Cayman liest > Friedrich Ani >“UNTERHALTUNG” >Krimikurzgeschichten und Miniaturen
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Erster
tödlicher Akt
Es ist wieder ein mal ein wahrlich wunderschöner Tag im
beschaulichen, idyllischen Oberaichtingen, hier, mitten im Herz von
Bayern. Der Himmel ist blau, nur wenige, puderweiße Wolken am
Himmel, die Sonne warm, die Wiesen saftig grün und Vogelgezwitscher
erfüllt die Luft.
Und hier oben, am Oberaichtinger Wanderberg, da ist
wieder einmal ein brutaler Mord, ein Doppelmord sogar passiert, was
hier aber schon mal vorkommen kann, weshalb die Beamten vor Ort auch
immer ziemlich entspannt und ruhig an die Sache herangehen.
Dann kommen auch schon Hauptkommissar Cayman und sein
Kollege und der Kommissar Kameramann in ihrem weinroten, 2002er 3er
BMW angefahren, in aller Seelenruhe, denn so viel Zeit muss einfach
sein und mit Stress wird die Sache ja schließlich auch nicht mehr
besser.
Mit einem dezenten Quietschen kommt der BMW zum stehen,
dann hieven sich unsere beiden Helden auch schon mehr oder weniger,
eher weniger motiviert aus ihrem Auto. Sie laufen den Wanderberg, der
von hier oben bereits eher ein Hügel ist hinauf und erblicken den
blutdurchtränkten Tatort.
Hauptkommissar Cayman fragt: „Joa, woas isn des nun
schon wieder für a Sauerey?!“.
Kommissar Kameramann meint: „Na des hoabn die Typen ja
mal wieder toll hinbekommen!“.
Einer der Polizisten antwortet: „Joa als des da links,
des iss die Rosemarie Obermayer! Die wurde erst erwürgt, dann wurde
ihr der Schädel eingeschlagen, dann wurde sie ausgeweidet und
anschließend hier neben dem zweiten Opfer, dem Helmut Untererdinger
abgelegt! Und der Helmut wiederum, der wurde erst mit
zweihundertundfünfzig Messerstichen in den Oberkörper ermordet und
anschließend hat man ihm noch eine Axt innen Rücken gehaun! Wo sie
auch immer noch drin feststeckt, wie man sieht!“.
Hauptkommissar Cayman rümpft die Nase: „Joa also die
Leute, die werden auch immer bekloppter und bescheuerter, hat man den
Eindruck! Ja wer macht den sowas? Zum Teufel!“.
Kommissar Kameramann meint: „Na des sind halt die
Zeiten, in denen wir heutzutage leben! Die Leute haben viel zu viel
überschüssige Energie und dann bauen die halt Scheiße! Und wer
weiß, was die beiden Opfer hier auch nun wieder mit welchen anderen
Leuten zu tun gehabt hoabn!“.
Hauptkommissar
Cayman sagt: „Wir müssen noch zum Erbenbacher Bräuhof! Doa hat es
ja auch noch einen Mord gegeben! Einen satanischen Ritualmord, wie es
scheint! Also fahren wir erst einmal da hin, machen dort dann auch
auch Brotzeit und kommen dann noch mal zurück, falls wir gebraucht
werden sollten, alles klar?“.
Die Beamten nicken...
Dann begeben sich Hauptkommissar Cayman und Kommissar
Kameramann wieder im Schneckentempo in ihren BMW, starten den Motor
und fahren ebenfalls im Schneckentempo rückwärts wieder davon...
Auf der Fahrt zum Erbenbacher Bräuhof meint
Hauptkommissar Cayman: „Also ich versteh das trotzen nicht! Früher,
da hat man die Leut einfach über den Haufen geschossen! Das hat doch
auch vollkommen ausgereicht! Wieso muss man heutzutage einen halben
Baumarkt in seine Opfer versenken? Wieso muss ich jemandem den Kopf
abhacken, wenn einmal Genick umdrehen doch auch vollkommen reichen
würde? Also ich verstehe das einfach nicht!“.
Kommissar Kameramann antwortet entspannt: „Joa, also
ich denke mal, des sind die aktuellen Zeiten einfach! Die Leute sind
aufgeregt und aufgebracht und das Dauerhaft und dann entlädt sich
das halt explosionsartig! Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo man
seine Gegenspieler wieder einfach beim Wandern den Berg runterwirft,
abknallt oder einfach auch mal wieder nen Auftragsmörder bezahlt,
der das dann sauber und schnell erledigt! Ich sehe das alles nicht so
eng! Des ist halt der aktuelle Zeitgeist!“.
Hauptkommissar Cayman biegt nach rechts auf eine schmale
Landstraße, die zum Bräuhof führt: „Na deine Worte in Gottes
müden Ohren mein Freund!“.
Cayman
liest
Dieses
Mal:
Friedrich
Ani
„Unterhaltung“
- Kurzgeschichten und Miniaturen
„Mord
und Totschlag“
Ein
Meister der UNTERHALTUNG
In
all den Unmengen von vor allem Krimis, Krimithrillern und Thrillern,
Psyhothrillern und Thrillerpsychokrimis, welche Tag für Tat auf den
Markt geworfen werden, ist es so, wie überall anders auch, wo
massenweise Dinge existieren, dass die wahren Perlen dann nicht
selten entweder einfach untergehen, weil keiner sie dazwischen finden
kann... Oder aber sich einfach zu wenig Leute gibt, welche diese
seltenen Perlen finden, und somit einfach nicht und niemals die
nötige Bandbreite exisiert, welche gebraucht würde, damit diese
„Perlen“ dann auch die ihnen verdiente Bandbreite in der
Öffentlichkeit bekommen.
Vor
allem im Bereich der Thriller-Krimi-Psychodingens-Bücher wird so
dermaßen viel Masse herausgehauen, Neuerscheinungen kommen, liegen,
vor allem je nach Bekanntheit des Autors mal länger, mal weniger
länger in den Läden und verschwinden dann auch ganz schnell wieder,
denn die nächste Baggerschaufel voller Nachfolger, Neuerscheinungen
und angeblichen Exklusivpremieren wartet schon darauf, den Markt zu
überschwemmen.
Bestes
Beispiel für mich war ein Politikthriller, der in Nordkorea
spielt*e, welcher mit einer großen Vermarktungskampange, gratis
Leseproben, Werbung in Zeitschriften und im Internet angekündigt
wurde, als das nächste, große Ding! Insgeheim hätten sich die
Marketingsleute wohl gewünscht, dass dieser Schmöker einen
politischen Konflikt verursacht, mit Nordkorea, damit dieser
„Thriller des Jahres“ erst so richtig durch die Decke geht, was
die Verkaufszahlen angeht.
Tatsächlich lag diese
„Sensation“ dann exakt... ZWEI WOCHEN LANG IM LADEN AUSGESTELLT –
UND NIEMAND KAUFTE AUCH NUR EIN EXEMPLAR. Danach war dieser ach so
große Thriller dann auf einmal, von einem Tag auf den anderen,
einfach aus dem Angebot wieder verschwunden. Also nicht nur, dass man
den Pappaufsteller wegräumte und den Stapel mit den Büchern wo
anders im Laden parkte, sondern die Bücher, der gesamte unverkaufte
Stapel war verschwunden und blieb es auch, nicht einmal der Tisch mit
den „Preisreduzierten Mängelexemplaren“ war noch gut genug. Dass
da nach zwei Wochen auf einmal aus dem Nichts ein großes Interesse
bei der potentiellen Kundschaft einsetzte und diese alle angebotenen
Exemplare auf einmal wegkauften, darf denke ich stark bezweifelt
werden.
Den Titel des Buches, wie
auch den Namen des Autors, der Autorin? Nicht einmal das Geschlecht
weiß ich noch, ich weiß nur noch, dass das Buch eine
Winterlandschaft und den roten Stern mit Goldverzierung auf dem Cover
hatte oder so.
Tja, so viel also zu der
Marketingkampange und diesem „Thriller des Jahres mit politischer
Sprengkraft“, welcher nahtlos auch schon von den nächsten, großen
„Sensationen“ abgelöst wurde und diese von den nächsten und so
weiter.
Womit wir aber mal wieder
zum eigentlichen Thema kommen wollen: Denn in einem Meer aus
durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Produkten, die in
Massen herausgehauen werden, ist es eben schwer, die wirklichen, die
wahren Perlen und Schätze zu bergen, welche mehr Aufmerksamkeit mehr
als verdient haben.
Jedoch ab und zu, da ja
setzt Qualität dann eben doch durch und FRIEDRICH ANI ist einer
dieser Autoren, dessen Krimis vor allem in dieser Gunst stehen. Seine
„Süden“-Romane sind bereits mit Preisen überhäuft worden, 2010
wurden sogar gleich mehrere dieser Teile gleichzeitig mit dem selben
Preis bedacht worden. Dies ist bis jetzt zuvor noch nie davor und
auch seit dem danach nicht wieder vorgekommen.
Aber weil der Mann damit
ja noch nicht ausgelastet ist, schreibt er auch noch Kinderbücher,
Gedichte, Hörbücher, Kurzgeschichten und Drehbücher und erhält
somit also in ziemlicher Regelmäßigkeit Preise und Auszeichnungen.
Und
auch seine Krimi-Kurzgeschichten wurden in einem recht dicken,
vollgepackten Buch zusammengepfercht und unter dem sehr passenden
Titel „UNTERHALTUNG“ herausgebracht. Und auch wenn die meisten
eher in die gerne mal „absurde“ Kriminal-Richtung gehen, sind
allerdings auch sozialkritische, dramatische und satirische
Kleinwerke darin zu finden, die allesamt einfach eben genau das tun,
was der Buchdeckel bereits verspricht: Nämlich „UNTERHALTUNG“
liefern.
Mal
längere und mal sehr kurze, also gerademal anderthalb Seiten kurze
Geschichtchen und Miniaturen, Gedankenspiele, was auch immer, sind
darin zu finden und selbst die sind oftmals gelungener, als mancher
vollwertiger, 300-Seiten Massenwarekrimi.
Minikrimis,
Minithriller und Minidramen
Friedrich
Ani ist ein sehr heimatverbundener Mensch, das merkt man
selbstverständlich auch an seinen Krimis und in so ziemlich allen
der hier gesammelten Miniwerken: Bayern ist die meiste Heimat all
derer, welche hier morden, ermordet werden, zu viel wissen,
ermitteln, suchen, verzweifeln, sich betrinken, dahinsiechen, nach
ihrem Glück suchen, Dreck am stecken haben oder oder oder.
Dabei
springen die kleinen Storys, Miniaturen, Geschichten und
Momentaufnahmen zwischen todernst, satirisch, albern, verträumt,
blutrünstig, bitterböse, extrem spannend, verstörend und einfach
nur unglaublich albern:
Da
ist ein kleiner, na nennen wir ihn mal „Dorfsheriff“, der
zusammen mit seinem besten Freund seit Kindheitstagen mehr als nur
den bereits besagten „Dreck“ am stecken hat. Denn die beiden und
das erzählt der gute Ich-Erzähler auch frei heraus, haben bereits
seit ihren frühen Jugendtagen eine Tat auf dem Kerbholz, die man
mindestens als vorsätzliche Tötung beschreiben kann. Doch das hält
den selbstverliebten, beinahe schon satanisch-bösen Erzähler nicht
davon ab, einfach weiterhin so ziemlich jeden aus dem Weg zu räumen,
der sich ihm in irgend einer Weise in die Quere stellt. Letzten
Endes, da muss sogar der beste Freund und Kollege dran glauben, als
er für den Erzähler zur Gefahr wird. Und wie es sich eben für
einen erfahrenen „Killer“ gehört, wird auch dieser Mord sehr
kaltblütig, professionell und handwerklich ausgesprochen sauber
erledigt. Da ist man als angewiderter Leser fast schon wieder
beeindruckt.
Da
ist ein mehr als selbstverliebter Architekt, der an sich vom Level
der Widerlichkeit irgendwo zwischen Donald Trump und dem Boss von
Wirecard bewegt, aber... Und das muss man ihm zugute halten, er will
das Richtige! Er plant seine Bauwerke für die Menschen und nicht für
sein eigenes Ego oder architektonische Trends. Er überlegt exakt und
akribisch, wie man Wohnungen so erbauen und planen kann, dass die
Menschen auch im Alter problemlos darin leben können und ihre vier
Wände ihnen dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme
greifen, ihnen ihren Lebensabend maximal erleichtern können. Der
Herr Architekt hat die Problematiken einer alternden Gesellschaft,
aller alternden Menschen bis ins letzte Detail durchschaut und will
Abhilfe leisten. So weit zu seiner positiven Charakterseite. Um seine
eigenen Ziele allerdings maximal durchzusetzen und alle seine
Visionen wahr werden zu lassen, muss er die Karriereleiter aufsteigen
und vor allem seine Widersacher loswerden. Also haben diese halt nach
und nach, na sagen wir mal... „Unfälle“. Und wie gesagt: So
widerlich dieser Typ auf der einen Seite auch ist, so edel und
nachvollziehbar sind seine Beweggründe und so verzahnt ist es, sich
somit wirklich ein steinfestes Urteil über ihn zu bilden.
Da
ist der Tunichtsgut, der seit seinem Arbeitsunfall eigentlich nur
noch in immer derselben Kneipe, an immer demselben Sitzplatz
herumhängt und sein Leben wortwörtlich VERGEUDET. Er selber weiß
das und beschließt irgendwann immerhin halbherzig, eben genau davon
Abstand zu nehmen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mit
dem zu erwartenden Ergebnis. Der nächste Bierdurst kommt, da ist
eine nette Kneipe in Sichtweite, also nichts wie hin, denn warum
sollte man sich, nach so einem derartig lebensverändernden
Entschluss nicht ein, zwei oder drei Bierchen gönnen dürfen? Man
muss es ja nicht gleich überstürzen. Derweil in der besagten
Kneipe, da steht die Wirtin hinter dem Tresen, alleine und im
Dunkeln. Denn sie hat alle ihre Gäste rausgeschmissen, nachdem sie
schlagartig die Midlifecrisis gepackt hat und sie begreifen musste,
das sie ihr bisheriges Leben quasi verschenkt hat. So steht also der
eine, der sein halbes Leben vergeudet hat draußen und klopft gegen
die Scheibe und will rein und die andere, die ihr halbes Leben
vergeudet hat steht drinnen und lässt niemanden herein, kann aber
auch nicht heraus, weil da draußen dieser Kerl steht.
Da
befragt ein erfahrener Kommissar einen trauernden Ehemann, dessen
Frau ermordet wurde am Weihnachtsabend, weil dessen Aussage
merkwürdige Lücken aufweist. Erst, da verstrickt sich der Gatte
noch in Widersprüche, rückt aber dann mit der für ihn beschämenden
Wahrheit doch heraus, der Kommissar notiert und bemerkt, dass damit
alle Zweifel aus dem Weg geräumt sind. Der Ehemann kann es nicht
gewesen sein. Also trollt sich der Ermittler und lässt den
Befragten, der auffällig viel Verständnis für das alles hat,
wieder alleine. Woraufhin der Trauernde die Schwester seiner Frau aus
dem Haus wirft, weil er alleine sein will. Als er dies nach
erheblichem Widerstand dieser geschafft hat, da wird alles auf einmal
ganz klar und man fühlt mit ihm und begreift all die Ereignisse des
Mordes, wie auch die Beweggründe des „Täters“ und hat Mitleid.
Was dann aber passiert, final, kurz vor Ende dieser kleinen, bis eben
sehr emotionalen Geschichte, lässt einen das Blut in den Adern
gefrieren.
Da
sind vier Leute, mit mal mehr, mal weniger finanziellen Problemen.
Zwei aber, die haben richtig dicke Schulden und einen Plan, der
anscheinend idiotensicher ist. Nach einigem Hin und Her ziehen sie es
durch, einer von ihnen, der ist das Opfer und soll halt draufgehen,
es geht als nicht anders. Aber warum sollte man die Beute durch drei
teilen, wenn man sie auch durch zwei teilen kann? Da hat dann doch
jeder gleich mehr in der Brieftasche! Aber Moment mal! Wenn man nur
durch zwei teilt, das ist noch viel weniger lukrativ, als durch eins,
also GAR NICHT TEILEN! Am Ende, da bleibt somit nur einer übrig, in
der doppelten Gewissheit, dass die Gier nach Geld und finanzielle Not
oftmals mehr Bedeutung haben können, als irgendeine „Freundschaft“
oder aber „Liebe“. Man muss nur einen See finden, der auch tief
genug ist, dann lösen sich ohnehin alle Probleme einfach in trüben
Dunst... äh, ich meine... Wasser auf.
Da
treffen ein ehemaliger Kommissar, der jetzt ein abgehalfterter
Detektiv ist und der Vater eines vor zwanzig Jahren verschwundenen
Mädchens, welches man bis heute nicht gefunden hat, zufällig, an
einem heißen Sommertag aufeinander. Der ehemailge Kommissar erinnert
sich auf einmal wieder, als wäre es erst gestern gewesen! Das
Mädchen war mit ihrem Freund im Stadtpark, der Freund wollte mit
seinem Einrad fahren, das Mädchen lieber auf der Wiese sitzen und
lesen, also trennten sich die beiden für kurze Zeit. Als der Freund
zurückkehrt, ist das Mädchen verschwunden. Bis heute. Die
Ermittlungen verliefen sich, die Eltern des Mädchens verzweifelten,
jeder auf seine Weise. Der Freund wurde vor allem vom Vater des
Mädchens maltretiert, war es doch, wäre es doch in dessen Augen die
gottverdammte Pflicht gewesen, des Freundes, bei dem Mädchen, bei
seiner Tochter zu bleiben! Aber stattdessen tat er genau das nicht!
Dieser kleine, ehrlose Scheißkerl! Er soll hoffentlich in der Hölle
schmoren! Die Mutter des Mädchens derweil, die gab vor allem dem
ehemaligen Kommissar und der Polizei die Schuld, weil diese in ihren
Augen nicht gut genug ermittelten. Nach seiner Begegnung mit dem
Vater und jenem alten Fall, der ihn bis heute nicht loslässt, läuft
er noch einmal die vermutliche Route des Mädchens ab und muss
feststellen, dass die Vergangenheit manchmal wie eine unheimliche
Flutwelle, einfach so, aus dem Nichts über einem hinüberrollen
kann, ohne Antworten anzuspülen.
In
der Idylle, da lauert das Böse
Ja,
Bayern ist schön. Kann aber auch extrem armselig und dreckig sein,
schäbig und erbärmlich. Aber wie an allen anderen Orten der Welt
auch, stehen Anis Figuren ebenfalls zu ihrer Heimat, und Ani als
Autor gibt sein Bestes, um diesen „Stolz“, diese
Heimatverbundenheit noch zu verstärken. Bis auf ein paar Ausnahmen,
spielen die meisten der Geschichten in Bayern, gerne in München, der
in Kneipen und gerne in der Lebenswelt derer, welche diese mitunter
verstaubten aber für sie wohnlichen, kleinen Mikrouniversen
behausen.
Neben
Mord und Totschlag, da wohnen wir als Leser nämlich auch immer
wieder diversen Stammtisch-“Ureingeborenen“ und ihren zum Teil
sehr obskuren Lebenswelten und Ansichten bei, ergötzen uns mal an
ihrer Schrulligkeit, wundern uns mal über ihre Lebensverhältnisse,
bemitleiden sie oder aber schütteln nur den Kopf darüber, was diese
windschiefen Figuren mit ihren kümmerlichen Existenzen meistens eher
NICHT anzufangen wissen.
Vom
hartnäckigen Dauergast, der mittlerweile vom Kneipenbesitzer schon
als Teil des Mobiliars angesehen wird, über den unscheinbaren,
älteren Herren, der sich vor seiner grauenhaften Verwandtschaft
gekonnt zu verstecken weiß bis hin zum kopfkranken Vollzeitspinner,
dem irgendwann die Sicherungen durchbrennen, seine Familie
abschlachtet und dies begründet mit: „Das musste jetzt einfach mal
sein!“.
Oder
eben der besagte Tunichtsgut, der trotz aller guten Vorsätze, jetzt
endlich in seinem Leben etwas zu ändern, am Ende doch wieder nur vor
der nächsten Kneipentür steht. Aber nicht reingelassen wird, weil
die Betreiberin auf einmal realisiert hat, wie leer und ereignislos
ihr Leben bisher doch gewesen ist. Ihre Söhne haben das große
Abenteuer in Amerika oder sonstwo gesucht und auch gefunden, ihr
kleines oder großes Glück. Und ihr Exmann? Auch schon lange weg, wo
auch immer, aber jedenfalls nicht mehr bei ihr. Sie realisiert, dass
sie selber, wie auch das Leben das sie führt, ungefähr so
lebenswert und spannend ist, wie einer Kartoffel beim verschrumpeln
zuzusehen. Derweil hat der Tunichtsgut seine eigene, neue Prämisse,
aus seinem eigenen, nicht weniger sinnlosen und langweiligen Leben
etwas zu machen, schon wieder mehr oder weniger komplett vergessen
und sucht verzweifelt Einlass in die geschlossene Kneipe. In der die
Besitzerin steht, steif vor Schock der Erkenntnisse, welche ihr nun
wie lautratternde Zugwaggons ununterbrochen durch Oberstübchen
fahren.
In
anderen Storys, da geht es dann auf einmal richtig ernst und brutal
zur Sache. Beispielsweise, wenn ein Ermittler sich um ein beinahe
totgehungertes Mädchen kümmern muss, welches von der Straße
aufgelesen wurde. Die Mutter derweil, wenn man die alte Schlampe so
nennen will, feiert mit irgendwelchen anderen Leuten in einer Kneipe,
als gäbe es kein Morgen. Bis die Realität sie einholt und der
Ermittler sie sich zur Brust nimmt und auf noch viel mehr Elend und
menschliches Leid stößt.
Die
Figuren sind allesamt, selbst in Miniaturen, die manchmal nur knapp
etwas mehr als anderthalb Seiten lang sind, immer und durchgehend
überzeugend, wie auch die bayrische Landesverbundenheit niemals
stört, sondern immer ein ganz natürlicher Teil der Handlung und der
Atmosphäre ist. Die Figuren sind mal, je nach Genre der jeweiligen
Geschichte tiefer oder halt sehr platt, bleiben einem aber dennoch im
Gedächtnis.
Letztendlich
weiß vor allem der sehr oft leicht bis sehr rebellische, anarchische
Erzählton zu überzeugen, denn irgendwie, da schwebt in allen der
Storys immer eine gewisse Prise Wahnsinn mit, welche daherkommt, als
sei es, als sei sie selber das Normalste auf der Welt. Das somit
vielen der Charaktere also auch die ein oder andere Pfanne auf dem
Dach fehlt, das muss man ja schon gar nicht mehr erwähnen.
Aber
mal ganz ehrlich...
Wann
haben Sie das letzte mal wirklich ausgiebig in den Spiegel geguckt
oder mal einen Psychologen aufgesucht, um sich auf Ihre seelische und
geistige Verfasstheit hin überprüfen zu lassen?
Ja,
eben!
FAZIT
Es ist schon
irgendwie erstaunlich – Und ebenso entlarvend wie ich finde:
Das was all die
hunderttausenden von Krimis, Krimithrillern, Psychothrillern,
Thrillern und Psychokrimithrillern mit ihrer stets beworbenen „Tiefen
und ultralealistischen, psychologischen Durchdachtheit“ Jahr für
Jahr ohne Unterlass bergeweise auf die Verkaufstische und in die
Versandlager von Amazon und Co. Inflationär wie Sperrmüll
abladen... Ja das schaffen selbst die Anderthalb-Seiten-Miniaturen in
dieser Sammlung!
Und das sogar
teilweise wesentlich besser, als es so mancher ausgewachsener
Krimithriller, Thriller und/oder Phychokrimithriller mit seiner
Tiefenpsychologie und all der genausotiefen Vorabrecherche des Autors
jemals könnte.
Und da man nie
weiß, ob einen nun schon in der nächsten Story ein todernster
Gesellschaftskrimi erwartet, mit sehr sehr viel, sehr offener
Sozialkritik, einfach nur eine ziemlich blödliche Satire, ein
Splatterfest oder eine nachdenkliche Kurzgeschichte, wird jedes
Umblättern, jeder Neuanfang zu einer spannenden Entdeckungsreise mit
ungewissem Ausgang. Denn immer wenn man glaubt, verstanden zu haben,
wie der Hase läuft und seine Urteile über die einzelnen Figuren
getroffen hat...
Da dann könnte
sich eventuell auf einmal alles ganz plötzlich auf den Kopf drehen.
Aus dem vermeidlich Guten wird auf einmal ein kranker Psychopath, aus
dem scheinbar unsympathischen Arschloch wird auf einmal ein im Grunde
genommen herzensguter Mensch, der nur mal etwas Liebe bräuchte oder
aber man steht vollkommen im Zwiespalt da, was man nun von diesem
oder jenen Charakter denn halten soll, weil dessen schlechte und gute
Werte sich genau die Waage halten.
Inspirativ sind
jene Geschichten und Miniaturen aber allemal, vor allem für alle,
welche selber vielleicht immer schon mal ein bisschen „schreiben“
wollten, sich aber entweder niemals getraut haben und/oder aber gar
nicht wissen, über was und wie sie schreiben sollen. Zudem ist der
Lerneffekt, wenn man beispielsweise einmal anschaut, wie Ani es
schafft, auf manchmal nur anderthalb Seiten einen ganzen Krimi
unterzubringen, wie dies überhaupt zu bewerkstelligen ist, enorm.
Man kann viel
lernen von Friedrich Ani oder sich einfach von ihm mitreißen lassen,
belustigen lassen, schockieren lassen, provozieren lassen, Bayern ein
bisschen erkunden!
Denn das macht
gute UNTERHALTUNG nun mal eben aus!
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Friedrich Ani
„Unterhaltung“
(Hauptsächlich Krimi)-Kurzgeschichten und Miniaturen
Taschenbuch
Droemer-Verlag
Ersterscheinung
2014
Preis: 9,99€
PERSÖNLICHE NOTE:
1+++
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Letzter
tödlicher Akt
Am
Erbenbacher
Bräuhof angekommen, legen unsere beiden Ermittler erst einmal, wie
ja bereits angekündigt, ihre Brotzeit ein. Hier in dem sonnigen,
idyllischen Biergarten des Hofes, wo die beiden alten Kastanien
Schatten spenden, der Hammersee in seinem fast Türkisblau mit dem
Himmel um die Wette strahlt und die Spatzen in den akkurat
geschnittenen Hecken keckern und piepsen.
Hauptkommissar Cayman und sein Kollege sitzen an einem
der großen Holztische und betrachten von dort aus, ihre Brötle
kauend und ihr alkoholfreies Radler trinkend den Tatort, welcher sich
vor ihnen auftut...
Der Schweigersdorfer-Matthias, also der Besitzer des
Erbenbacher Brauhofes, er liegt hier in seine Einzelteile zerlegt,
innerhalb eines mit roter Farbe auf den Steinboden gemalten Kreises,
welcher mit einem Altar aus Tierknochen und einem alten, aber
massiven Holztisch und Kerzen in der Mitte ausgebaut wurde...
Der Schweigersdorfer-Matthias blickt die beiden
Ermittler, als abgetrennter Kopf, auf einem Holzpfahl aufgespießt
durch seine leeren Augenhöhlen mit einem erschrockenen
Gesichtsausdruck an, derweil auf seiner Stirn augenscheinlich ein
satanischer Gebetstext oder so etwas Ähnliches eingeritzt wurde...
Der Rest vom Matthias, ja der liegt überall an
bestimmten Stellen des Ritualplatzes verteilt herum und erweckt den
Eindruck, dass hier Profis im Satanismus am Werk waren, die ihre
Sache sehr genau verstanden haben...
Hauptkommissar Cayman beißt in seine Semmel und sagt:
„Die Leut werden immer bekloppter zur Zeit!“.
Kommissar Kameramann antwortet: „Jupp! So isses! Aber
es werden auch wieder andere Zeiten kommen! Dann vergraben die Leute
ihre Leichen wieder und dann können wir uns wieder die Rücken
krummbuckeln, um die dann wieder aus ihren Löchern rauszuholen! Oder
aber es kommt wieder sone „Heimwerkerphase“, wo die Leut ihre
Mordopfer irgendwo im Haus einbetonieren und wir erst dreißig Jahre
nach denen suchen müssen und dann, wenn wir sie gefunden haben, auch
noch mit Vorschlaghammer und Meißel die Leichen da wieder rausholen
müssen, weil der Nachkäufer oder Mieter die Schweinerei beim
Renovieren gefunden hat! Doa iss mir des so viel lieber, wenn ich
ehrlich bin! Denn so brauchen wir die Toten dann nur noch einsammeln
und fertig!“
Hauptkommissar Cayman denkt kurz nach und stimmt dann
zu: „Joa, da hast du natürlich Recht! So isses viel einfacher!“.
Eine kurze Weile, da essen und trinken die beiden, ohne
ein Wort zu sagen...
Dann fragt Kommissar Kameramann: „Aber du sagt mal?!
Woas machn wir denn dann jetzt mit unserem Toten? Dem Rudolf
Schleyertaler? Der liegt ja aufm Revier immer noch im Kofferraum von
seinem Mercedes!“
Hauptkommissar Cayman winkt ab: „Ach was! Unser
Auftragsmörder, der Parisi kümmert sich darum! Der hatte ja auch
schon heute Morgen gefragt, ob er den Wagen mit dem Rudolf drin nun
im See versenken soll oder den Wiedertaler-Abhang runterschmeißen
soll! Wäre ja beides nachvollziehbar! Erst hatten wir den See im
Auge, aber dann haben wir entschieden, dass der gute Rudolf ja immer
gerne mit dem ganz großen Knall gegangen iss! Da hoabn wir dann also
entschieden, dass unser Killer den Wagen mit dem Rudolf am Steuer
dann eben den Abhang runterschmeißt!“
Kommissar Kameramann meint daraufhin, während er sich
sein Radler aufmacht: „Na dann iss ja alles geklärt!“
Wieder sitzen die beiden eine Weile und essen und
trinken und betrachten den Tatort vor ihnen, besonders aber den Kopf
vom Schwigersdorfer-Matthias...
Dann meint Hauptkommissar Cayman: „Nur nicht den Kopf
verlieren in der heutigen Zeit!“
Kommissar Kameramann muss grinsen...
Aber
auch echt nur, weil der Spruch so schlecht ist...
ENDE
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