menschliches Dauerelend in all seinen Facetten mit stupidem Humor, dümmlichen Plattsprücheklopfen und Drogenmissbrauch mit wunderschönen Landschaftsbeschreibungen, tiefmenschlich-stillen Momenten und dem kleinen Glück im großen Chaos des eigenen Daseins ab.

Bildsprachlich kann man dem Roman jedenfalls NICHTS unterstellen, da passt alles so, wie es soll.


Dass der Roman dagegen wesentlich „kultureller“ tut als er in Wirklichkeit ist, also ein typischer „Midcult“ ist, wie sich solche Unterhaltungsbücher dann schimpfen, ja darüber kann man durchaus mal reden. Nicht jedoch, dass Strunk dies offensichtlich weiß und mehrfach als Witz in die Handlung verbaut. Denn „Wer ficken will, muss ehrlich sein. Und wer wichsen will braucht warme Hände ahahaha!“ - Würde der dauersaufende Charakter Breda vermutlich sagen. Und er hätte vollkommen Recht.

Drum belassen wir es nun auch ganz genau dabei. Denn MICH hat dieses Buch bestens unterhalten, ein bisschen sogar mitgenommen und letzten Endes durchaus überrascht. Vor allem positiv. In allen Aspekten.


Eine gute, spannende und intelligent gemacht Sommerlektüre, die manches mal näher an der Realität ist, als es einem lieb sein könnte.


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Heinz Strunk

„Ein Sommer in Niendorf“


Buch gebunden

Rowohlt Verlag


Ersterscheinung 2022

Preis: 22,00€


PERSÖNLICHE NOTE: 1+++

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Finaler Teil des letzten Tages im Sommers

 
Die Sonne begibt sich langsam aber sicher für den heutigen Tag hinab zum sich immer weiter in elegante Gelb-, Silber, und  Lilatönen verfärbenden Horizont.


Die ersten Strandkörbe werden von ihren Besitzern dichtgemacht, die Geräuschkulisse der Restaurants und ihrer Besucher übernimmt das Regiment und buhlt nun mit den immer weniger werdenden Möwen um die Geräuschpegelwette.


Die kurzen Hosen, die Flipflops, die lockeren Hemden und nachlässigen Outfits verschwinden und die bessere Abendbekleidung, mit der man sich im Restaurant auch sehen lassen kann, bestimmt das Groß der Passanten an der Promenade.


Derweil die Eis- und Andenkengeschäfte schließen, die nölenden Kinder und durchgeschwitzten Sonnenbader sind bereits beinahe restlos nicht mehr vorhanden.


Jetzt beginnt also die Tageszeit der kulinarisch besseren Gerichte, des Zusammensitzens, des „Den-Tag-Revue-Passieren-Lassens“, der Planungen, welche überfüllte Touristenattraktion man dann wohl morgen besuchen möchte oder eben auch nicht.


Cayman und der Kameramann stehen an einer noch offenen Frittenbude, an der reger Betrieb herrscht. Naja, zumindest noch, denn der Vermieter hat die Miete drastisch erhöht, weil er den Besitzer loswerden will, damit er das Gebäude in ein zweistöckiges Apartmentloft umrenovieren kann…

Cayman hat eine Pommes mit Ketchup und der Kameramann mümmelt einen kleinen Döner, Cayman hat eine Sprite und sein Kollege eine Fanta.


Cayman lässt seinen Blick zum Sonnenuntergang schweifen: „Ist schon merkwürdig, wie anfangs kaum merkbar sich alles verändert und dann plötzlich in großen Schritten praktisch alles auf den Kopf gestellt wird, oder werden kann. Eben war es noch brütend heiß und dann ist es auf einmal auch schon wieder Zeit, die Pelzkragenjacken aus dem Schrank zu holen und die Windschutzscheibe an seinem Auto freizukratzen…“


Der Kameramann öffnet seine Fanta: „Jepp, scheiß Erdumdrehung“


Am Nebentisch stehen drei Männer, welche zwar „urlaubsschick“ angezogen sind, die Flipflops jedoch anbehalten haben, denn ein bisschen Schluderigkeit muss sein, selbst wenn es nicht zum restlichen Outfit passt. Als jemand einen für Weiterwegstehende lustigen Witz aus der Gruppe erzählt, da lachen die drei Männer laut auf, einer knallt die Flache Hand auf den Tisch und meint „SO ISSES! So isses“


Cayman knuspert seine Pommes und schaut dem Sonnenuntergang weiter bei seinem stetigen Farbenspiel zu…


Dann fragt der Kameramann: „Ja und?“


Cayman fragt: „Wie, was… Ja und?“


Sein Kollege fragt: „Ja was ist jetzt mit Abmoderation?“


Cayman schiebt sich eine Pommes in den Mund und schüttelt mit dem Kopf: „Nö doh… Isch hap immanoch Ulaup! Ich habe jetscht auch nitsch feddisch dafür“


Darauf trinkt der Kameramann einen großen Schluck Fanta und nickt: „Dann wäre das ja auch abschließend geklärt“


Beide winken in die Kamera und Cayman sagt simpel: „Tschösserstmal!“





Denken Sie mal darüber nach*




ENDE

Dienstag, 10. Mai 2022

 


Cayman liest > Friedrich Ani >“UNTERHALTUNG” >Krimikurzgeschichten und Miniaturen

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Erster tödlicher Akt

 

 

Es ist wieder ein mal ein wahrlich wunderschöner Tag im beschaulichen, idyllischen Oberaichtingen, hier, mitten im Herz von Bayern. Der Himmel ist blau, nur wenige, puderweiße Wolken am Himmel, die Sonne warm, die Wiesen saftig grün und Vogelgezwitscher erfüllt die Luft.
 
Und hier oben, am Oberaichtinger Wanderberg, da ist wieder einmal ein brutaler Mord, ein Doppelmord sogar passiert, was hier aber schon mal vorkommen kann, weshalb die Beamten vor Ort auch immer ziemlich entspannt und ruhig an die Sache herangehen.


Dann kommen auch schon Hauptkommissar Cayman und sein Kollege und der Kommissar Kameramann in ihrem weinroten, 2002er 3er BMW angefahren, in aller Seelenruhe, denn so viel Zeit muss einfach sein und mit Stress wird die Sache ja schließlich auch nicht mehr besser.


Mit einem dezenten Quietschen kommt der BMW zum stehen, dann hieven sich unsere beiden Helden auch schon mehr oder weniger, eher weniger motiviert aus ihrem Auto. Sie laufen den Wanderberg, der von hier oben bereits eher ein Hügel ist hinauf und erblicken den blutdurchtränkten Tatort.


Hauptkommissar Cayman fragt: „Joa, woas isn des nun schon wieder für a Sauerey?!“.


Kommissar Kameramann meint: „Na des hoabn die Typen ja mal wieder toll hinbekommen!“.


Einer der Polizisten antwortet: „Joa als des da links, des iss die Rosemarie Obermayer! Die wurde erst erwürgt, dann wurde ihr der Schädel eingeschlagen, dann wurde sie ausgeweidet und anschließend hier neben dem zweiten Opfer, dem Helmut Untererdinger abgelegt! Und der Helmut wiederum, der wurde erst mit zweihundertundfünfzig Messerstichen in den Oberkörper ermordet und anschließend hat man ihm noch eine Axt innen Rücken gehaun! Wo sie auch immer noch drin feststeckt, wie man sieht!“.


Hauptkommissar Cayman rümpft die Nase: „Joa also die Leute, die werden auch immer bekloppter und bescheuerter, hat man den Eindruck! Ja wer macht den sowas? Zum Teufel!“.


Kommissar Kameramann meint: „Na des sind halt die Zeiten, in denen wir heutzutage leben! Die Leute haben viel zu viel überschüssige Energie und dann bauen die halt Scheiße! Und wer weiß, was die beiden Opfer hier auch nun wieder mit welchen anderen Leuten zu tun gehabt hoabn!“.


Hauptkommissar Cayman sagt: „Wir müssen noch zum Erbenbacher Bräuhof! Doa hat es ja auch noch einen Mord gegeben! Einen satanischen Ritualmord, wie es scheint! Also fahren wir erst einmal da hin, machen dort dann auch auch Brotzeit und kommen dann noch mal zurück, falls wir gebraucht werden sollten, alles klar?“.


Die Beamten nicken...


Dann begeben sich Hauptkommissar Cayman und Kommissar Kameramann wieder im Schneckentempo in ihren BMW, starten den Motor und fahren ebenfalls im Schneckentempo rückwärts wieder davon...


Auf der Fahrt zum Erbenbacher Bräuhof meint Hauptkommissar Cayman: „Also ich versteh das trotzen nicht! Früher, da hat man die Leut einfach über den Haufen geschossen! Das hat doch auch vollkommen ausgereicht! Wieso muss man heutzutage einen halben Baumarkt in seine Opfer versenken? Wieso muss ich jemandem den Kopf abhacken, wenn einmal Genick umdrehen doch auch vollkommen reichen würde? Also ich verstehe das einfach nicht!“.
Kommissar Kameramann antwortet entspannt: „Joa, also ich denke mal, des sind die aktuellen Zeiten einfach! Die Leute sind aufgeregt und aufgebracht und das Dauerhaft und dann entlädt sich das halt explosionsartig! Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo man seine Gegenspieler wieder einfach beim Wandern den Berg runterwirft, abknallt oder einfach auch mal wieder nen Auftragsmörder bezahlt, der das dann sauber und schnell erledigt! Ich sehe das alles nicht so eng! Des ist halt der aktuelle Zeitgeist!“.


Hauptkommissar Cayman biegt nach rechts auf eine schmale Landstraße, die zum Bräuhof führt: „Na deine Worte in Gottes müden Ohren mein Freund!“.




 

Cayman liest


Dieses Mal:


 


Friedrich Ani


„Unterhaltung“ - Kurzgeschichten und Miniaturen


















„Mord und Totschlag“






















Ein Meister der UNTERHALTUNG

 


 

In all den Unmengen von vor allem Krimis, Krimithrillern und Thrillern, Psyhothrillern und Thrillerpsychokrimis, welche Tag für Tat auf den Markt geworfen werden, ist es so, wie überall anders auch, wo massenweise Dinge existieren, dass die wahren Perlen dann nicht selten entweder einfach untergehen, weil keiner sie dazwischen finden kann... Oder aber sich einfach zu wenig Leute gibt, welche diese seltenen Perlen finden, und somit einfach nicht und niemals die nötige Bandbreite exisiert, welche gebraucht würde, damit diese „Perlen“ dann auch die ihnen verdiente Bandbreite in der Öffentlichkeit bekommen.

 

Vor allem im Bereich der Thriller-Krimi-Psychodingens-Bücher wird so dermaßen viel Masse herausgehauen, Neuerscheinungen kommen, liegen, vor allem je nach Bekanntheit des Autors mal länger, mal weniger länger in den Läden und verschwinden dann auch ganz schnell wieder, denn die nächste Baggerschaufel voller Nachfolger, Neuerscheinungen und angeblichen Exklusivpremieren wartet schon darauf, den Markt zu überschwemmen.


Bestes Beispiel für mich war ein Politikthriller, der in Nordkorea spielt*e, welcher mit einer großen Vermarktungskampange, gratis Leseproben, Werbung in Zeitschriften und im Internet angekündigt wurde, als das nächste, große Ding! Insgeheim hätten sich die Marketingsleute wohl gewünscht, dass dieser Schmöker einen politischen Konflikt verursacht, mit Nordkorea, damit dieser „Thriller des Jahres“ erst so richtig durch die Decke geht, was die Verkaufszahlen angeht.


Tatsächlich lag diese „Sensation“ dann exakt... ZWEI WOCHEN LANG IM LADEN AUSGESTELLT – UND NIEMAND KAUFTE AUCH NUR EIN EXEMPLAR. Danach war dieser ach so große Thriller dann auf einmal, von einem Tag auf den anderen, einfach aus dem Angebot wieder verschwunden. Also nicht nur, dass man den Pappaufsteller wegräumte und den Stapel mit den Büchern wo anders im Laden parkte, sondern die Bücher, der gesamte unverkaufte Stapel war verschwunden und blieb es auch, nicht einmal der Tisch mit den „Preisreduzierten Mängelexemplaren“ war noch gut genug. Dass da nach zwei Wochen auf einmal aus dem Nichts ein großes Interesse bei der potentiellen Kundschaft einsetzte und diese alle angebotenen Exemplare auf einmal wegkauften, darf denke ich stark bezweifelt werden.

Den Titel des Buches, wie auch den Namen des Autors, der Autorin? Nicht einmal das Geschlecht weiß ich noch, ich weiß nur noch, dass das Buch eine Winterlandschaft und den roten Stern mit Goldverzierung auf dem Cover hatte oder so.

Tja, so viel also zu der Marketingkampange und diesem „Thriller des Jahres mit politischer Sprengkraft“, welcher nahtlos auch schon von den nächsten, großen „Sensationen“ abgelöst wurde und diese von den nächsten und so weiter.


Womit wir aber mal wieder zum eigentlichen Thema kommen wollen: Denn in einem Meer aus durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Produkten, die in Massen herausgehauen werden, ist es eben schwer, die wirklichen, die wahren Perlen und Schätze zu bergen, welche mehr Aufmerksamkeit mehr als verdient haben.

Jedoch ab und zu, da ja setzt Qualität dann eben doch durch und FRIEDRICH ANI ist einer dieser Autoren, dessen Krimis vor allem in dieser Gunst stehen. Seine „Süden“-Romane sind bereits mit Preisen überhäuft worden, 2010 wurden sogar gleich mehrere dieser Teile gleichzeitig mit dem selben Preis bedacht worden. Dies ist bis jetzt zuvor noch nie davor und auch seit dem danach nicht wieder vorgekommen.

Aber weil der Mann damit ja noch nicht ausgelastet ist, schreibt er auch noch Kinderbücher, Gedichte, Hörbücher, Kurzgeschichten und Drehbücher und erhält somit also in ziemlicher Regelmäßigkeit Preise und Auszeichnungen.

 

Und auch seine Krimi-Kurzgeschichten wurden in einem recht dicken, vollgepackten Buch zusammengepfercht und unter dem sehr passenden Titel „UNTERHALTUNG“ herausgebracht. Und auch wenn die meisten eher in die gerne mal „absurde“ Kriminal-Richtung gehen, sind allerdings auch sozialkritische, dramatische und satirische Kleinwerke darin zu finden, die allesamt einfach eben genau das tun, was der Buchdeckel bereits verspricht: Nämlich „UNTERHALTUNG“ liefern.
Mal längere und mal sehr kurze, also gerademal anderthalb Seiten kurze Geschichtchen und Miniaturen, Gedankenspiele, was auch immer, sind darin zu finden und selbst die sind oftmals gelungener, als mancher vollwertiger, 300-Seiten Massenwarekrimi.


 

 

 

 

Minikrimis, Minithriller und Minidramen

 


 


Friedrich Ani ist ein sehr heimatverbundener Mensch, das merkt man selbstverständlich auch an seinen Krimis und in so ziemlich allen der hier gesammelten Miniwerken: Bayern ist die meiste Heimat all derer, welche hier morden, ermordet werden, zu viel wissen, ermitteln, suchen, verzweifeln, sich betrinken, dahinsiechen, nach ihrem Glück suchen, Dreck am stecken haben oder oder oder.


Dabei springen die kleinen Storys, Miniaturen, Geschichten und Momentaufnahmen zwischen todernst, satirisch, albern, verträumt, blutrünstig, bitterböse, extrem spannend, verstörend und einfach nur unglaublich albern:


Da ist ein kleiner, na nennen wir ihn mal „Dorfsheriff“, der zusammen mit seinem besten Freund seit Kindheitstagen mehr als nur den bereits besagten „Dreck“ am stecken hat. Denn die beiden und das erzählt der gute Ich-Erzähler auch frei heraus, haben bereits seit ihren frühen Jugendtagen eine Tat auf dem Kerbholz, die man mindestens als vorsätzliche Tötung beschreiben kann. Doch das hält den selbstverliebten, beinahe schon satanisch-bösen Erzähler nicht davon ab, einfach weiterhin so ziemlich jeden aus dem Weg zu räumen, der sich ihm in irgend einer Weise in die Quere stellt. Letzten Endes, da muss sogar der beste Freund und Kollege dran glauben, als er für den Erzähler zur Gefahr wird. Und wie es sich eben für einen erfahrenen „Killer“ gehört, wird auch dieser Mord sehr kaltblütig, professionell und handwerklich ausgesprochen sauber erledigt. Da ist man als angewiderter Leser fast schon wieder beeindruckt.


Da ist ein mehr als selbstverliebter Architekt, der an sich vom Level der Widerlichkeit irgendwo zwischen Donald Trump und dem Boss von Wirecard bewegt, aber... Und das muss man ihm zugute halten, er will das Richtige! Er plant seine Bauwerke für die Menschen und nicht für sein eigenes Ego oder architektonische Trends. Er überlegt exakt und akribisch, wie man Wohnungen so erbauen und planen kann, dass die Menschen auch im Alter problemlos darin leben können und ihre vier Wände ihnen dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greifen, ihnen ihren Lebensabend maximal erleichtern können. Der Herr Architekt hat die Problematiken einer alternden Gesellschaft, aller alternden Menschen bis ins letzte Detail durchschaut und will Abhilfe leisten. So weit zu seiner positiven Charakterseite. Um seine eigenen Ziele allerdings maximal durchzusetzen und alle seine Visionen wahr werden zu lassen, muss er die Karriereleiter aufsteigen und vor allem seine Widersacher loswerden. Also haben diese halt nach und nach, na sagen wir mal... „Unfälle“. Und wie gesagt: So widerlich dieser Typ auf der einen Seite auch ist, so edel und nachvollziehbar sind seine Beweggründe und so verzahnt ist es, sich somit wirklich ein steinfestes Urteil über ihn zu bilden.


Da ist der Tunichtsgut, der seit seinem Arbeitsunfall eigentlich nur noch in immer derselben Kneipe, an immer demselben Sitzplatz herumhängt und sein Leben wortwörtlich VERGEUDET. Er selber weiß das und beschließt irgendwann immerhin halbherzig, eben genau davon Abstand zu nehmen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mit dem zu erwartenden Ergebnis. Der nächste Bierdurst kommt, da ist eine nette Kneipe in Sichtweite, also nichts wie hin, denn warum sollte man sich, nach so einem derartig lebensverändernden Entschluss nicht ein, zwei oder drei Bierchen gönnen dürfen? Man muss es ja nicht gleich überstürzen. Derweil in der besagten Kneipe, da steht die Wirtin hinter dem Tresen, alleine und im Dunkeln. Denn sie hat alle ihre Gäste rausgeschmissen, nachdem sie schlagartig die Midlifecrisis gepackt hat und sie begreifen musste, das sie ihr bisheriges Leben quasi verschenkt hat. So steht also der eine, der sein halbes Leben vergeudet hat draußen und klopft gegen die Scheibe und will rein und die andere, die ihr halbes Leben vergeudet hat steht drinnen und lässt niemanden herein, kann aber auch nicht heraus, weil da draußen dieser Kerl steht.


Da befragt ein erfahrener Kommissar einen trauernden Ehemann, dessen Frau ermordet wurde am Weihnachtsabend, weil dessen Aussage merkwürdige Lücken aufweist. Erst, da verstrickt sich der Gatte noch in Widersprüche, rückt aber dann mit der für ihn beschämenden Wahrheit doch heraus, der Kommissar notiert und bemerkt, dass damit alle Zweifel aus dem Weg geräumt sind. Der Ehemann kann es nicht gewesen sein. Also trollt sich der Ermittler und lässt den Befragten, der auffällig viel Verständnis für das alles hat, wieder alleine. Woraufhin der Trauernde die Schwester seiner Frau aus dem Haus wirft, weil er alleine sein will. Als er dies nach erheblichem Widerstand dieser geschafft hat, da wird alles auf einmal ganz klar und man fühlt mit ihm und begreift all die Ereignisse des Mordes, wie auch die Beweggründe des „Täters“ und hat Mitleid. Was dann aber passiert, final, kurz vor Ende dieser kleinen, bis eben sehr emotionalen Geschichte, lässt einen das Blut in den Adern gefrieren.


Da sind vier Leute, mit mal mehr, mal weniger finanziellen Problemen. Zwei aber, die haben richtig dicke Schulden und einen Plan, der anscheinend idiotensicher ist. Nach einigem Hin und Her ziehen sie es durch, einer von ihnen, der ist das Opfer und soll halt draufgehen, es geht als nicht anders. Aber warum sollte man die Beute durch drei teilen, wenn man sie auch durch zwei teilen kann? Da hat dann doch jeder gleich mehr in der Brieftasche! Aber Moment mal! Wenn man nur durch zwei teilt, das ist noch viel weniger lukrativ, als durch eins, also GAR NICHT TEILEN! Am Ende, da bleibt somit nur einer übrig, in der doppelten Gewissheit, dass die Gier nach Geld und finanzielle Not oftmals mehr Bedeutung haben können, als irgendeine „Freundschaft“ oder aber „Liebe“. Man muss nur einen See finden, der auch tief genug ist, dann lösen sich ohnehin alle Probleme einfach in trüben Dunst... äh, ich meine... Wasser auf.


Da treffen ein ehemaliger Kommissar, der jetzt ein abgehalfterter Detektiv ist und der Vater eines vor zwanzig Jahren verschwundenen Mädchens, welches man bis heute nicht gefunden hat, zufällig, an einem heißen Sommertag aufeinander. Der ehemailge Kommissar erinnert sich auf einmal wieder, als wäre es erst gestern gewesen! Das Mädchen war mit ihrem Freund im Stadtpark, der Freund wollte mit seinem Einrad fahren, das Mädchen lieber auf der Wiese sitzen und lesen, also trennten sich die beiden für kurze Zeit. Als der Freund zurückkehrt, ist das Mädchen verschwunden. Bis heute. Die Ermittlungen verliefen sich, die Eltern des Mädchens verzweifelten, jeder auf seine Weise. Der Freund wurde vor allem vom Vater des Mädchens maltretiert, war es doch, wäre es doch in dessen Augen die gottverdammte Pflicht gewesen, des Freundes, bei dem Mädchen, bei seiner Tochter zu bleiben! Aber stattdessen tat er genau das nicht! Dieser kleine, ehrlose Scheißkerl! Er soll hoffentlich in der Hölle schmoren! Die Mutter des Mädchens derweil, die gab vor allem dem ehemaligen Kommissar und der Polizei die Schuld, weil diese in ihren Augen nicht gut genug ermittelten. Nach seiner Begegnung mit dem Vater und jenem alten Fall, der ihn bis heute nicht loslässt, läuft er noch einmal die vermutliche Route des Mädchens ab und muss feststellen, dass die Vergangenheit manchmal wie eine unheimliche Flutwelle, einfach so, aus dem Nichts über einem hinüberrollen kann, ohne Antworten anzuspülen.









In der Idylle, da lauert das Böse

 


 


Ja, Bayern ist schön. Kann aber auch extrem armselig und dreckig sein, schäbig und erbärmlich. Aber wie an allen anderen Orten der Welt auch, stehen Anis Figuren ebenfalls zu ihrer Heimat, und Ani als Autor gibt sein Bestes, um diesen „Stolz“, diese Heimatverbundenheit noch zu verstärken. Bis auf ein paar Ausnahmen, spielen die meisten der Geschichten in Bayern, gerne in München, der in Kneipen und gerne in der Lebenswelt derer, welche diese mitunter verstaubten aber für sie wohnlichen, kleinen Mikrouniversen behausen.


Neben Mord und Totschlag, da wohnen wir als Leser nämlich auch immer wieder diversen Stammtisch-“Ureingeborenen“ und ihren zum Teil sehr obskuren Lebenswelten und Ansichten bei, ergötzen uns mal an ihrer Schrulligkeit, wundern uns mal über ihre Lebensverhältnisse, bemitleiden sie oder aber schütteln nur den Kopf darüber, was diese windschiefen Figuren mit ihren kümmerlichen Existenzen meistens eher NICHT anzufangen wissen.


Vom hartnäckigen Dauergast, der mittlerweile vom Kneipenbesitzer schon als Teil des Mobiliars angesehen wird, über den unscheinbaren, älteren Herren, der sich vor seiner grauenhaften Verwandtschaft gekonnt zu verstecken weiß bis hin zum kopfkranken Vollzeitspinner, dem irgendwann die Sicherungen durchbrennen, seine Familie abschlachtet und dies begründet mit: „Das musste jetzt einfach mal sein!“.


Oder eben der besagte Tunichtsgut, der trotz aller guten Vorsätze, jetzt endlich in seinem Leben etwas zu ändern, am Ende doch wieder nur vor der nächsten Kneipentür steht. Aber nicht reingelassen wird, weil die Betreiberin auf einmal realisiert hat, wie leer und ereignislos ihr Leben bisher doch gewesen ist. Ihre Söhne haben das große Abenteuer in Amerika oder sonstwo gesucht und auch gefunden, ihr kleines oder großes Glück. Und ihr Exmann? Auch schon lange weg, wo auch immer, aber jedenfalls nicht mehr bei ihr. Sie realisiert, dass sie selber, wie auch das Leben das sie führt, ungefähr so lebenswert und spannend ist, wie einer Kartoffel beim verschrumpeln zuzusehen. Derweil hat der Tunichtsgut seine eigene, neue Prämisse, aus seinem eigenen, nicht weniger sinnlosen und langweiligen Leben etwas zu machen, schon wieder mehr oder weniger komplett vergessen und sucht verzweifelt Einlass in die geschlossene Kneipe. In der die Besitzerin steht, steif vor Schock der Erkenntnisse, welche ihr nun wie lautratternde Zugwaggons ununterbrochen durch Oberstübchen fahren.


In anderen Storys, da geht es dann auf einmal richtig ernst und brutal zur Sache. Beispielsweise, wenn ein Ermittler sich um ein beinahe totgehungertes Mädchen kümmern muss, welches von der Straße aufgelesen wurde. Die Mutter derweil, wenn man die alte Schlampe so nennen will, feiert mit irgendwelchen anderen Leuten in einer Kneipe, als gäbe es kein Morgen. Bis die Realität sie einholt und der Ermittler sie sich zur Brust nimmt und auf noch viel mehr Elend und menschliches Leid stößt.


Die Figuren sind allesamt, selbst in Miniaturen, die manchmal nur knapp etwas mehr als anderthalb Seiten lang sind, immer und durchgehend überzeugend, wie auch die bayrische Landesverbundenheit niemals stört, sondern immer ein ganz natürlicher Teil der Handlung und der Atmosphäre ist. Die Figuren sind mal, je nach Genre der jeweiligen Geschichte tiefer oder halt sehr platt, bleiben einem aber dennoch im Gedächtnis.


Letztendlich weiß vor allem der sehr oft leicht bis sehr rebellische, anarchische Erzählton zu überzeugen, denn irgendwie, da schwebt in allen der Storys immer eine gewisse Prise Wahnsinn mit, welche daherkommt, als sei es, als sei sie selber das Normalste auf der Welt. Das somit vielen der Charaktere also auch die ein oder andere Pfanne auf dem Dach fehlt, das muss man ja schon gar nicht mehr erwähnen.


Aber mal ganz ehrlich...



Wann haben Sie das letzte mal wirklich ausgiebig in den Spiegel geguckt oder mal einen Psychologen aufgesucht, um sich auf Ihre seelische und geistige Verfasstheit hin überprüfen zu lassen?


Ja, eben!









FAZIT






Es ist schon irgendwie erstaunlich – Und ebenso entlarvend wie ich finde:


Das was all die hunderttausenden von Krimis, Krimithrillern, Psychothrillern, Thrillern und Psychokrimithrillern mit ihrer stets beworbenen „Tiefen und ultralealistischen, psychologischen Durchdachtheit“ Jahr für Jahr ohne Unterlass bergeweise auf die Verkaufstische und in die Versandlager von Amazon und Co. Inflationär wie Sperrmüll abladen... Ja das schaffen selbst die Anderthalb-Seiten-Miniaturen in dieser Sammlung!


Und das sogar teilweise wesentlich besser, als es so mancher ausgewachsener Krimithriller, Thriller und/oder Phychokrimithriller mit seiner Tiefenpsychologie und all der genausotiefen Vorabrecherche des Autors jemals könnte.


Und da man nie weiß, ob einen nun schon in der nächsten Story ein todernster Gesellschaftskrimi erwartet, mit sehr sehr viel, sehr offener Sozialkritik, einfach nur eine ziemlich blödliche Satire, ein Splatterfest oder eine nachdenkliche Kurzgeschichte, wird jedes Umblättern, jeder Neuanfang zu einer spannenden Entdeckungsreise mit ungewissem Ausgang. Denn immer wenn man glaubt, verstanden zu haben, wie der Hase läuft und seine Urteile über die einzelnen Figuren getroffen hat...


Da dann könnte sich eventuell auf einmal alles ganz plötzlich auf den Kopf drehen. Aus dem vermeidlich Guten wird auf einmal ein kranker Psychopath, aus dem scheinbar unsympathischen Arschloch wird auf einmal ein im Grunde genommen herzensguter Mensch, der nur mal etwas Liebe bräuchte oder aber man steht vollkommen im Zwiespalt da, was man nun von diesem oder jenen Charakter denn halten soll, weil dessen schlechte und gute Werte sich genau die Waage halten.


Inspirativ sind jene Geschichten und Miniaturen aber allemal, vor allem für alle, welche selber vielleicht immer schon mal ein bisschen „schreiben“ wollten, sich aber entweder niemals getraut haben und/oder aber gar nicht wissen, über was und wie sie schreiben sollen. Zudem ist der Lerneffekt, wenn man beispielsweise einmal anschaut, wie Ani es schafft, auf manchmal nur anderthalb Seiten einen ganzen Krimi unterzubringen, wie dies überhaupt zu bewerkstelligen ist, enorm.


Man kann viel lernen von Friedrich Ani oder sich einfach von ihm mitreißen lassen, belustigen lassen, schockieren lassen, provozieren lassen, Bayern ein bisschen erkunden!


Denn das macht gute UNTERHALTUNG nun mal eben aus!




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Friedrich Ani

„Unterhaltung“ 

 (Hauptsächlich Krimi)-Kurzgeschichten und Miniaturen


Taschenbuch

Droemer-Verlag


Ersterscheinung 2014

Preis: 9,99€


PERSÖNLICHE NOTE: 1+++

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Letzter tödlicher Akt

 


Am Erbenbacher Bräuhof angekommen, legen unsere beiden Ermittler erst einmal, wie ja bereits angekündigt, ihre Brotzeit ein. Hier in dem sonnigen, idyllischen Biergarten des Hofes, wo die beiden alten Kastanien Schatten spenden, der Hammersee in seinem fast Türkisblau mit dem Himmel um die Wette strahlt und die Spatzen in den akkurat geschnittenen Hecken keckern und piepsen.


Hauptkommissar Cayman und sein Kollege sitzen an einem der großen Holztische und betrachten von dort aus, ihre Brötle kauend und ihr alkoholfreies Radler trinkend den Tatort, welcher sich vor ihnen auftut...


Der Schweigersdorfer-Matthias, also der Besitzer des Erbenbacher Brauhofes, er liegt hier in seine Einzelteile zerlegt, innerhalb eines mit roter Farbe auf den Steinboden gemalten Kreises, welcher mit einem Altar aus Tierknochen und einem alten, aber massiven Holztisch und Kerzen in der Mitte ausgebaut wurde...


Der Schweigersdorfer-Matthias blickt die beiden Ermittler, als abgetrennter Kopf, auf einem Holzpfahl aufgespießt durch seine leeren Augenhöhlen mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck an, derweil auf seiner Stirn augenscheinlich ein satanischer Gebetstext oder so etwas Ähnliches eingeritzt wurde...


Der Rest vom Matthias, ja der liegt überall an bestimmten Stellen des Ritualplatzes verteilt herum und erweckt den Eindruck, dass hier Profis im Satanismus am Werk waren, die ihre Sache sehr genau verstanden haben...


Hauptkommissar Cayman beißt in seine Semmel und sagt: „Die Leut werden immer bekloppter zur Zeit!“.


Kommissar Kameramann antwortet: „Jupp! So isses! Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen! Dann vergraben die Leute ihre Leichen wieder und dann können wir uns wieder die Rücken krummbuckeln, um die dann wieder aus ihren Löchern rauszuholen! Oder aber es kommt wieder sone „Heimwerkerphase“, wo die Leut ihre Mordopfer irgendwo im Haus einbetonieren und wir erst dreißig Jahre nach denen suchen müssen und dann, wenn wir sie gefunden haben, auch noch mit Vorschlaghammer und Meißel die Leichen da wieder rausholen müssen, weil der Nachkäufer oder Mieter die Schweinerei beim Renovieren gefunden hat! Doa iss mir des so viel lieber, wenn ich ehrlich bin! Denn so brauchen wir die Toten dann nur noch einsammeln und fertig!“


Hauptkommissar Cayman denkt kurz nach und stimmt dann zu: „Joa, da hast du natürlich Recht! So isses viel einfacher!“.


Eine kurze Weile, da essen und trinken die beiden, ohne ein Wort zu sagen...


Dann fragt Kommissar Kameramann: „Aber du sagt mal?! Woas machn wir denn dann jetzt mit unserem Toten? Dem Rudolf Schleyertaler? Der liegt ja aufm Revier immer noch im Kofferraum von seinem Mercedes!“


Hauptkommissar Cayman winkt ab: „Ach was! Unser Auftragsmörder, der Parisi kümmert sich darum! Der hatte ja auch schon heute Morgen gefragt, ob er den Wagen mit dem Rudolf drin nun im See versenken soll oder den Wiedertaler-Abhang runterschmeißen soll! Wäre ja beides nachvollziehbar! Erst hatten wir den See im Auge, aber dann haben wir entschieden, dass der gute Rudolf ja immer gerne mit dem ganz großen Knall gegangen iss! Da hoabn wir dann also entschieden, dass unser Killer den Wagen mit dem Rudolf am Steuer dann eben den Abhang runterschmeißt!“


Kommissar Kameramann meint daraufhin, während er sich sein Radler aufmacht: „Na dann iss ja alles geklärt!“


Wieder sitzen die beiden eine Weile und essen und trinken und betrachten den Tatort vor ihnen, besonders aber den Kopf vom Schwigersdorfer-Matthias...


Dann meint Hauptkommissar Cayman: „Nur nicht den Kopf verlieren in der heutigen Zeit!“


Kommissar Kameramann muss grinsen...



Aber auch echt nur, weil der Spruch so schlecht ist...






ENDE