
Cayman
liest > André Heller >“Schattentaucher” >Prosa >Die wilden
Abenteuer eines Mannes im Nachkriegswien und dessen Kaffeehauskultur
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Erster Akt im Kaffeehaus
Es ist eines jener altgedienten Häuser, in denen die Menschen schon saßen, Zeitung lasen, Kaffee tranken, ihr traditionelles Glas Wasser umsonst hingestellt bekamen, sich stritten, Dramen aller Arten abhielten, Stunden um Stunden, manchmal ganze Tage verbrachten, bis irgendwann manche von ihnen einfach zum Inventar gehörten. Und so durch ihr Zutun dieses, wie viele andere Kaffeehäuser überhaupt erst zu dem machten, was sie auch heute noch sind.
In diesem, nun beschriebenen jedenfalls, da kann man die vergangenen Zeiten hören, wenn man den alten Holzfußboden entlangläuft. Man kann sie riechen, diese vergangenen Zeiten, wenn einem der Geruch des alten Holzes und seiner Lackierung in die Nase steigt, vermischt mit dem Aroma von frischem Kaffee und Zigarrettenrauch. Man kann die vergangenen Zeiten, überhaupt das vergehen der Zeit sehen, in all den Kratzern, Dellen, übermalten Stellen im Holz auf dem Boden, den Wänden und den Möbeln, vertuscht, versteckt, aber doch sichtbar konserviert bis heute.
Der Kronleuchter an der Decke will nicht so recht zu den alten Möbeln passen, welche zwar in keinstem Fall billig oder schäbig aussehen, aber doch ein wenig wie Bettler im Antlitz eines edel gekleideten Königs, von edelstem Geblüt. Aber Widersprüche an sich, Widersprüche überhaupt, die gehören ja dazu, in Wien, in Österreich, in den Kaffeehäusern, wo jetzt, zu diesem Zeitpunkt kaum Kunden sind, bis auf die wenigen, üblichen Dauergäste:
Der alte, wie man ihn hier einfach nur nennt „Blätterer“, ein minutiöser, perfektionistischer Zeitungsleser, welcher überhaupt erst ans fortgehen denkt, wenn er auch den letzten Buchstaben der vielen hier ausliegenden Tageszeitungen ausgiebig und kritisch gelesen hat.
Der, wie ihn die beiden Kellner nennen „Turmbauer“, der Tasse um Tasse genussvoll austrinkt, aber erst Trinkgeld gibt, wenn er mindestens einen beeindruckend, wie auch gefährlich hohen Turm an Tassen und deren Untertellern auf dem Tisch vor sich errichtet hat. Ist der Bauherr zufrieden, dann zahlt er auch gut. Und weil die Kellner das wissen, gehen sie das Risiko, dass es vielleicht einen Scherbenhaufen oder garantiert wütende Flüche der Küchenhilfe über die plötzlichen Unmengen an Abwasch geben wird, gerne ein, denn es lohnt sich.
Oder die „Stangerl-Rita“, welche eine Zigarette nach der anderen wegraucht, dabei aber stets so wirkt, als sei sie die Hauptdarstellerin in einem Film, den die Welt so noch nicht gesehen hat. Die Nebelwolke um sie herum ist mancher Zeit beeindruckend, als wolle die gute Dame die Zeche prellen, in dem sie einfach im trüben Nichts des von ihr verbrannten Nikotins für immer untertaucht, wie eine Magierin. Doch die gute Rita, sie verschwindet nicht, sie bleibt, meistens vom frühen Vormittag, gleich nach dem Öffnen, bis zum Schließen. Vielleicht sollte man sie einfach zum Inventar zählen, einen Glaskasten um sie herum aufbauen und als historisches Artefakt den anderen Gästen zum bestaunen freigeben.
Solche und noch viele andere Figuren, Originale, Gestrandete, Eigenartler und und und bevölkern dieses, wie auch alle anderen Kaffeehäuser in ganz Österreich.
Als sei dies aber noch nicht genug, beehren heute gleich noch zwei weitere, obskure Figuren die Räumlichkeiten mit ihrer Anwesenheit. Aber die Kellner, sie sind selbst die schrägesten Gäste und deren Schrullen mehr als gewohnt. Vermutlich würde ihnen der Angstschweiß aufrecht auf der Stirn stehen, wenn dem nicht so wäre, wenn diese auf einmal fortbleiben würden, denn dann müsste man davon ausgehen, dass etwas passiert ist, welches die Grundfesten der Zivilisation einstürzen ließ.
Nun haben es sich also Cayman und der Kameramann an einem der Tisch, in einer Sitzecke mit Bank gemütlich gemacht und warten auf ihre Bestellung.
Der Kameramann dreht noch einmal die Linse der Kopfkinokamera scharf und sagt dann trocken: „Okay, kann losgehen“
Cayman setzt sich daraufhin aufrecht, faltet die Hände und sagt: „Mein sehr verehrtes Publikum… Machen wir es KURZ! Hier nun die Buchkritik zu einem Werk, das schon so einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, aber dennoch kaum etwas von seiner Aktualität UND seiner Wahnwitzigkeit, sowie seiner tiefen Menschlichkeit verloren hat! Es geht um Frauen, Kompositionen, Rattenmusik, Alltagswahnsinn und das Leben als Jude im Nachkriegswien! Aber auch dies ist nur ein KURZ…er Auszug dessen, was dieses kleine, aber feine Buch in Wahrheit zu bieten hat! Ein echter NEHAMMER oder?! Ein SCHALLENBERG, der Schlimmes dabei denkt! Aber sehen wir am besten doch nun selbst!“
Der Kameramann schüttelt mit dem Kopf, aufgrund dieser Anmoderation, aber sagt, weil pflichtbewusst: „Nehmen wir so, FILM AB!“
Cayman liest
Dieses Mal:

Andrè Heller
„Schattentaucher“
„Wiener Gegebenheiten“
Welcher Idiot hat bitte das Cover gestaltet?!

Dass das Produkt „Buch“, wie auch viele andere Dinge auch, nicht von einer Person alleine gemacht wird und deshalb nicht in einem Guss entsteht, merkt man häufig erst dann, wenn etwas so richtig schief geht, weil irgendwo jemand eine Entscheidung trifft, welche dann dazu führt, dass beim hergestellten Gegenstand der Kunde sich verwundert die Augen reibt oder sogar facepalmt.
Bei Videospielen wäre da das Endzeitspiel „RAGE 2“ als Paradabeispiel zu nennen, welches von der Marketingabteilung, welche für die Bewerbung verantwortlich war, so beschrieben wurde: „RAGE 2 bedeutet maximale Freiheit! Das Spiel ist pures Geballere und actionreiches Fahren durch eine gigantische, offene Spielwelt! Keine Story! Keine Regeln! Macht verf**kt nochmal, was immer ihr wollt!!!“.
Dummerweise wusste diese Marketingabteilung aber nicht oder es war ihr egal, dass „RAGE 2 „ sehr wohl eine Story hat, eine Geschichte erzählt und seine Spieler sogar ziemlich gradlinig durch die Spielwelt führt. Alleine, dass man zum Start des Spiels gleich mehrere Filmsequenzen entweder ansehen oder erst wegdrücken muss, bis man den ersten Schuss abfeuern kann UND SELBST DANN noch an das, was einem dort gezeigt, erzählt und präsentiert wird gebunden ist, ist eindrucksvoll Beweismaterial genug, dass das Marketingteam auf gut Deutsch „SCHEI*E GEBAUT HAT“.
Ein kluger Mensch fasste dieses Problem einst so zusammen: „Du kannst für dein Spiel noch so hohe Sicherheitsmaßnahmen einführen, dass alles glattläuft, der Storyplott nicht schon vorher verraten wird oder sonstetwas dummes passiert. Selbst wenn dreihundert Leute an diesem einen Produkt arbeiten und alle alles richtig gemacht haben… Dann braucht es nur eine weitere Person, die von allendem nichts wusste, aber an entscheidender Position sitzt. Und schon war es das!“.
Beim Spiel „DRIVER SAN FRANCISCO“ beispielsweise, da wurde dann schon in den allerersten Werbetrailern mal eben verraten, wie die Geschichte am Ende ausgeht BZW. was das große Geheimnis ist – Ein waschechter SPOILER also. Das Spiel selber war aber natürlich darauf ausgelegt, seinen großen Storyplott wie gedacht, erst kurz vor Ende zu verraten. Das entpuppte sich dann als großes Problem, weil die an sich interessante Geschichte nun auf einmal wie eine schlecht gemachte, alberne Satire, wie Kinderfernsehen rüberkam und mancher Fan der Reihe, weder das Spiel und erst recht nicht die Story noch wirklich ernst nehmen konnte.
Ups!
Und natürlich gibt es auch in der Buchbranche peinliche Fails, hier sehr gerne beim Cover, welches ja auf den ersten Blick überzeugen und auch recht schnell und möglichst eindeutig klarmachen muss, was thematisch Sache ist. Die optische Gestaltung sollte also zu dem passen, um was es in dem Buch geht. Man kann das Cover eines Liebesromans schlecht wie ein neues Stephen-King-Buch herrichten oder einen Krimi, in dem es Drogenkriminalität und Gewalt gegen Frauen geht, wie ein Kinderbuch. Das wäre ja völlig unprofessionell.
Aber auch hier gilt dieselbe Problematik, wie in der Videospielindustrie: „Wenn dreihundert Leute alles richtig gemacht haben, damit das Produkt perfekt ist, braucht es nur eine weitere Nase, die von irgendwas wichtigem nichts wusste, Scheiße baut und alles war umsonst“.
Im Falle dieser Ausgabe von ANDRÈ HELLERS Prosasammlung „SCHATTENTAUCHER“, da hockte vermutlich jemand im Grafikdesign, las nur den Namen des Buches, guckte ganz vielleicht noch mal kurz in den Klappentext, aber auch nicht richtig und dachte sich dann:
„AHA! HORRORROMAN! GRUSELGESCHICHTENSAMMLUNG! Alles klar!“.
Und so bekam ein Buch, welches die absurden, lebensfrohen, abenteuerlichen, tragischen, aber häufig auch einfach nur aberwitzigen Alltagsabenteuer eines jüdischen Pianisten und und Komponisten im recht frühen Nachkriegswien erzählt, das Einbanddesign eines abgrunddüsteren Horror-Romanes verpasst.
Und in dieser Überzeugung, in einer gewissen Vorfreude darauf, mal wieder richtig gegruselt zu werden, vor allem weil das Cover dies sehr deutlich suggeriert, packte ich dieses Buch ein. Nun muss man allerdings sagen, dass ich es nicht gekauft habe, sondern an einer dieser „Buchregal-Tauschbörsen“, in diesem Fall eingerichtet in einer alten Telefonzelle umsonst mitgenommen habe UND meine Ausgabe bereits an die 40 Jahre auf dem Buckel hat. Was die Sache aber, wie ich finde, nur noch lustiger macht. Denn zwischen diesem 40 Jahre alten Buch mit seinem Marketingfail und jenem von RAGE 2 von 2019 liegt eine verdammt lange Zeitspanne…
Geändert hat sich beim Grundproblem, dass irgendwo eine Person ausreicht, um eine Produktpräsentation voll vor die Wand zu fahren, nämlich nichts.
Und so war ich dann, wie auch 2019 bei RAGE 2 sehr erstaunt darüber, was mich dann tatsächlich erwartete, als ich damit anfing, mich damit zu beschäftigen. Jedoch mit dem Unterschied, dass RAGE 2 durchgehend unterdurchschnittlich mittelmäßig war und dieses Buch hingegen, besonders für Freunde der phantasievollen Sprachkünste das reinste Fest ist. Dass einem, sollte man zu diesem Personenkreis gehören, ein Schauer den Rücken herunterläuft, ist garantiert. Allerdings nicht, weil man gegruselt wird, auch wenn das Cover genau dies hervorruft.
Einmalige Künstlerpersönlichkeit trifft auf meisterhafte Bildsprache

Wir begleiten den, nennen wir ihn mal grob zusammengefasst „Unsortierten Künstler“ Ferdinand Alt, Komponist von Hauptberuf, Pianist nebenbei, Frauenheld sowieso, Cafèhausbesucher ohnehin und mit so allerhand Spleens, aber auch einer wahnsinnig einfühlsamen Beobachtungsgabe und einer gewaltigen Menge an Phantasie bedacht, bei seinem nicht minder abstrusen Alltag und dessen, was dieser denn alles so zu bieten hat.
Ferdinand lebt in dem Luxus, sehr gut geerbt zu haben und kann sich seine gesammelten Spleens, Macken und Verhaltensauffälligkeiten also problemlos leisten. Wie auch seine mehr als minutiöse, macroziöse Arbeit an seinem Opus Magnum, seinem ganz persönlichen Meisterwerk: Seiner eigenen, rahmensprengenden Komposition. Ach ja! Und natürlich Frauen! Zu denen er allerhand mal innige, mal seltsame und auch schon mal absurde Beziehungen führt, die aber allesamt immer irgendwann in die Brüche gehen. Wobei Ferdinand irgendwo ein bisschen sehr Matcho ist und darauf besteht, dass IMMER ER die Beziehung beendet… Wenn dies dann nicht passiert, die bereits ausgemusterte Frau IHM den Korb gibt oder IHN AUSMUSTERT, bevor er dies tut, tja dann stirbt der arme Ferdinand tausend Tode. Bei seiner ultimativen Komponie derweil arbeitet er wie ein Versessener, wie DaVinci an seiner Monalisa, ohne jemals fertig zu werden, oder an einen Punkt zu kommen, an dem er sich sicher sein kann oder auch will, dass er nun genau weiß, wie das ganze am Ende denn nun aussehen soll. Eines seiner liebsten Hilfsmittel, um auf Ideen zu kommen, sind Ratten. Für ihn die faszinierendsten Tiere auf Gottes Erden und über genauso kleinteilige Beobachtungen Takt- und Ideengeber für sein Kompositionsmeisterwerk… Wenn es denn jemals fertig werden sollte… Falls es jemals fertig wird.
Und ja! Wer jetzt den nicht ganz zweifelhaften Zusammenhang erkennt „JUDE > RATTEN > JUDE DER RATTEN MAG“ und sich bereits im Countdown für den moralischen EMPÖRUNGSAUSBRUCH befindet, sollte sich jedoch vor Augen halten, dass hier mitnichten stumpfe Klischees egal welcher Art bedient werden. Denn die menschenverachtenden Verbrechen der Nazis an Ferdinands eigener Familie, wie auch der nachfolgende, immer noch in der Gesellschaft verankerte Antisemitismus und auch Ferdinands eigene, seelische Wunden… Sie kommen immer wieder vor und werden einem ohne Gnade und in all ihrer Grausamkeit um die Ohren geschlagen, dass es einem die Eingeweide zusammenzieht. Eher kann man Ferdinands „Rattenfaszination“ als ein etwas plumpes, aber interessantes Spiel mit eben diesem antisemitistischen Klischees ansehen.
Dies ist zusammengenommen also der eine, grundlegende Part dieser Prosasammlung: Der Held an sich.
Doch dann gibt es da noch zwei weitere Bestandteile, welche dieses Werk wie ich finde so großartig machen.
Der eine Teil ist die Art, wie all das erzählt wird. Denn sprachlich, in der gesamten Umsetzung, in all der liebevollen Herrichtung entwickelt dieses Buch bereits nach knapp zwei oder drei Seiten einen regelrecht magischen Sog, auch dem man sich eigentlich gar nicht mehr befreien will. „Phantasievoll“, „Lyrisch“, „Hypnotisierend“ sind eigentlich sogar noch Begriffe, welche hierfür vollkommen ungeeignet sind, weil sie die wahre Tiefe, all die Liebe und Hingabe, welche in den einzelnen Zeilen steckt, gar nicht wiedergeben können, wie ich finde.
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Hier mal eine Geschmacksprobe – Buch Seite 17:
„Nun saßen sie auf einer Bank vor den großen Getreidefeldern, die wie eine Schanze zu den tieferliegenden Industriegebieten von Simmering führten. Ein Rauschen kam aus dem nahen Wald, als übte ein riesiger Vogel Flügelschlagen. Aber es war nur der Ortswind, der nichts mit dem großen Wind zu tun hat, Kein Nord-, Süd-, Ost- oder Westwind ist das, denn der geht durch die Ortschaft, durch das Land, durch die Welt. Reisende Herrschaft ist der. Ostwinde aber bleiben, gezähmt von den Bäumen und Büschen, vertraut dem Gras und den Farnen. Die Wetterhähne streifen sie, greifen den Frauen an Rock und Kopftuch, fächeln den Julimittagen Kühle zu und treiben im Dezember Schnee. Wenn einer stirbt aus dem Ort, schweigen sie wie alle anderen und werden dann für wenige Tage ruheloser und geschäftiger, denn auch sie möchten Versäumtes nachholen und zweifeln an der Unsterblichkeit. Ferdinand horchte in das Rauschen, und Anna sagte: >>Hörst du das Rauschen?<<
… …
Dann schwiegen beide lang, und dann kamen sie zur Sache. Ferdinand sagte: >>Irgendwie lieb` ich dich<<, und Anna sagte >>Wui?<<. Ferdinand dachte, warum sagt sie >Wui<?. Laut sagte er: >>Wui ist alles, was du darauf zu sagen hast?<<. Anna sagte >>Irgendwie lieb ich dich auch.<< und Ferdinand sagte >>Wui<<.
Da lachten beide und auch ihnen war ein Rauschen, als wären sie größer als der Wald und dieser nur ein Teil ihrer Körper zwischen Herzschlag und Magen, und das war schön.“
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Es macht einfach Spaß, sich dem Sound, dem Takt und dem ergreifenden Konstrukt von Worten und Sätzen hinzugeben und diese einfach nur zu genießen, ähnlich wie es Klassikfans bei einer guten Symphonie zu tun gedenken, in dem sie sich vor ihre übergroße BOSE-Soundanlage setzen, diese angemessen aufdrehen und dann ein mittleres, aber sehr befriedigendes Schallwellenerdbeben in ihrer Nachbarschaft auslösen. Also ja, ICH hatte mein reines Vergnügen daran, diese Texte zu lesen. Insbesondere nach dem ich mit „GRM“ von Sibylle Berg und „Serotonin“ von Michel Houllouenbecqu oder wie der sich schreibt, in beiden Fällen eher das exakte Gegenteil erlitten habe.
Aber zu der großartigen Sprachkunst in diesem Werk und seinem sehr unterhaltsamen Helden, gesellt sich dann noch ein weiterer, sehr wichtiger Protagonist hinzu, welcher in der Tat nicht fehlen darf, wenn es um die Stadt Wien und natürlich um Österreich an sich geht.
Nämlich die traditionellen Kaffeehäuser (Oder modernistisch „Cafèhäuser“).
Kulturell geschützter Mikrokosomos

Das erste und damit älteste Kaffeehaus… Oder zumindest der „Urknall“ dessen, was die Österreicher heute als dieses bezeichnen, so wird es jedenfalls historisch wiedergegeben, war eine Lokalität namens: „ZUR BLAUEN FLASCHE“ - Ganz offenbar zurückzuführen auf einen Mann namens CHRISTIAN FLASCHNER, welcher das dafür nötige Gebäude um 1563 erwarb, so die Legende. Jetzt kann man natürlich spekulieren, WARUM man, wenn man mit Nachnamen „Flaschner“ heißt, dann auch die Idee kommt, sein Lokal „ZUR BLAUEN…“ zu nennen. Vielleicht war er ja, als er diese Idee hatte, nicht ganz nüchtern, so sollen ja schon etliche sehr erfolgreiche Geschäftsideen und Erfindungen das Licht der Welt erblickt haben. Wenn dem so war, dann war dieser Mann jedenfalls sehr selbstironisch und somit ein Vorbild für uns alle.
Wobei, und so viel Klugscheißerei muss sein, hieß das Haus ursprünglich „BEY DER BLAUEN FLASCHE“, erst um 1700 herum wurde dann daraus „HAUS ZUR BLAUEN FLASCHE“.
Dies war, so die Legende nach dann das allererste Kaffeehaus, in dem allerdings zu der Zeit eventuell noch gar kein Kaffee ausgeschenkt wurde, weil dieser zwar schon bekannt, aber noch nicht sonderlich weit verbreitet war und in ganz Europa ja schon mal gar nicht. Denn wirklich „viral verbreitet“ wie man im heutigen Socialnetwortdeutsch sagt, hat sich das ganze denn erst ein bisschen später:
Zitat:
„(Kaffee war auch in Wien bereits bekannt, so ist bereit am 6. Juli 1668 eine Raize, Demeter Domasy, Kaffee aus Wien ausgeführt)“.
Der weiteren Erzählung nach, wie es dann auch dazu kam, dass in der Blauen Flasche irgendwann Kaffee ausgeschenkt wurde, war eine durchaus kompliziert-klingende Abfolge von Nachfolger-Betreibern und deren Familienverhältnissen gegeben:
Zitat:
„In dem ab 1695 so benannten Haus im ehemaligen Schlossergässel eröffnete der Armenier Isaac de Luca (eigentlich Lucas[ian]) 1703 ein Kaffeehaus und führte es bis zu seinem Tod (1729). 1730 heiratete seine Witwe den armenischen Kaffeesieder Anton Deodat (der 1733 gemeinsam mit Franz Ignaz Deodat eine Kaffeehütte jenseits der Schlagbrücke eröffnete; Café Hugelmann) und führte es gemeinsam mit diesem weiter. 1744-1767 gelangte es an ihren Sohn aus erster Ehe, Wolfgang de Luca, bis 1775 besaß es dann dessen Witwe. Als eines der ältesten und am längsten in Betrieb gestandenen Kaffeehäuser prägte es sich so tief im Bewußtsein der Wiener ein, dass es mit Koltschitzky (Erstes Kaffeehaus) in Verbindung gebracht werden konnte. Dies umso leichter, als de Luca ab 1710 wie Koltschitzky das Amt eines orientalischen Kuriers ausübte, sein Nachfolger aber mit Johannes Diodato verwechselt wurde (Schwanfelnersches Haus). Aus der Verbindung der beiden Lebensläufe entstand die “Kolschitzky-Legende”.“
Wer da jetzt nicht durchblickt muss sich nicht schämen übrigens… Ich musste es auch erst fünfmal durchlesen und glaube zumindest, es auch immer noch nicht ganz hundertprozentig verstanden zu haben.
Einer sehr hartnäckigen Legende nach, gingen die Kaffeehäuser dann erst so richtig „viral“, als ein gewisser Herr Kolschintzky dazukam:
Zitat:
„Die Kolschitzky-Legende
In diesem befand sich nach der Überlieferung der Kaffeeschank Kolschitzys, des ersten Wiener Kaffeesieders. Franz Georg Kolschitzky hatte sich als Kundschafter zur Zeit der Zweiten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 sicherlich Verdienste erworben, doch wurden diese übermäßig aufgebauscht, denn er war ein gewaltiger Maulheld, der in fast moderner Weise für sich Reklame zu machen Verstand. Er gewann einen Relationsschreiber zur Aufzeichnung seiner Abenteuer und ließ diesen Bericht, geschmückt mit seinen Bild in Druck erscheinen, der große Verbreitung fand.
Nach der allgemeinen bekannten Erzählung wurden Kolschitzky Verdienste auf originelle Art entlohnt. Als man in dem vom Feind verlassenen Lager 300 Säcke einer graugrünen Frucht fand, wusste man mit ihnen nichts anzufangen, und man überließ sie gerne Kolschitzky, der darum bat weil er von seinem Aufenthalt in der Türkei her ihren Zweck genau kannte (Kaffee war auch in Wien bereits bekannt, so ist bereit am 6. Juli 1668 eine Raize, Demeter Domasy, Kaffee aus Wien ausgeführt). Bald schenkt der Pole seinen ersten Kaffee in einem bescheiden laden in der Domgasse (alt Stadt 845, neu Domgasse 6) aus, übersiedelte aber, da er zu klein war, in das gegen die Schlossergasse ausmündende Lokal. Hier bediente der ehemalige Kundschafter seine Gäste in einer phantasierreichen Tracht und nicht selten sollen hier auch Graf Starhemberg und Prinz Eugen eingekehrt sein, so besagt das wenigstens die ausgeschmückte Kolschitzkylegende.“
Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)
Jedoch ist das mittlerweile wissenschaftlich überholt und größtenteils als Fakehistory abgeheftet:
ZITAT:
„In der Legendenbildung wurde aus dem Kaffeehaus “Zur Blauen Flasche” jenes Kaffeehaus, das Georg Franz Kolschitzky angeblich nach der Zweiten Wiener Türkenbelagerung eröffnete und somit das ältste Kaffeehaus von Wien. Diese Legende, die erstmals von Pater Gottfried Uhlich von den Piaristen in seiner Chronik Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer (publiziert 1783) schriftlich überliefert ist, ist inzwischen widerlegt. Nach neueren Erkenntnissen wird davon ausgegangen, dass Kolschitzky niemals als Kaffeesieder tätig war und auch nie im Besitz einer kaiserlichen Hoffreiheit oder bürgerlichen Gewerbekonzession für Kaffeeausschank gewesen ist.“
Quelle: https://regiowiki.at/wiki/Zur_Blauen_Flasche_(Innere_Stadt)
Fakt hingegen ist, dass das Wiener Kaffeehaus heute ein Ort ist, nach wie vor, an dem alt und jung, reich und arm sich treffen, es je nach Haus mal nur Kaffee und und Getränke, vielleicht mal ein bisschen Kuchen gibt, oder man sogar ganze Festmähler kredenzt bekommen kann. Das lange Verweilen jedoch, ja das gehört derweil zum guten Ton, wie auch das obligatorische Glas Wasser umsonst zu jeder Bestellung. Also anders als in den meisten deutschen Kaffees, wo man ja bereits böse angeguckt wird, wenn man keinen Kaffee To-Go kauft, sondern sich erdreistet, sich damit ins Lokal setzen zu wollen. Denn deutsche Effektivität besagt ja, dass Kunden, welche dann im Kaffee herumsitzen und vielleicht stundenlang an einem oder zwei Kaffees trinken, anderen Kunden, die vielleicht schneller sind und mehr kaufen, den Platz wegnehmen.
„Die Blaue Flasche“ wurde dann später übrigens vom Kaffeehaus, zum Speisehaus:
Zitat:
„Im selben Haus das ab 1700 das Schild “Zur blauen Flasche“ trug befand sich ab etwa 1800 eine Art Speiseanstalt, wo in zwei Zimmern täglich binnen drei Stunden 350 Menschen "abgefüttert” werden konnten. Für acht Kreuzer erhielt man Suppe, Rindfleisch mit einer Brühe, Grünspeis, Braten oder Eingemachtes. “Die Portionen sind groß, dass der einen gewaltigen Fressmagen haben müsste, welcher sich nicht vollkommen satt daran äße“ (Johann Pezzl: Beschreibung von Wien, S. 361).“
Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)
Die wiener Kaffeehauskultur wurde 2011 „Immaterielles Kulturerbe“ der UNESCO und ist bis heute gerne ein Sammelort eigenwilliger Charaktere, interessanter Persönlichkeiten und so allerhand schräger Vögel. Denn wenn eines nicht fehlen darf, damals wie heute, dann sind dies Stammgäste, die halt „Immer“ da sind und mehr oder weniger bereits zum Inventar gehören.
So auch im Buch von Andre` Heller, denn auch Ferdinand hat sein Lieblingskaffeehaus, in welchen sich so allerhand schräge, tragische, unterhaltsame, liebenswerte, düstere, verirrte und/oder verrückte Charaktere treffen. Derweil auch die Kaffeehäuser selber, jedes für sich, bizarr-interessante Mikrouniversen sind:
Buch Seite 33:
„Ferdinand nahm etwas abseits, nahe der Anrichte, Platz. In diesem hinteren Teil des Lokals, zwischen Küche und Toiletten, entstand die unverwechselbare Geruchszusammenballung aus Kaffee, Buchteln, Urin, Eierspeiß und Desinfektionsmitteln.
Die Bernsteinfarbe der ehemals weißen Tapeten rührte vom Tabakrauch, die speckigen Armlehnen der Sitzbänke von dem Umstand, dass in Kaffeehäusern nur auf wiederholte Mahnung Servietten gereicht werden. Das Kaffeehaus ist keine Zwischenstation, sondern eine Heimat, für die viele in aller Ruhe ihre Gesundheit opfern: gefallen auf dem Feld der Habe-die Ehre.“.
Gottseidank sind die 1960er bereits lange vorbei, wobei man sich sicher sein kann, dass es solche Häuser nach wie vor immer irgendwo gibt. Denn „Immaterielles Kulturerbe der UNESCO“ bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass alles nach Veilchen riecht und glänzt wie Affenarsch auf Spielgelplatte.
Quellennachweise:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kaffeehaus
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)
Die Wunden der Nazizeit, der „Glückliche Verlierer“ und Schriftsteller, die vor lauter Kummer einfach tot umfallen

Das Leben in den Kaffeehäusern, speziell in dem, welches Ferdinand für sich auserkoren hat, ist natürlich ebenfalls von allerhand bunten Charakteren bevölkert. Seien es „Die Schillernden“, also wahnwitzige Künstlerpersönlichkeiten, verrückte Eigenbrötler, kunterbunte Paradiesvögel oder auch schon mal obskure Zeitgenossen, die halt so geworden sind, weil das Leben mit ihnen die wildesten Dinge angestellt hat…
Wie „Dem Zwölfer“, einem ehemaligen Mittelschulprofessor, den ein Lottotgewinn beinahe die Gesundheit, den Verstand, das Ansehen, den Beruf und auch nicht mehr allzuweit hin, das Leben gekostet hätte, bis er schließlich eine radikale Entscheidung traf und sich von dieser Last befreite.
Oder
„Schaffhauser“, welcher an jenem Ort sein Wettbüro betreibt –
Zwischen den Eingängen der Herren- und der Damentoiletten. Ansonsten
sei bei diesem Zeitgenossen noch anzumerken:
Zitat Seite 41:
„Schaffhauser war von Statur und Beruf Liliputaner, und seine schnarrende Kinderstimme galt als Grundton des Wettbüros. … Die ihm körperlich weit überlegenen Spieler, deren Gedanken immerfort an irgendwelche Hufe geheftet blieben, überragte er geistig bei weitem.“.
Oder wie einem geheimnisvollen Chinesen, welcher sich aus dem Nichts zu den Gästen gesellt, monatelang stur das Kaffeehaus besucht, bis eines Tages einer der Stammgäste, ein Vorbestrafter, einer, der wohl mal etwas mit Falschspiel oder Betrug oder so zu tun hatte, aufspringt und brüllt: Zitat Seite 64 >>Zieh` dich aus du Kerl! Auf der Stelle will ich dich ficken, deinen gelben Arsch zweiteilen mit meinem Schwanz!<<. Woraufhin der Chinese aus einem roten Lederetui, welches er bei all seinen Besuchen mitführt, eine Schlange herausholt und einer der anderen Gäste, genannt „Der Wucherer“ bereits den Gifttod aller Gäste prophezeit. Was den Zahlkellner (Also der, bei dem man dann bezahlt) als Befehl erachtet, sich mehr oder weniger auf den Chinesen zu werfen, was weitere Personen zu Fall bringt und wiederum weitere dazu animiert, bei diesem Tumult mit eigener Körpergewalt ebenfalls mitzumischen. Irgendwann, nachdem sich mehr als sechs Leute besinnungslos raufen und prügeln… Ist der Chinese spurlos verschwunden.
An wahnwitzigen Zeitgenossen spart es also nicht.
Dazu zählen natürlich aber auch Ferdinand und sein bester Freund, „Der glückliche Verlierer“, welcher immer und stets bester Laune ist, oder es immerhin energisch versucht, egal wie sehr ihm das Leben auch auf die Füße spuckt. Was recht häufig passiert. Also ziemlich oft.
Sie alle bilden ebendiesen kleinen, absurden aber liebenswürdigen Minikosmos ab, welcher durch die in diesem Buch angewendete, liebevolle, bildreiche Erzählweise überhaupt erst so richtig zum Leben erwacht. Derweil immer wieder aber auch noch ganz andere, damals wie heute gültige Nebengeschichten ihren Lauf nehmen. Sei es, als Ferdinand seine ach so kleinbürgerlichen Nachbarn schräg gegenüber beim Sadomaso beobachtet, weil diese vergessen haben, die Gardinen zuzuziehen oder sei es ein seit Jahrzehnten von Gott und der Welt vergessener, altersschwacher Schriftsteller, der viel zu spät eine wertlose Auszeichnung für sein Lebenswerk erhält, eine todtraurige Rede halten darf und seine „Ehrung“ überreicht bekommt, nur damit sich ein Politiker und einige andere möchtegern-hochrangige Leute damit brüsten können, wie belesen und wichtig sie doch sind. Kurz danach, ist der alte Schriftsteller, dessen Leben alles andere als ein Höhenflug, eher eine Höllenfahrt war, auch schon wieder vergessen. Schließlich stirbt der alte Mann aus Kummer, aus Wut, aus Erfolglosigkeit…
Aber wen kümmert`s? - Ein bis heute topaktuelles Schicksal vieler Schriftsteller:
https://www.54books.de/es-zaehlt-nur-die-qualitaet-ueber-ein-fadenscheiniges-argument/#more-8902
https://www.54books.de/erstmal-losbauen-bitte/
So alt dieses Buch und seine Inhalte also auch sind, an Aktualität haben sie fast nichts verloren.
Wie auch das Thema: „Antisemitismus“, welches in den einzelnen Abenteuern von Ferdinand zwar nicht als Moralkeule mitschwingt, jedoch ein ständiger Begleiter ist. Schließlich sind das sogenannte „Dritte Reich“, der Anschluss Österreichs und all das damit verbundene Leid noch nicht allzulange her, und auch Ferdinand und seine Familie haben geliebte Menschen verloren, also ein tiefsitzendes Trauma erlitten.
Dass da in Ferdinand, bei bestimmten Ereignissen oder Erlebnissen natürlich schlimme Erinnerungen hochkommen und Heller diese passend in Szene setzt, gibt dem Buch von mal zu mal den finalen, letzten Schliff. Sein es Ferdinands Gedanken und Empfindungen beim Anblick eines brennenden Hauses, welches ihn selber jedoch mehr und mehr gruselt und schockiert, weil es ihn an die Reichsprogromnacht erinnert oder aber, als er in einer Telefonzelle ein rechtsradikales Geschmiere liest. Niemals wird überzeichnet, ebenfalls niemals jemals der moralische Zeigefinger erhoben.
Stattdessen, da wird gezeigt, was war, was ist und was dies mit Hinterbliebenen, Nachfahren, Betroffenen wie Ferdinand eben macht.
Und ob diese Art der Darstellung nun die optimalste ist oder nicht, darüber kann man freilich streiten, nicht jedoch darüber, dass diese hier in diesem Buch und seinen Geschichten eine wie ich finde, sehr beeindruckende Wirkung erzielen, aber sich dennoch perfekt in den Stil und in die Handlung einpasst.
Und das ist bei allem vielleicht das Wichtigste – Denn so und nicht anders ist es ja auch in der echten Welt.
FAZIT

Ein kleines Meisterwerk voller wilder, liebenswerter Figuren und großartiger Sprachkunst
„Schattentaucher: 61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt“ - Unter diesem Namen sind immer noch Exemplare im Umlauf, rausgegeben 2003.
Wie HIER auf AMAZON:
https://www.amazon.de/Schattentaucher-Beschreibungen-aus-Leben-Ferdinand/dp/3423131101
Oder HIER auf BÜCHER.de:
Mit dem großen Unterschied, dass bei dieser Version dann auch das Cover viel viel besser zu dem passt, was im Buch thematisiert und dargestellt wird. Denn „düster“ geht es zwar immer mal wieder ebenfalls zu, im Leben, in den Beobachtungen und Abenteuern des Herrn Alt, doch niemals grundsätzlich oder sonderlich lange. Der alte, abgedroschene Merksatz „Wo Licht ist, da ist auch Schatten“, er passt in diesem Werk wie die Faust aufs Auge, garniert mit jeder Menge, gelegentlich auch schon mal absurdem Humor, der jedoch immer im nachvollziehbaren Rahmen bleibt.
Beim genaueren Blick in Herrn Alts Psyche derweil, sehen wir einen von diversen Zwangshandlungen, absurden Lebenansichten, liebenswerten Charakterzügen und dem großen Trauma dessen belastet, was die Nazis auch einst seiner Familie antaten. Dies wird jedoch niemals, zu keinem Zeitpunkt moralisch überladen dargestellt oder aber unterhaltungstechnisch ausgeschlachtet, sondern fließt immerzu in einfach alles ein, was den Helden umgibt, ihn antreibt und beschäftigt. Feinsinnigkeit ist in diesem Buch mehr als gegeben, denn so schrecklich dieses Trauma selbst für Ferdinand nach wie vor ist, es ist eben auch „nur“ ein Teil des ganzen. Auch für ihn.
Der Blick in das Wien der Nachkriegszeit, in die teils doch sehr absurde, aber liebenswerte Kaffeehauskultur, sowie in so ziemlich alle Schichten der österreichischen, der wienerischen Bevölkerung mit all ihren Macken, Schrullen und wahlweise auch abstrusen, jedoch stets liebevollen Charakterzügen und Verhaltensweisen, macht einfach Spaß, liest sich, wie das gesamte Buch eigentlich, in Null Komma nichts weg und ehe man sich versieht, ist auch schon das halbe Buch durch.
Dabei hatte man doch eben überhaupt erst damit angefangen…
Insbesondere, weil bei jedem, wer dieses Buch liest, früher oder später bestimmte Abenteuer, Sätze, Figuren, Szenen oder Momentaufnahmen hängen bleiben – So wie bei mir die Geschichte von dem Lottogewinner, welcher durch diesen „Gewinn“ beinahe vollends ins Elend getrieben wurde, bis er sich dem Problem auf seine, radikale Art und Weise entledigte – Oder die Sache mit dem erzbürgerlichen Ehepaar, welches immer brav Sonntags in die Kirche geht, immer adrett und vorbildlich ist… Und daheim im Schlafzimmer Dinge miteinander anstellt, gegen die selbst das Folterpärchen aus „Fifty Shades of Grey“ alt ausschaut.
Dass dieses Buch seine Jahrzehnte bereits auf dem Buckel hat, dass es im Nachkriegswien spielt, all das merkt man hier und da, doch könnte ein Großteil dessen dennoch problemlos auch im Hier und Heute spielen. Ob dies jetzt „liebenwert“, „ironisch“ oder einfach nur „traurig“ ist, das bleibt mal jeden selber überlassen, dies zu bewerten.
Ich jedenfalls für meinen Teil, ich hatte meinen Spaß an der Lektüre, nicht zuletzt aufgrund der extrem phantasiereichen Beschreibungen selbst einfachster Alltagsmomente und -Szenen. Ich kann die Lektüre dieses kleinen, leider doch sehr in der Versenkungen abgetauchten Meisterleistung deutschsprachiger Schreibekunst nur mit aller Begeisterung empfehlen.
Ich habe fertig.
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Andrè Heller
„Schattentaucher - 61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt“
Taschenbuch
dtv oder Spektrum
Ersterscheinung 1987
Preis: ab 1€
PERSÖNLICHE NOTE: 1+++
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Letzter Akt im Kaffeehaus
Während „Der Blätterer“ wie gewohnt, voller Inbrunst das gedruckte Tagesgeschehen nachverfolgt, „Der Turmbauer“ seinen Tassenturm zu Babel errichtet, welcher schon jetzt in einer gefährlichen Positionierungsstruktur scheinbar jedem physikalischem Gesetz die Mitarbeit verweigert und „Stangerl-Rita“ die sie umgebende Qualmwolke gewissenhaft auf zirka 62% Transparenz hält…
Lehnt sich Cayman zufrieden zurück, denn die Sachertorte und der dunkle Kakao waren vorzüglich und nach und nach füllt sich das Kaffeehaus nun immer mehr mit den üblichen und neuen Gesichtern…
Der Kameramann beobachtet, dass „Der Blätterer“ Konkurrenz bekommen hat! Ein grauhaariger Herr mit cremefarbenem Wollpullover und schwarzer Hose hat sich in dessen sichtbarer Nähe niedergelassen und liest nun ebenfalls eine Zeitung nach der anderen weg. Den Rückstand, ja den hat er bereits problemlos aufgeholt, erstaunlicherweise jedoch, ohne so zu wirken, als hätte er es eilig oder als würde er die Nachrichten in den Blättern nur überfliegen. „Der Blätterer“ scheint dies bereits bemerkt zu haben, denn sein Umblätterstil, der ist etwas lauter, aggressiver geworden. Etwas, das dem „Cremepullover-Blätterer“, anscheinend sehr gut gefällt. Es herrscht also mindestens kalter Krieg zwischen den beiden Zeitungslesern, die beide keine Gefangenen machen.
„Der Turmbauer“ hat einen zweiten Turm begonnen… Und die Kellner, ja sie starren mit Angst, wie auch mit einer gewissen Gier auf jene zerbrechlichen Bauwerke, denn sie wissen ja: Je höher und je gefährlicher, desto mehr Trinkgeld.
Und „Stangerl-Rita“ derweil, hat sich von zwei Freundinnen, welche nun dazugekommen sind, Verstärkung geholt… Die Rauchglocke beträgt nun, aus der Sicht eines Grafikers, per Deckungswerten in Photoshop berechnet, so etwas nur noch 12% Transparenz.
Cayman währenddessen hat sich aufrecht gesetzt, sein Glas Wasser ausgetrunken und zählt nun mit den Fingern von Fünf auf Null herunter, dann schaltet der Kameramann sein Arbeitsgerät ein und gibt das Zeichen, dass Cayman loslegen kann…
Auf eine beinahe schon heroische Art holt Cayman tief Luft, um seine Abmoderation zu tätigen…
Und sagt:
„Tschüss!“
Denken Sie darüber mal eine Weile nach.

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