Dienstag, 10. Mai 2022

 


Cayman liest > Friedrich Ani >“UNTERHALTUNG” >Krimikurzgeschichten und Miniaturen

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Erster tödlicher Akt

 

 

Es ist wieder ein mal ein wahrlich wunderschöner Tag im beschaulichen, idyllischen Oberaichtingen, hier, mitten im Herz von Bayern. Der Himmel ist blau, nur wenige, puderweiße Wolken am Himmel, die Sonne warm, die Wiesen saftig grün und Vogelgezwitscher erfüllt die Luft.
 
Und hier oben, am Oberaichtinger Wanderberg, da ist wieder einmal ein brutaler Mord, ein Doppelmord sogar passiert, was hier aber schon mal vorkommen kann, weshalb die Beamten vor Ort auch immer ziemlich entspannt und ruhig an die Sache herangehen.


Dann kommen auch schon Hauptkommissar Cayman und sein Kollege und der Kommissar Kameramann in ihrem weinroten, 2002er 3er BMW angefahren, in aller Seelenruhe, denn so viel Zeit muss einfach sein und mit Stress wird die Sache ja schließlich auch nicht mehr besser.


Mit einem dezenten Quietschen kommt der BMW zum stehen, dann hieven sich unsere beiden Helden auch schon mehr oder weniger, eher weniger motiviert aus ihrem Auto. Sie laufen den Wanderberg, der von hier oben bereits eher ein Hügel ist hinauf und erblicken den blutdurchtränkten Tatort.


Hauptkommissar Cayman fragt: „Joa, woas isn des nun schon wieder für a Sauerey?!“.


Kommissar Kameramann meint: „Na des hoabn die Typen ja mal wieder toll hinbekommen!“.


Einer der Polizisten antwortet: „Joa als des da links, des iss die Rosemarie Obermayer! Die wurde erst erwürgt, dann wurde ihr der Schädel eingeschlagen, dann wurde sie ausgeweidet und anschließend hier neben dem zweiten Opfer, dem Helmut Untererdinger abgelegt! Und der Helmut wiederum, der wurde erst mit zweihundertundfünfzig Messerstichen in den Oberkörper ermordet und anschließend hat man ihm noch eine Axt innen Rücken gehaun! Wo sie auch immer noch drin feststeckt, wie man sieht!“.


Hauptkommissar Cayman rümpft die Nase: „Joa also die Leute, die werden auch immer bekloppter und bescheuerter, hat man den Eindruck! Ja wer macht den sowas? Zum Teufel!“.


Kommissar Kameramann meint: „Na des sind halt die Zeiten, in denen wir heutzutage leben! Die Leute haben viel zu viel überschüssige Energie und dann bauen die halt Scheiße! Und wer weiß, was die beiden Opfer hier auch nun wieder mit welchen anderen Leuten zu tun gehabt hoabn!“.


Hauptkommissar Cayman sagt: „Wir müssen noch zum Erbenbacher Bräuhof! Doa hat es ja auch noch einen Mord gegeben! Einen satanischen Ritualmord, wie es scheint! Also fahren wir erst einmal da hin, machen dort dann auch auch Brotzeit und kommen dann noch mal zurück, falls wir gebraucht werden sollten, alles klar?“.


Die Beamten nicken...


Dann begeben sich Hauptkommissar Cayman und Kommissar Kameramann wieder im Schneckentempo in ihren BMW, starten den Motor und fahren ebenfalls im Schneckentempo rückwärts wieder davon...


Auf der Fahrt zum Erbenbacher Bräuhof meint Hauptkommissar Cayman: „Also ich versteh das trotzen nicht! Früher, da hat man die Leut einfach über den Haufen geschossen! Das hat doch auch vollkommen ausgereicht! Wieso muss man heutzutage einen halben Baumarkt in seine Opfer versenken? Wieso muss ich jemandem den Kopf abhacken, wenn einmal Genick umdrehen doch auch vollkommen reichen würde? Also ich verstehe das einfach nicht!“.
Kommissar Kameramann antwortet entspannt: „Joa, also ich denke mal, des sind die aktuellen Zeiten einfach! Die Leute sind aufgeregt und aufgebracht und das Dauerhaft und dann entlädt sich das halt explosionsartig! Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo man seine Gegenspieler wieder einfach beim Wandern den Berg runterwirft, abknallt oder einfach auch mal wieder nen Auftragsmörder bezahlt, der das dann sauber und schnell erledigt! Ich sehe das alles nicht so eng! Des ist halt der aktuelle Zeitgeist!“.


Hauptkommissar Cayman biegt nach rechts auf eine schmale Landstraße, die zum Bräuhof führt: „Na deine Worte in Gottes müden Ohren mein Freund!“.




 

Cayman liest


Dieses Mal:


 


Friedrich Ani


„Unterhaltung“ - Kurzgeschichten und Miniaturen


















„Mord und Totschlag“






















Ein Meister der UNTERHALTUNG

 


 

In all den Unmengen von vor allem Krimis, Krimithrillern und Thrillern, Psyhothrillern und Thrillerpsychokrimis, welche Tag für Tat auf den Markt geworfen werden, ist es so, wie überall anders auch, wo massenweise Dinge existieren, dass die wahren Perlen dann nicht selten entweder einfach untergehen, weil keiner sie dazwischen finden kann... Oder aber sich einfach zu wenig Leute gibt, welche diese seltenen Perlen finden, und somit einfach nicht und niemals die nötige Bandbreite exisiert, welche gebraucht würde, damit diese „Perlen“ dann auch die ihnen verdiente Bandbreite in der Öffentlichkeit bekommen.

 

Vor allem im Bereich der Thriller-Krimi-Psychodingens-Bücher wird so dermaßen viel Masse herausgehauen, Neuerscheinungen kommen, liegen, vor allem je nach Bekanntheit des Autors mal länger, mal weniger länger in den Läden und verschwinden dann auch ganz schnell wieder, denn die nächste Baggerschaufel voller Nachfolger, Neuerscheinungen und angeblichen Exklusivpremieren wartet schon darauf, den Markt zu überschwemmen.


Bestes Beispiel für mich war ein Politikthriller, der in Nordkorea spielt*e, welcher mit einer großen Vermarktungskampange, gratis Leseproben, Werbung in Zeitschriften und im Internet angekündigt wurde, als das nächste, große Ding! Insgeheim hätten sich die Marketingsleute wohl gewünscht, dass dieser Schmöker einen politischen Konflikt verursacht, mit Nordkorea, damit dieser „Thriller des Jahres“ erst so richtig durch die Decke geht, was die Verkaufszahlen angeht.


Tatsächlich lag diese „Sensation“ dann exakt... ZWEI WOCHEN LANG IM LADEN AUSGESTELLT – UND NIEMAND KAUFTE AUCH NUR EIN EXEMPLAR. Danach war dieser ach so große Thriller dann auf einmal, von einem Tag auf den anderen, einfach aus dem Angebot wieder verschwunden. Also nicht nur, dass man den Pappaufsteller wegräumte und den Stapel mit den Büchern wo anders im Laden parkte, sondern die Bücher, der gesamte unverkaufte Stapel war verschwunden und blieb es auch, nicht einmal der Tisch mit den „Preisreduzierten Mängelexemplaren“ war noch gut genug. Dass da nach zwei Wochen auf einmal aus dem Nichts ein großes Interesse bei der potentiellen Kundschaft einsetzte und diese alle angebotenen Exemplare auf einmal wegkauften, darf denke ich stark bezweifelt werden.

Den Titel des Buches, wie auch den Namen des Autors, der Autorin? Nicht einmal das Geschlecht weiß ich noch, ich weiß nur noch, dass das Buch eine Winterlandschaft und den roten Stern mit Goldverzierung auf dem Cover hatte oder so.

Tja, so viel also zu der Marketingkampange und diesem „Thriller des Jahres mit politischer Sprengkraft“, welcher nahtlos auch schon von den nächsten, großen „Sensationen“ abgelöst wurde und diese von den nächsten und so weiter.


Womit wir aber mal wieder zum eigentlichen Thema kommen wollen: Denn in einem Meer aus durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Produkten, die in Massen herausgehauen werden, ist es eben schwer, die wirklichen, die wahren Perlen und Schätze zu bergen, welche mehr Aufmerksamkeit mehr als verdient haben.

Jedoch ab und zu, da ja setzt Qualität dann eben doch durch und FRIEDRICH ANI ist einer dieser Autoren, dessen Krimis vor allem in dieser Gunst stehen. Seine „Süden“-Romane sind bereits mit Preisen überhäuft worden, 2010 wurden sogar gleich mehrere dieser Teile gleichzeitig mit dem selben Preis bedacht worden. Dies ist bis jetzt zuvor noch nie davor und auch seit dem danach nicht wieder vorgekommen.

Aber weil der Mann damit ja noch nicht ausgelastet ist, schreibt er auch noch Kinderbücher, Gedichte, Hörbücher, Kurzgeschichten und Drehbücher und erhält somit also in ziemlicher Regelmäßigkeit Preise und Auszeichnungen.

 

Und auch seine Krimi-Kurzgeschichten wurden in einem recht dicken, vollgepackten Buch zusammengepfercht und unter dem sehr passenden Titel „UNTERHALTUNG“ herausgebracht. Und auch wenn die meisten eher in die gerne mal „absurde“ Kriminal-Richtung gehen, sind allerdings auch sozialkritische, dramatische und satirische Kleinwerke darin zu finden, die allesamt einfach eben genau das tun, was der Buchdeckel bereits verspricht: Nämlich „UNTERHALTUNG“ liefern.
Mal längere und mal sehr kurze, also gerademal anderthalb Seiten kurze Geschichtchen und Miniaturen, Gedankenspiele, was auch immer, sind darin zu finden und selbst die sind oftmals gelungener, als mancher vollwertiger, 300-Seiten Massenwarekrimi.


 

 

 

 

Minikrimis, Minithriller und Minidramen

 


 


Friedrich Ani ist ein sehr heimatverbundener Mensch, das merkt man selbstverständlich auch an seinen Krimis und in so ziemlich allen der hier gesammelten Miniwerken: Bayern ist die meiste Heimat all derer, welche hier morden, ermordet werden, zu viel wissen, ermitteln, suchen, verzweifeln, sich betrinken, dahinsiechen, nach ihrem Glück suchen, Dreck am stecken haben oder oder oder.


Dabei springen die kleinen Storys, Miniaturen, Geschichten und Momentaufnahmen zwischen todernst, satirisch, albern, verträumt, blutrünstig, bitterböse, extrem spannend, verstörend und einfach nur unglaublich albern:


Da ist ein kleiner, na nennen wir ihn mal „Dorfsheriff“, der zusammen mit seinem besten Freund seit Kindheitstagen mehr als nur den bereits besagten „Dreck“ am stecken hat. Denn die beiden und das erzählt der gute Ich-Erzähler auch frei heraus, haben bereits seit ihren frühen Jugendtagen eine Tat auf dem Kerbholz, die man mindestens als vorsätzliche Tötung beschreiben kann. Doch das hält den selbstverliebten, beinahe schon satanisch-bösen Erzähler nicht davon ab, einfach weiterhin so ziemlich jeden aus dem Weg zu räumen, der sich ihm in irgend einer Weise in die Quere stellt. Letzten Endes, da muss sogar der beste Freund und Kollege dran glauben, als er für den Erzähler zur Gefahr wird. Und wie es sich eben für einen erfahrenen „Killer“ gehört, wird auch dieser Mord sehr kaltblütig, professionell und handwerklich ausgesprochen sauber erledigt. Da ist man als angewiderter Leser fast schon wieder beeindruckt.


Da ist ein mehr als selbstverliebter Architekt, der an sich vom Level der Widerlichkeit irgendwo zwischen Donald Trump und dem Boss von Wirecard bewegt, aber... Und das muss man ihm zugute halten, er will das Richtige! Er plant seine Bauwerke für die Menschen und nicht für sein eigenes Ego oder architektonische Trends. Er überlegt exakt und akribisch, wie man Wohnungen so erbauen und planen kann, dass die Menschen auch im Alter problemlos darin leben können und ihre vier Wände ihnen dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greifen, ihnen ihren Lebensabend maximal erleichtern können. Der Herr Architekt hat die Problematiken einer alternden Gesellschaft, aller alternden Menschen bis ins letzte Detail durchschaut und will Abhilfe leisten. So weit zu seiner positiven Charakterseite. Um seine eigenen Ziele allerdings maximal durchzusetzen und alle seine Visionen wahr werden zu lassen, muss er die Karriereleiter aufsteigen und vor allem seine Widersacher loswerden. Also haben diese halt nach und nach, na sagen wir mal... „Unfälle“. Und wie gesagt: So widerlich dieser Typ auf der einen Seite auch ist, so edel und nachvollziehbar sind seine Beweggründe und so verzahnt ist es, sich somit wirklich ein steinfestes Urteil über ihn zu bilden.


Da ist der Tunichtsgut, der seit seinem Arbeitsunfall eigentlich nur noch in immer derselben Kneipe, an immer demselben Sitzplatz herumhängt und sein Leben wortwörtlich VERGEUDET. Er selber weiß das und beschließt irgendwann immerhin halbherzig, eben genau davon Abstand zu nehmen und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mit dem zu erwartenden Ergebnis. Der nächste Bierdurst kommt, da ist eine nette Kneipe in Sichtweite, also nichts wie hin, denn warum sollte man sich, nach so einem derartig lebensverändernden Entschluss nicht ein, zwei oder drei Bierchen gönnen dürfen? Man muss es ja nicht gleich überstürzen. Derweil in der besagten Kneipe, da steht die Wirtin hinter dem Tresen, alleine und im Dunkeln. Denn sie hat alle ihre Gäste rausgeschmissen, nachdem sie schlagartig die Midlifecrisis gepackt hat und sie begreifen musste, das sie ihr bisheriges Leben quasi verschenkt hat. So steht also der eine, der sein halbes Leben vergeudet hat draußen und klopft gegen die Scheibe und will rein und die andere, die ihr halbes Leben vergeudet hat steht drinnen und lässt niemanden herein, kann aber auch nicht heraus, weil da draußen dieser Kerl steht.


Da befragt ein erfahrener Kommissar einen trauernden Ehemann, dessen Frau ermordet wurde am Weihnachtsabend, weil dessen Aussage merkwürdige Lücken aufweist. Erst, da verstrickt sich der Gatte noch in Widersprüche, rückt aber dann mit der für ihn beschämenden Wahrheit doch heraus, der Kommissar notiert und bemerkt, dass damit alle Zweifel aus dem Weg geräumt sind. Der Ehemann kann es nicht gewesen sein. Also trollt sich der Ermittler und lässt den Befragten, der auffällig viel Verständnis für das alles hat, wieder alleine. Woraufhin der Trauernde die Schwester seiner Frau aus dem Haus wirft, weil er alleine sein will. Als er dies nach erheblichem Widerstand dieser geschafft hat, da wird alles auf einmal ganz klar und man fühlt mit ihm und begreift all die Ereignisse des Mordes, wie auch die Beweggründe des „Täters“ und hat Mitleid. Was dann aber passiert, final, kurz vor Ende dieser kleinen, bis eben sehr emotionalen Geschichte, lässt einen das Blut in den Adern gefrieren.


Da sind vier Leute, mit mal mehr, mal weniger finanziellen Problemen. Zwei aber, die haben richtig dicke Schulden und einen Plan, der anscheinend idiotensicher ist. Nach einigem Hin und Her ziehen sie es durch, einer von ihnen, der ist das Opfer und soll halt draufgehen, es geht als nicht anders. Aber warum sollte man die Beute durch drei teilen, wenn man sie auch durch zwei teilen kann? Da hat dann doch jeder gleich mehr in der Brieftasche! Aber Moment mal! Wenn man nur durch zwei teilt, das ist noch viel weniger lukrativ, als durch eins, also GAR NICHT TEILEN! Am Ende, da bleibt somit nur einer übrig, in der doppelten Gewissheit, dass die Gier nach Geld und finanzielle Not oftmals mehr Bedeutung haben können, als irgendeine „Freundschaft“ oder aber „Liebe“. Man muss nur einen See finden, der auch tief genug ist, dann lösen sich ohnehin alle Probleme einfach in trüben Dunst... äh, ich meine... Wasser auf.


Da treffen ein ehemaliger Kommissar, der jetzt ein abgehalfterter Detektiv ist und der Vater eines vor zwanzig Jahren verschwundenen Mädchens, welches man bis heute nicht gefunden hat, zufällig, an einem heißen Sommertag aufeinander. Der ehemailge Kommissar erinnert sich auf einmal wieder, als wäre es erst gestern gewesen! Das Mädchen war mit ihrem Freund im Stadtpark, der Freund wollte mit seinem Einrad fahren, das Mädchen lieber auf der Wiese sitzen und lesen, also trennten sich die beiden für kurze Zeit. Als der Freund zurückkehrt, ist das Mädchen verschwunden. Bis heute. Die Ermittlungen verliefen sich, die Eltern des Mädchens verzweifelten, jeder auf seine Weise. Der Freund wurde vor allem vom Vater des Mädchens maltretiert, war es doch, wäre es doch in dessen Augen die gottverdammte Pflicht gewesen, des Freundes, bei dem Mädchen, bei seiner Tochter zu bleiben! Aber stattdessen tat er genau das nicht! Dieser kleine, ehrlose Scheißkerl! Er soll hoffentlich in der Hölle schmoren! Die Mutter des Mädchens derweil, die gab vor allem dem ehemaligen Kommissar und der Polizei die Schuld, weil diese in ihren Augen nicht gut genug ermittelten. Nach seiner Begegnung mit dem Vater und jenem alten Fall, der ihn bis heute nicht loslässt, läuft er noch einmal die vermutliche Route des Mädchens ab und muss feststellen, dass die Vergangenheit manchmal wie eine unheimliche Flutwelle, einfach so, aus dem Nichts über einem hinüberrollen kann, ohne Antworten anzuspülen.









In der Idylle, da lauert das Böse

 


 


Ja, Bayern ist schön. Kann aber auch extrem armselig und dreckig sein, schäbig und erbärmlich. Aber wie an allen anderen Orten der Welt auch, stehen Anis Figuren ebenfalls zu ihrer Heimat, und Ani als Autor gibt sein Bestes, um diesen „Stolz“, diese Heimatverbundenheit noch zu verstärken. Bis auf ein paar Ausnahmen, spielen die meisten der Geschichten in Bayern, gerne in München, der in Kneipen und gerne in der Lebenswelt derer, welche diese mitunter verstaubten aber für sie wohnlichen, kleinen Mikrouniversen behausen.


Neben Mord und Totschlag, da wohnen wir als Leser nämlich auch immer wieder diversen Stammtisch-“Ureingeborenen“ und ihren zum Teil sehr obskuren Lebenswelten und Ansichten bei, ergötzen uns mal an ihrer Schrulligkeit, wundern uns mal über ihre Lebensverhältnisse, bemitleiden sie oder aber schütteln nur den Kopf darüber, was diese windschiefen Figuren mit ihren kümmerlichen Existenzen meistens eher NICHT anzufangen wissen.


Vom hartnäckigen Dauergast, der mittlerweile vom Kneipenbesitzer schon als Teil des Mobiliars angesehen wird, über den unscheinbaren, älteren Herren, der sich vor seiner grauenhaften Verwandtschaft gekonnt zu verstecken weiß bis hin zum kopfkranken Vollzeitspinner, dem irgendwann die Sicherungen durchbrennen, seine Familie abschlachtet und dies begründet mit: „Das musste jetzt einfach mal sein!“.


Oder eben der besagte Tunichtsgut, der trotz aller guten Vorsätze, jetzt endlich in seinem Leben etwas zu ändern, am Ende doch wieder nur vor der nächsten Kneipentür steht. Aber nicht reingelassen wird, weil die Betreiberin auf einmal realisiert hat, wie leer und ereignislos ihr Leben bisher doch gewesen ist. Ihre Söhne haben das große Abenteuer in Amerika oder sonstwo gesucht und auch gefunden, ihr kleines oder großes Glück. Und ihr Exmann? Auch schon lange weg, wo auch immer, aber jedenfalls nicht mehr bei ihr. Sie realisiert, dass sie selber, wie auch das Leben das sie führt, ungefähr so lebenswert und spannend ist, wie einer Kartoffel beim verschrumpeln zuzusehen. Derweil hat der Tunichtsgut seine eigene, neue Prämisse, aus seinem eigenen, nicht weniger sinnlosen und langweiligen Leben etwas zu machen, schon wieder mehr oder weniger komplett vergessen und sucht verzweifelt Einlass in die geschlossene Kneipe. In der die Besitzerin steht, steif vor Schock der Erkenntnisse, welche ihr nun wie lautratternde Zugwaggons ununterbrochen durch Oberstübchen fahren.


In anderen Storys, da geht es dann auf einmal richtig ernst und brutal zur Sache. Beispielsweise, wenn ein Ermittler sich um ein beinahe totgehungertes Mädchen kümmern muss, welches von der Straße aufgelesen wurde. Die Mutter derweil, wenn man die alte Schlampe so nennen will, feiert mit irgendwelchen anderen Leuten in einer Kneipe, als gäbe es kein Morgen. Bis die Realität sie einholt und der Ermittler sie sich zur Brust nimmt und auf noch viel mehr Elend und menschliches Leid stößt.


Die Figuren sind allesamt, selbst in Miniaturen, die manchmal nur knapp etwas mehr als anderthalb Seiten lang sind, immer und durchgehend überzeugend, wie auch die bayrische Landesverbundenheit niemals stört, sondern immer ein ganz natürlicher Teil der Handlung und der Atmosphäre ist. Die Figuren sind mal, je nach Genre der jeweiligen Geschichte tiefer oder halt sehr platt, bleiben einem aber dennoch im Gedächtnis.


Letztendlich weiß vor allem der sehr oft leicht bis sehr rebellische, anarchische Erzählton zu überzeugen, denn irgendwie, da schwebt in allen der Storys immer eine gewisse Prise Wahnsinn mit, welche daherkommt, als sei es, als sei sie selber das Normalste auf der Welt. Das somit vielen der Charaktere also auch die ein oder andere Pfanne auf dem Dach fehlt, das muss man ja schon gar nicht mehr erwähnen.


Aber mal ganz ehrlich...



Wann haben Sie das letzte mal wirklich ausgiebig in den Spiegel geguckt oder mal einen Psychologen aufgesucht, um sich auf Ihre seelische und geistige Verfasstheit hin überprüfen zu lassen?


Ja, eben!









FAZIT






Es ist schon irgendwie erstaunlich – Und ebenso entlarvend wie ich finde:


Das was all die hunderttausenden von Krimis, Krimithrillern, Psychothrillern, Thrillern und Psychokrimithrillern mit ihrer stets beworbenen „Tiefen und ultralealistischen, psychologischen Durchdachtheit“ Jahr für Jahr ohne Unterlass bergeweise auf die Verkaufstische und in die Versandlager von Amazon und Co. Inflationär wie Sperrmüll abladen... Ja das schaffen selbst die Anderthalb-Seiten-Miniaturen in dieser Sammlung!


Und das sogar teilweise wesentlich besser, als es so mancher ausgewachsener Krimithriller, Thriller und/oder Phychokrimithriller mit seiner Tiefenpsychologie und all der genausotiefen Vorabrecherche des Autors jemals könnte.


Und da man nie weiß, ob einen nun schon in der nächsten Story ein todernster Gesellschaftskrimi erwartet, mit sehr sehr viel, sehr offener Sozialkritik, einfach nur eine ziemlich blödliche Satire, ein Splatterfest oder eine nachdenkliche Kurzgeschichte, wird jedes Umblättern, jeder Neuanfang zu einer spannenden Entdeckungsreise mit ungewissem Ausgang. Denn immer wenn man glaubt, verstanden zu haben, wie der Hase läuft und seine Urteile über die einzelnen Figuren getroffen hat...


Da dann könnte sich eventuell auf einmal alles ganz plötzlich auf den Kopf drehen. Aus dem vermeidlich Guten wird auf einmal ein kranker Psychopath, aus dem scheinbar unsympathischen Arschloch wird auf einmal ein im Grunde genommen herzensguter Mensch, der nur mal etwas Liebe bräuchte oder aber man steht vollkommen im Zwiespalt da, was man nun von diesem oder jenen Charakter denn halten soll, weil dessen schlechte und gute Werte sich genau die Waage halten.


Inspirativ sind jene Geschichten und Miniaturen aber allemal, vor allem für alle, welche selber vielleicht immer schon mal ein bisschen „schreiben“ wollten, sich aber entweder niemals getraut haben und/oder aber gar nicht wissen, über was und wie sie schreiben sollen. Zudem ist der Lerneffekt, wenn man beispielsweise einmal anschaut, wie Ani es schafft, auf manchmal nur anderthalb Seiten einen ganzen Krimi unterzubringen, wie dies überhaupt zu bewerkstelligen ist, enorm.


Man kann viel lernen von Friedrich Ani oder sich einfach von ihm mitreißen lassen, belustigen lassen, schockieren lassen, provozieren lassen, Bayern ein bisschen erkunden!


Denn das macht gute UNTERHALTUNG nun mal eben aus!




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Friedrich Ani

„Unterhaltung“ 

 (Hauptsächlich Krimi)-Kurzgeschichten und Miniaturen


Taschenbuch

Droemer-Verlag


Ersterscheinung 2014

Preis: 9,99€


PERSÖNLICHE NOTE: 1+++

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Letzter tödlicher Akt

 


Am Erbenbacher Bräuhof angekommen, legen unsere beiden Ermittler erst einmal, wie ja bereits angekündigt, ihre Brotzeit ein. Hier in dem sonnigen, idyllischen Biergarten des Hofes, wo die beiden alten Kastanien Schatten spenden, der Hammersee in seinem fast Türkisblau mit dem Himmel um die Wette strahlt und die Spatzen in den akkurat geschnittenen Hecken keckern und piepsen.


Hauptkommissar Cayman und sein Kollege sitzen an einem der großen Holztische und betrachten von dort aus, ihre Brötle kauend und ihr alkoholfreies Radler trinkend den Tatort, welcher sich vor ihnen auftut...


Der Schweigersdorfer-Matthias, also der Besitzer des Erbenbacher Brauhofes, er liegt hier in seine Einzelteile zerlegt, innerhalb eines mit roter Farbe auf den Steinboden gemalten Kreises, welcher mit einem Altar aus Tierknochen und einem alten, aber massiven Holztisch und Kerzen in der Mitte ausgebaut wurde...


Der Schweigersdorfer-Matthias blickt die beiden Ermittler, als abgetrennter Kopf, auf einem Holzpfahl aufgespießt durch seine leeren Augenhöhlen mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck an, derweil auf seiner Stirn augenscheinlich ein satanischer Gebetstext oder so etwas Ähnliches eingeritzt wurde...


Der Rest vom Matthias, ja der liegt überall an bestimmten Stellen des Ritualplatzes verteilt herum und erweckt den Eindruck, dass hier Profis im Satanismus am Werk waren, die ihre Sache sehr genau verstanden haben...


Hauptkommissar Cayman beißt in seine Semmel und sagt: „Die Leut werden immer bekloppter zur Zeit!“.


Kommissar Kameramann antwortet: „Jupp! So isses! Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen! Dann vergraben die Leute ihre Leichen wieder und dann können wir uns wieder die Rücken krummbuckeln, um die dann wieder aus ihren Löchern rauszuholen! Oder aber es kommt wieder sone „Heimwerkerphase“, wo die Leut ihre Mordopfer irgendwo im Haus einbetonieren und wir erst dreißig Jahre nach denen suchen müssen und dann, wenn wir sie gefunden haben, auch noch mit Vorschlaghammer und Meißel die Leichen da wieder rausholen müssen, weil der Nachkäufer oder Mieter die Schweinerei beim Renovieren gefunden hat! Doa iss mir des so viel lieber, wenn ich ehrlich bin! Denn so brauchen wir die Toten dann nur noch einsammeln und fertig!“


Hauptkommissar Cayman denkt kurz nach und stimmt dann zu: „Joa, da hast du natürlich Recht! So isses viel einfacher!“.


Eine kurze Weile, da essen und trinken die beiden, ohne ein Wort zu sagen...


Dann fragt Kommissar Kameramann: „Aber du sagt mal?! Woas machn wir denn dann jetzt mit unserem Toten? Dem Rudolf Schleyertaler? Der liegt ja aufm Revier immer noch im Kofferraum von seinem Mercedes!“


Hauptkommissar Cayman winkt ab: „Ach was! Unser Auftragsmörder, der Parisi kümmert sich darum! Der hatte ja auch schon heute Morgen gefragt, ob er den Wagen mit dem Rudolf drin nun im See versenken soll oder den Wiedertaler-Abhang runterschmeißen soll! Wäre ja beides nachvollziehbar! Erst hatten wir den See im Auge, aber dann haben wir entschieden, dass der gute Rudolf ja immer gerne mit dem ganz großen Knall gegangen iss! Da hoabn wir dann also entschieden, dass unser Killer den Wagen mit dem Rudolf am Steuer dann eben den Abhang runterschmeißt!“


Kommissar Kameramann meint daraufhin, während er sich sein Radler aufmacht: „Na dann iss ja alles geklärt!“


Wieder sitzen die beiden eine Weile und essen und trinken und betrachten den Tatort vor ihnen, besonders aber den Kopf vom Schwigersdorfer-Matthias...


Dann meint Hauptkommissar Cayman: „Nur nicht den Kopf verlieren in der heutigen Zeit!“


Kommissar Kameramann muss grinsen...



Aber auch echt nur, weil der Spruch so schlecht ist...






ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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