Dienstag, 1. Februar 2022

 

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Cayman liest > Oskar Roehler >“Mein Leben als Affenarsch” >Roman >Über einen völlig kaputten Typen, der Schriftsteller werden will

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Erste abgefuckte Szene


Wir sehen einen Raum, der an sich ganz nett, okay… Sagen wir mal lieber: Etwas ziemlich „schnulzig“ eingerichtet ist: Die Wände in einem sanften Lilaton gestrichen, zwei Stühle von Ikea, grau bezogen, mit mattsilbernen Beinen und Armlehnen, in der Mitte ein Tisch aus lackiertem, glatten Sperrholz, darauf eine große, weiße Vase mit einem Trockenblumenbesteck…

An der mittleren Wand hängt ein beleuchtetes Schild, auf dem in Schnörkelschrift steht: „CAYMAN LIEST“…

Auf dem linken der Stühle, da sitzt Cayman, in legerer Kleidung und dem heute kritisierten Buch auf dem Schoß, freundlich nickt er dem Publikum zu: „Meine sehr verehrten Zuschauer… hicks INNEN!…“


Dann räuspert er sich und sagt: „Oh! Ich bitte um Entschuldigung, da hat mich der Genderschluckauf erwischt“


Er trinkt ein Glas Wasser und beginnt danach von vorn: „Meine sehr verehrten Zuschauer! Sehr verehrtes Publikum! Sehr geehrte Leser und Lesende! Wie auch immer… Fuck this Shit… Wir begrüßen das neue Jahr mit der letzten, in Zweitausendeinundzwanzig geschriebenen und produzierten Literaturkritik. In diesem Beitrag, da durchleuchten wir das Buch eines Mannes, für des es innerhalb seiner Romane gar nicht brutal, ekelhaft, abstoßend und wahnsinnig genau zugehen kann. Denn Oskar Roehler schreibt Bücher, die nicht nur unter die Haut gehen, sondern auch an die Nerven, an die Substanz, an die Psyche, an die Seele und an das Gemüt. Also ein bisschen wie Sibylle Berg, nur mit weniger Seiten und noch halbwegs nachvollziehbar, was eigentlich Sache ist bei der Story. Und ganz genau eines seiner noch recht neueren Werke, wollen wir also heute mal betrachten, uns den total gestörten Helden des Romans, sowie seiner Begleiter und einige Nebenfiguren ansehen und uns in diesen Zeiten, in denen immer mehr Romane irgendwelchen „Sensibility-Prüfungen“ und auch „-Beschneidungen“ unterzogen werden, Theaterstücke von Shakespeare abgesetzt werden, weil man dem Publikum kein Trauma zufügen will und bestehende Bücher aus dem Verkauf genommen werden, WEIL Verlage und Verkäufer Angst davor haben, dass jemand wegen irgendwelcher, nicht mehr zeitgemäßer Inhalte beleidigt, wütend oder getriggert werden könnte… Der totalen, völligen, hemmungslosen POLITISCHEN UNKORREKTHEIT hingeben!“

Cayman lehnt sich etwas vor: „Der Roman „MEIN LEBEN ALS AFFENARSCH“ von Oskar Roheler, ja der drischt mit dem Baseballschläger in exakt diese Richtung und tut alles dafür, so versaut, kaputt, pervers, ekelhaft und einfach nur verstörend zu sein, wie es dem Autor nur irgendwie möglich war! Ja okay, das Buch erschien schon 2015. Jedoch wird es immer noch verkauft, was heutzutage ja fast schon ein Wunder ist, wenn das so weitergeht. Erfreuen wir uns also am exakten Gegenteil von sogenannter „Sensibilisierter Unterhaltungsliteratur“ und tauchen wir in das Berlin irgendwo zwischen den späten 80ern und frühen 90ern und begleiten einen asozialen Vollidioten mit Dachschaden und schweren, emotionalen Defiziten auf seiner Reise durch das mindestens genauso kaputte Berlin und bei seinem Versuch, Schriftsteller zu werden… Spoiler! Er wird das natürlich nicht schaffen, dafür aber am Ende eine unfassbar widerwärtige Straftat begehen!“


Der Kameramann sagt aus dem Off: „Na das kann ja heiter werden.“


Und Cayman lächelt: „Ja, in der Tat! Und nun wird unser heutiger Studiogast, ein typischer berliner Assipunker, voller Wut und Inbrunst dieses geschmacklose Studio hier zerlegen. Einen kräftigen Applaus für… „FICKFRESSE“, und seine unbändigen Aggressionen!“

Daraufhin steht Cayman auf und ein verschnodderter Punker, in typischer Montur, mit bunten, verfilzten Irohaaren betritt das Bild… Laut spuckt er auf den Boden, nimmt die Vase mit den Trockenblumen und schmeißt diese mit voller Wucht gegen die Wand… Dann nimmt er einen der Stühle und schlägt damit auf den Tisch ein… Als dieser nicht nachgeben will, packt er diesen und wirft ihn unter lauten Grunzlauten ebenfalls gegen die Wand, bricht danach die Beine ab und wirft diese unter lauten Wutschreien durch den Raum… Sofort danach packt er den zweiten Stuhl, verbiegt mit knallrotem Gesicht die Beine und schleudert auch diesen gegen die rechte Wand… Dann zieht er sich spontan seine Nietenjacke aus, wirft sie auf den Boden, zieht sich die Hose herunter und…..


!!!TRIGGERWARNUNG!!!

[((((((Die neue Sensibilisierungsbeauftragte Frau Dr. Kirschbaum-Steinemann bittet um Entschuldigung für diese gesamte Szene – Sollten bei Leser_Innen und Lese*Personen diffusen Geschlechtes Verstörungen, Triggervorfälle oder aber Traumata entstanden sein, so bietet die neu eingerichtete „Sensibility-Hotline“ von nun an ihre Dienste an, Telefonnummer oder Skypechat zu finden in den AGBs von CaymenBloggt-  Die neue Sensibilisierungsbeauftragte Frau Dr. Kirschbaum-Steinemann bittet vielmals um Entschuldigung für das vorangegangene und auch den nun folgenden Beitrag – SIE SOLLTEN DAS NICHT LESEN))))))]





Cayman liest


Dieses Mal:

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Oskar Roehler


„Mein Leben als Affenarsch“

















„Der hirngefickte Scheißkerl“

















Hauptsache laut und brutal

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Oskar Roehler nimmt nicht nur kein Blatt vor den Mund oder die Tastatur, er nimmt stattdessen gleich mal einen Baseballschläger und schlägt alles kurz und klein, spuckt auf den Fußboden… Ach was! ER SCHEIßT AUF DEN VERFICKTEN SCHEIßKACKFUßBODEN! ER ZIEHT SICH DIE BUXE RUNTER UND WICHST AUF DEN BODEN, AN DIE WÄNDE, AN DIE DECKE! ER WÄLZT SICH IN DER PAMPE, BESCHMIERT DIE WÄNDE DAMIT UND SPRINGT ANSCHLIEßEND LAUT SCHREIEND AUS DEM FENSTER!!! UN DANN UNTEN BEIM AUFPRALL MIT EINEM ATOMPILZ ZU EXPLODIEREN!!!


Ungefähr so, kann man das Grundprinzip beschreiben, nach dessen er seine Bücher gestaltet.


Aber das wäre jedoch nur die halbe Wahrheit – Denn da ist ja auch noch das, was diese Bücher überhaupt erst lesenswert macht, nämlich diese extrem tiefe, extrem ergreifende Atmosphäre und diese extrem cineastische Art, wie Handlung und Dramaturgie inszeniert und überhaupt aufgebaut sind. Selbst Momente, in denen mal nicht so viel passiert, lesen sich flüssig und sehr eingänglich. Es ist ein bisschen wie bei einem richtig guten Film, dessen Bildsprache einen bereits fesselt und davon abhält, vor der nächsten Werbepause aufs Scheißhaus zu gehen. Man fühlt sich einfach, so kann man es vielleicht am besten beschreiben: „Zuhause“ in diesen Büchern, selbst in den schmutzigsten und schlimmsten Momenten.

Rein Psychologisch sind die Figuren in seinen Romanen zudem eigentlich immer sehr gut und sehr genau dargestellt, mit all ihren Höhen, Tiefen, Ecken, Kanten, Lichtflecken und Abgründen. Die Abgründe sind meistens aber am präsentesten… Kennen wir ja von RTL2 und deren „Harz-4-Programm“… Dumm, hässlich, arm und asozial geht immer, weil „Abwärtsversicherung“, so nennen Medienpsychologen dieses Phänomen, das mehr über uns als Gesellschaft und auch als intelligente Lebewesen aussagt, als wir es vielleicht gerne hätten und zugeben wollen würden.

Im Falle des nun rezensierten Buches „Mein Leben als Affanarsch“, da greift diese RTL2`sche „ABWÄRTSVERSICHERUNG“ aber mal so dermaßen, dass es bis in die umliegenden Nachbarwohnungen scheppert beim lesen!

Denn der Held, er ist irgendwo ein sehr empfindsamer Mensch, künstlerisch interessiert und auch motiviert, er ist ein typischer Freigeist, wie man als Künstler es normalerweise sein sollte, Gesellschaftsnormen kotzen ihn an und irgendwie hat er gewisse Wesenszüge von Klaus Klinski, im guten wie im schlechten. Und ganz genau da liegt aber auch das Problem, denn der Held, er ist komplett außer Stande, sich unter Kontrolle zu halten, selbst die allerkleinsten Impulse, die durch sein verdrehtes Gehirn schießen zu unterdrücken. Er kann sich in keinster Weise längerfristig beherrschen oder überhaupt einschätzen, wann er den Bogen wie weit überspannt. Der Held, er ist im Grunde genommen das, was man einen „Asozialen“ nennt, jemanden, der überhaupt nicht in der Lage ist, sich irgendwie, irgendwo jemals anzupassen oder auch nur länger zu beherrschen, weil sein kaputter Kopf, seine vollkommen desolate Psyche ihn von einem Wut-Selbstzerstörungsanfall in den nächsten treiben, von einem schwerst depressiven Zustand in den nächsten, oder in völlige, übertriebene Glücksseligkeit und wieder zurück. Der Held, er…


HAT NIE GELERNT SICH ZU ARTIKULIEREN! SEINE KLEINE SEELE, SIE SEHNT SICH NACH ZÄRTLICHKEIT!


Aber leider ist auch er nichts anderes, als ein… „ARCHLOCH, ARSCHLOCH, ARSCHLOCH!“.


Dabei ist er an sich eine sensible und irgendwo auch einfühlsame Person, er kann mit diesen Werkzeugen die meiste Zeit jedoch nichts anfangen und gibt sich lieber vollkommen seinen niedersten Impulsen hin, ohne Rücksicht auf sich selber oder andere. Was den Leser schon mal sehr verstört zurücklassen kann, weil dieser Held dort in der Story die gestörtesten Dinge tut, diese immer noch weiter steigert und all sein Talent und sein Wollen, auch sich mehr zu machen, als einen drogennehmenden, abgefuckten Mülltypen, einfach in die Tonne kloppt.

Dass bei dieser Art von Roman, bei diesem Erzählstil natürlich Übertreibungen mit dazugehören, Stilbrüche, das Überschreiten aller nur möglichen Linien des guten Geschmackes, ist ja klar. Doch lauert genau dabei eine nicht unwesentliche Stolperfalle, in die der Autor gleich mehrmals tappt, weil er es einfach so dermaßen übertreibt, dass es nicht nur unrealistisch wird, sondern regelrecht, auch die unangenehme Weise „Peinlich“. - Eine sehr gute Szene, wäre jene mit dem „Fötus“, bei dem ich einfach nur noch dachte: „Das passt überhaupt nicht rein, es ist unrealistisch as Fuck und ist so überspannt, dass es nur noch pure Cringe ist!“.

Gut ist jedoch, dass ihm dies nur ein paar male passiert, dann auch sofort auffällt, nicht weiter handlungsrelevant ist und man es auch einfach überblättern kann, ohne etwas zu verpassen.

Meistens aber, da passt die Zusammenarbeit zwischen, nennen wir es mal „Lyrischer Schönheit“, der „Brutalen Erzählweise“ und dem „Asozialen Helden“ und seiner mindestens genauso kaputten Mitmenschen. Und da der Held eine sehr gute Beobachtungsgabe hat und alles mit exakter, makelloser und genauso gnadenloser Genauigkeit wiedergibt, sind selbst Alltagsereignisse, auch die, die mal nicht vollkommen kaputt, ekelhaft und/oder verstörend sind, ein großes Ereignis.

Denn aus den Augen eines sehr labilen Psychotikers, mit einer an sich messerscharfen Beobachtungsgabe und künstlerischem Blick, ist die Welt ein sehr interessanter Ort, voller spannender Sichtweisen.







Er wäre gerne Schriftsteller

Doch nur zum asozialen Spinner reicht es…

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Der Roman beginnt schon mal sehr abstrus: Als der Held seine Mutter besucht, mit der er nicht viel am Hut haben will, weil sie weder als Mutter, noch als Mensch überhaupt etwas taugt, da präsentiert sie ihm stolz ihren sündhaft teuren Mantel aus ORANG-UTAN-FELL. Die Mutter selber ist durch langen Tablettenmissbrauch, ihre diversen Krankheiten und ihre Paranoia, zu einem sehr obskuren Anblick geworden, eher schlechte Karikatur als ein wirklicher Mensch.

Die Mutter spült sich ihre Tabletten mit Wodka herunter, dann muss der Sohn für sie erst mal Rezepte fälschen. Als er ihr daraufhin mitteilt, dass er nach Berlin wolle, aber kein Geld hätte, da wird die Mutter wie immer unfreundlich und empfiehlt ihm, sich bei diesem Wunsch lieber an den Vater zu wenden. Der sei immerhin, also angeblich KASSENWART DER RAF gewesen und hätte doch größere Geldsummen ihrer Banküberfälle bei sich herumliegen. Der Vater wiederum ist ein schwerst alkoholabhängiger, unter diversen Verschwörungsphantasien leidender, langsam verwahrlosender, in Unwürden gealterter Mann, dem das Leben nicht viel mehr gelassen hat, als halt seinen Schnaps, seinen Wein und seine sonstigen Spirituosen. Auch er werkelt an einem Buch, schon viel zu lange, wird nicht fertig. Aber das kann auch egal sein, denn sein „Opus Magnum“ ist an sich nur eine unvorstellbar dümmliche Ansammlung an wilden Verschwörungsthesen, zusammenhangslos und wirr.

Also kann man immerhin bereits auf den ersten paar Seiten sehr gut nachvollziehen, woher auch der Held seine diversen Dachschäden hat und warum auch aus seinen Plänen, Schriftsteller zu werden, niemals etwas werden wird, die Abwärtsspirale gen Asozialhausen und Dachschadendorf dafür aber bereits in Granit gemeißelt ist.

Doch der Protagonist, gerade so um die 23, er lässt sich nicht beirren. Sein Plan steht fest. Nach Berlin und dann an der Schreibmaschine mal so richtig das Feld der Lyrik und der Literatur von hinten nach vorne aufräumen. Murakami, Houellebecq, Sibylle Berg, Daniel Kehlmann und wie sie alle heißen, sie alle sollen und werden im Glanze SEINES Schaffens regelrecht verglühen! Jawoll! So machen wir das! So und nicht anders!

Was aber er, wie auch schon viele andere vor und wohl auch nach ihm dabei vergessen haben ist, dass BERLIN eben BERLIN ist. Etwas, das dem Helden nun auch sehr schnell auf die Füße fällt. Denn das Berlin, in dem man landet, wenn man die eigenen, vergammelten Eltern um Kleingeld anschnorren muss, um überhaupt dorthin zu kommen, ist kein Berlin, welches einem mit offenen Armen, einem ausgerollten, roten Teppich und frischem Kaffee und Schnittchen empfängt. Es ist eher ein riesiger, grauer, dauerberegneter, prekärer Müllberg, in dem „Menschen“, oder zumindest „Lebensformen“ ihr „Dasein“ fristen, die nur noch entfernt etwas von „intelligentem Leben“ haben. In dem Mietblock des Helden, in dem er eine schummrige Kellerbude, oder eher angegammeltes Loch bewohnt, ist alles dreckig, hoffnungslos, es stinkt und der dauerbesoffene Hausmeister mit den kariesschwarzen Zahnruinen im Maul verdrischt lautstark seine Frau und scheißt gerne mitten in den Hinterhof.


Der Held derweil, der sitzt manchmal vor seiner Schreibmaschine und hat viel zu viel Respekt vor allem: Der Macht der Worte, der Jungfräulichkeit des ersten Satzes, seiner eigenen Schaffenskraft und  dem bloßen Dasein als Künstler. Sein Vorhaben kann sich nicht formen, seine Ideen zerfließen zu milchiger Flüssigkeit die sogleich im Abfluss versickert, er sitzt einfach nur da und es will nichts kommen, mit dem man einen Houellebecq oder Kehlmann das Wasser reichen könnte. Von „verglühen lassen“ kann gar nicht die Rede sein, sondern eher davon, dass ER der Held wie ein leeres, weggeworfenes Feuerzeug ist, das auf regennasser Straße daliegt und darauf wartet, vom nächsten Regenschauer in die Kanalisation gespült zu werden.

So streunert er mit zunehmendem, geistig-seelischem Verfall durch das kaputte Berlin, mit seinen kaputten Bewohnern, seinem kaputten Antlitz und seinem ewigen Wahnsinn, welcher auch den ohnehin anfälligen Helden mehr und mehr durchströhmt und immer weiter in Richtung Bodensatz absinken lässt. Da können auch gewisse Frauenbekanntschaften nichts dran ändern, welche ohnehin immer nur im Drama enden. Auch wenn die ganze Arschfickerei ja ganz nett war, oder die ständigen Prügelorgien, wenn mal wieder beide entweder besoffen oder einfach nur außer sich waren, weil man hier in Berlin halt immer außer sich ist. (Oder besoffen, um das alles besser ertragen zu können).

Aber auch seine Versuche, als ganz normaler Mensch zu arbeiten, beispielsweise im Theater, verlaufen sich für ihn in immer neuen Enttäuschungen, in Ausrastern und letzten Endes in der Einnahme von Drogen oder einfach allem, was irgendwie berauscht.

Schon auf Seite 32 kommen dem Helden erste, eklatante Zweifel, ob das mit dem „Schriftsteller werden“ nun wirklich so eine gute Idee gewesen ist. Seine bisherige Ausbeute an Schaffenswerk, liest sich nämlich so:


ZITAT BUCH SEITE 31/32:

„Im Alter von sechs Jahren ist die Angst von Berlin in mich hineingekrochen und ist dort hocken geblieben. Die Angst des Abfalls vor dem Müllschlucker. Die Angst des Hinterhofs vor der Kastanie. Die Angst des Hausmeisters vor der Hundescheiße. Die Angst des Biers vor dem Eisbein. Die Angst der Kohlsuppe vor dem Krieg. Die Angst der Straßen vor dem grauen Himmel. Die Angst des Kinderfickers vor dem Hausmeister. Die Angst des Hausmeisters vor der Scheiße im Arsch des Kinderfickers. Und umgekehrt und umgekehrt.“.


Ich würde noch hinzufügen: „DIE ANGST DES HAUSMEISTERS VOR DER LEEREN BIERKISTE“.


Dann wäre es perfekt.







Schmutz und andere kulturelle Unterhaltung

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Als der Held am nächsten Tag nach seinem ersten und leider besten Versuch, Schriftsteller zu sein erwacht und wenig erpicht von seinem Werk ist, klopft der Hausmeister an der Tür… Es geht vermutlich um die Müllabfuhr:

ZITAT:

„Zehnmal fällt das Wort Scheiße. Fünfmal das Wort Gülle, viermal Fotze. Der Rest verschwimmt in Schwammigkeit. Wieder starrt er mich an. Ich sage: >>Müllabfuhr, Scheiße, Gülle und Fotze<<. Er nickt anerkennend.“.


Doch so heruntergekommen wie der Hausmeister und all die anderen Gestalten auch sind, der Held ist nichts besser. Nur kann man seinem Verfall bis zum Boden, bis runter in den verdreckten Kohlenkeller der Gesellschaft im Laufe des Buches in Lichtgeschwindigkeit zusehen. Was ihn selber aber nicht davon abhält, UNS den Lesern dies in vollkommen emotionsloser, aber wunderschön-poetischer Sprache darzulegen, als sei es ein altes, wiederentdecktes, barockes Ölgemälde, welches es zu besprechen gilt. Besonderes Highlight ist immer, wenn der Held Drogen konsumiert und Oskar Roheler sich Zeit und auch Phantasie nimmt, sehr viel von beidem sogar, diese Rauschzustände zu beschreiben. Fast ist einem dann, als würde man gerade selber im Vollrausch durch die Galaxis rasen, wie eine von Dalis Uhren einfach zerfließen.

Ohnehin ist diese wunderschöne, betörende Art, wie der Held sich selber und sein motiviertes Arbeiten daran, so schnell so wahnsinnig und heruntergekommen wie möglich zu werden, wenn er es nicht schon die ganze Zeit  über war… beschreibt, jede Seite aufs neue einfach großartig. Selbst wenn man bedenkt, dass es vor Fäkalwörtern, Beschimpfungen, rassistischen Äußerungen, Beleidigungen, ekelhaften Szenen und perversen Arten Sex zu haben (Oder sowas in der Art) nur so trieft. Der Held, im tiefsten Inneren seiner Seele, ist ein sehr empfindsamer und ästhetisch sehr feinfühliger Mensch. Er kann es nur nicht auf Papier bannen und verfällt stattdessen lieber dem Wahnsinn, dem noch viel größeren Wahnsinn Berlins, den Drogen und seinen nicht gerade wenigen, eher viel zu zahlreich vorhandenen, eigenen psychischen Problemen, Krankheiten und was man halt sonst noch so alles mit sich herumschleppt, wenn man aus einer komplett kaputten Familie kommt und selber keinen Deut besser ist.


Ob man diese Maßlosigkeit an allem, was nichts mit Politischer Korrektheit zu tun hat, nun mag, gutheißen will oder nicht, muss jeder selber wissen. Ich jedoch für meinen Teil empfand den Trip in die Welt eines solchen Menschen, die ja auch in Real existieren, in diese Abgründe, als sehr interessant und vor allem in diesem Fall von Roheler selbst… Sehr einfühlsam, trotz all dem drumherum.

Wo wir aber auch wieder bei der „Abwärtsversicherung“ von Harz-4-Soaps von RTL2 und Co sind – Denn man kann gar nicht anders, als dem Helden bei seinem Weg immer weiter nach unten, in den Wahnsinn, von einem Drogenrausch in den nächsten, beim sozialen Verfall mit einem prickelnden Grauensschauer zuzusehen.  Die Schönheit, die Zartheit, die manchmal aber auch einfach sehr sachliche Beschreibweise des Ich-erzählenden Helden steht in einem an sich beißenden Gegensatz zu dem, wie er als Mensch tatsächlich ist, wie versaut, brutal und pervers all das ist, was im Verlauf der Handlung passiert.


Auch wenn Oskar Roehler manchmal wirklich vollkommen über das Ziel hinausschießt, wie bei der Sache mit dem Fötus.


Insgesamt aber, da besticht die beschriebene Handlung dadurch, dass diese vor Perversitäten, Brutalität und Sozialhorror nur so strotzt ABER gleichzeitig all das auf eine fast schon liebevoll-zärtlich-sachliche Weise vom Erzähler vorgetragen wird. Der derbe Humor, der sehr derbe Humor rundet den Roman letztendlich ab.

Vor allem aber eben jene tiefpoetische Abschnitte sind es, welche fesseln und begeistern, schon durch ihre bloße Bildsprache:


ZITAT BUCH SEITE 75/76:

„Ich kleine, sitzende Figur verschwinde in dieser Stille und fühle, wie sie wächst und mich immer weiter von allem Guten entfernt. Die Hände klein und zierlich, brav und manierlich, liegen auf dem Tisch, wie man es mir beigebracht hat, als ich noch sehr klein war. Die Ellbogen nicht auf dem Tisch. Links und rechts liegen sie brav neben der Schreibmaschine.

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Wie ungeheuer zart, klein und hilflos ich selbst in diesem Moment bin, das sehe ich an diesen schüchternen Händen. Die blanken Augen, als hätten sie Hunger, nehmen den Anblick der Hände in sich auf. Sie saugen ihn nicht begierig in sich hinein, nein, dieser Hunger ist kein Insektenhunger, es ist der Hunger der Teleskope, die traurig den Weltraum abtasten nach irgendwas Lebendigem – und nun diese Hände auf Wachs vorfinden, die perfekt modelliert sind und wie echt aussehen. Dürerhände. Hände aus Stein.“


 

Dass derselbe Erzähler sich etwas später harte Drogen reinpfeift, sich regelmäßig aufführt, wie frisch aus dem Irrenhaus entlaufen oder schlimmer… Wie Klaus Kinski auf Speed… Klaut, prügelt, pöbelt, ausrastet, sich eine Glatze rasiert, sich „RAZORHEAD“ nennt, komplett wahnsinnig spontan in einen verdreckten Fluss springt, eine Familie im Restaurant terrorisiert und am Ende sogar eine schwere Sexualstraftat begeht, mag man da ja kaum glauben.

Doch es ist so, es will nicht zusammenpassen, als wenn flüssiger Teer und Lava aufeinandertreffen, doch beides am Ende irgendwie unter Gestank, unwohler Geräuschkulisse und jeder Menge Rauch und Qualm zu einem werden. Unförmig, unansehnlich, kunstvoll verformt, ästhetisch deformiert zu einer Missgeburt, welche man einfach ansehen MUSS, damit man immerhin mitreden kann. Schönheit durch puren, immer weiter verkommenden Horror menschlichen Daseins. Wie einer dieser Lost-Places-Abenteurer fühlt man sich, wie diese Touristen in Tschernobyl, welche durch die alte Grundschule laufen, den Verfall, den Schrecken, die Kindergasmasken und die verwitterten Spielzeugpuppen begaffen wie Vieh seinen Landwirt, der gerade mitten auf dem Hof den Nachbarshund von hinten vögelt.

Dieses Buch kommt dem Buch „DER GOLDENE HANDSCHUH“ von Heinz Strunk sehr nahe und ist doch von seinem Protagonisten vollkommen anders. Denn man weiß bei diesem Helden einfach nicht, wirklich nicht, ob man ihn nun mögen soll, ob man ihn hassen soll für alles was er getan hat, ob man ihm helfen oder ihm weiter zusehen will, ob man sich schämen soll, diese widerliche Buch gelesen zu haben, oder ob man stolz darauf sein kann, soll, muss, darf, dass man es überhaupt zu Ende gelesen hat.


Egal wie die Antwort auch immer lautet…


Mich hat das Buch, mit ein paar wenigen Abzügen, sehr gut gefallen und überzeugt.







FAZIT

Brutal, widerwärtig, pervers, total gestört und gerade deshalb einfach faszinierend

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Drum machen wir es kurz:


„Mein Leben als Affenarsch“ ist brutal, pervers, fäkal, rassistisch, böse, abartig, krank und absolut kaputt. Mit dem neuen Trend der „Sensibilisierten Literatur“ hat DAS HIER rein gar nichts zu tun. Eher das exakte Gegenteil. Denn dieses Buch ist nichts für schwache Nerven und greift Genremäßig irgendwo da, wo auch Heinz Strunk  mit seinem „GOLDENEN HANDSCHUH“ oder auch Sibylle Berg jüngst mit ihrem Brockenwerk „GRM-Brainfuck“ gewildert haben.

Figuren, die ohnehin bereits verloren sind, bei denen man weiß, dass es kein gutes Ende mit ihnen nehmen wird, deren Schicksal aber dennoch berührt, weil sie doch weitaus vielschichtiger sind, als es ihr Äußeres vermuten lässt, die vor allem viel mehr könnten, wenn sie denn, wenn die Welt um sie herum dafür geschaffen wäre, wenn, würde, wäre, hätte, könnte…

Das Szenario des „Sozialhorrors“, der prekären Lebensumstände, welche der eigenen Vorstellungskraft weit überlegen sind, weil man es sich einfach nicht vorstellen kann oder auch gar nicht will, dass Menschen so sein können, so leben können, aber sich eingestehen muss, dass viel mehr an dem dran ist, was hier in Fiktion dargestellt wird, als es vielleicht sein sollte – Ja dieses Szenario, dieses Genre, kann eine ebenso gewaltige Sogkraft entfalten, wie ein richtig guter Thriller oder Krimi.

Wo Strunk jedoch einfach passieren lässt und im Grunde nur Kamera ist und Sibylle Berg vollkommen gleichgültig runterrasselt, da nimmt sich dieser Roman Zeit für seinen Helden, da nimmt der erzählende Held die Zeit, sich selber aus der Ferne zu betrachten und zu sezieren. Derweil er immer weiter in Drogen, Gewalt, Wahnsinn und geistig-seelischem Verfall untergeht und Dinge tut, die doch wohl hoffentlich…


Ach lassen wir das.


Denn in der Fiktion, da gibt es kaum etwas, was nicht bereits irgendwo genau so stattgefunden hat oder schon immer so stattfindet. Vielleicht ja gerade jetzt, irgendwo auf der Welt, vielleicht sogar schon zwei Straßen weiter. Ja wer weiß das denn so genau?.

Weil Menschen kranke Gestalten sind, klein, deformiert, jeder für sich, mal außen, mal innen, mal beides. Weil diese deformierten, kleinen Wesen dazu verdammt sind, jeder für sich, ins trübe Lebenswasser geworfen zu werden. Ganz gleich ob sie dafür gemacht sind, oder eben nicht. Manche können schwimmen, gewiss, manche weil sie es können, manche weil sie von innen hohl sind oder weil sie irgendwie Glück hatten. Manche aber, die sind dazu gemacht worden, sofort zu versinken. Denn am Ufer stehen zu bleiben, ja das ist nicht vorgesehen. Drum genügt ein kleiner Schubser und schon werden sie immer kleiner und kleiner und unschärfer, in jener farblosen, leblosen, erbarmungslosen Brühe, welche viele einfach nur „Leben“ nennen. Bis sie für immer verschwunden sind. Derweil sie dann am Bodengrund mit den anderen ihr Dasein fristen. Denn der Weg nach oben ist weitaus schwerer, unmöglicher, utopischer als umgekehrt. Schwerkraft ist immer sicher. Schwerelosigkeit nie von Dauer. Auftrieb und Oberflächenspannung entweder ein Lottospiel oder ein Privileg.

Und dieser Held, er tut einem leid. Doch man muss ihn hassen, weil er ein vollkommen kaputter Scheißtyp ist, der mindestens in die Geschlossene gehört. Ein gestörter, ein kaputter, ein faszinierender Besitzer von Dachschäden aus Familienbesitz, den die Welt so schon tausendmal gesehen hat, den WIR als Leser aber nicht aus den Augen lassen können oder wollen.

Weil wir die Wollnys und den „HALT! STOP! WARTE…“-Typen oder oder oder… Ja auch nicht aus den Glubschern lassen können und auch gar nicht wollen. Oder zumindest allejene von uns, bei denen ebenfalls irgendetwas fehlt, im Oberstübchen, im Charakter oder im Selbstwertgefühl.

RAZORHEAD, wir lieben dich. Aber bitte, wir hoffen dass du für deine Taten, für das was du bist, eines Tages, eines baldigen Tages, einfach in der Scheiße, in der braunen, stinkenden Brühe, inwelche du manchmal aus völligem Wahn, weil du den gesamten Wahnsinn Berlins in dir vereinst, wieder mal hineingesprungen bist, einfach ersäufst.




Du krankes, kaputtes, naives Stück Menschenmüll.







Und dafür danken wir dir von ganzem Herzen – Mögest du ewig leben.





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Oskar Roehler

„Mein Leben als Affenarsch“


Taschenbuch

ullstein


Ersterscheinung 2015

Preis: 10,00€


PERSÖNLICHE NOTE: 1-

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Letzte abgefuckte Szene


Cayman hat sich den einen der beiden Stühle, der noch intakt ist, ein Stück entfernt von der demolierten Bühne aufgestellt, sitzt nun darauf, mit elegant übereinandergeschlagenenen Beinen und lächelt seriös…


Dann sagt er: „Meine Damen und Herren! Dies war die definitiv letzte Literaturkritik aus dem Jahre zweitausendundeinundzwanzig. Aber keine Sorge, auch zweitausendundzweiundzwanzig, da geht es natürlich munter weiter. Wie immer nicht einmal im geringsten daran interessiert, was gerade heißer Scheiß ist, auf dem Büchermarkt, sondern immer so, wie es uns gerade gefällt!“

Im Hintergrund derweil, da randaliert „FICKFRESSE“ vollkommen von allen Sinnen einfach laut pöbelnd, schnaufend, sabbernd, kreischend, brüllend, grunzend und laut furzend weiter…

Cayman aber, lässt sich nicht stören und sagt: „Und auch wenn ein gesundes Maße politische Korrektheit immer auch zum zivilisatorischen, zum guten Ton gehört… Das exakte Gegenteil jedoch kann ebenfalls nicht schaden. Und wenn es nur als reine, plakative Warnung zu verstehen ist. Was bei all den Harzvier-Sendungen ja an sich als Grundbotschaft auch immer der Fall ist: Willst du, wollt ihr so werden, so enden, bei solchen Leuten als Nachbarn leben wie die da im Fernsehen? Oder wollt ihr brave, kleine, fleißige Arbeiterameisen sein und schaffe, schaffe, Häusle baue? Denn das soziale Netz, es ist eine Bühne auf dem die Schwächsten der Schwachen, die die Pech hatten im Leben und alle jene, die sich nicht einfügen können oder wollen, nichts zu suchen haben. Es sein denn, man benötigt sie, zur Abschreckung. Als Freakshow, mit all ihren teils verstörenden Verhaltensweisen…“


Da wirft der Kameramann ein: „Ähäm….. Bitte denk dran… Kein Moralaposteln! Gute Vorsätze und so. Will eh keiner hören!“


Da merkt Cayman auf: „Ach ja! Stimmt, da war ja was… Ahahah! Nun gut. Denn wie bereits gesagt… Literatur, Kunst, MEINUNGSFREIHEIT muss auch, sollte auch, unter anderem, rau, brutal und aufpeitschend, verstörend und triggernd sein. Jede Kunstform sollte dies sein, wenn auch der Kontext dazu natürlich passend sein muss, damit es eine Begründung hat. Wenn wir dies jedoch wegnehmen und alles einfach glattbügeln, aus Angst, aus falscher, politischer Aktion oder aus der erpresserischen Gewalt einer wirren Minderheit heraus, welche die Welt in einer rosa Seifenblase ohne Vergangenheit sehen will, die ausblenden will, was einmal war, was immer noch ist und auch immer sein wird, ja dann ist dies keine Kunst mehr, was wir dort erschaffen. Provokation, im richtigen Maße, Grenzüberschreitungen im richtigen Kontext und in der Einhaltung sehr bewusster, allgemeingültiger Regeln, sie gehören dazu, zu einer streitbaren, lebendigen, gesunden, zu einer freien Gesellschaft! Dies gilt nicht nur für den politischen Diskurs, sondern eben auch für die Kunst in allen Formen. Somit natürlich auch für die Literatur. Literatur sollte so frei wie möglich sein, als perfektenfalls Nährboden für eine diskutierende, streitende, sich ihrer vergangenen, gegenwärtigen und vielleicht auch zukünftigen Ecken, Macken, Problemen und Abgründen bewussten Gesellschaft! Literatur sollte frei sein, so frei wie machbar. Und nicht der Sklave einer Angst, einer aktuellen Weltsicht, einem Trend oder dem Befehlsgeschrei, den Wutlauten einiger weniger oder gleich von fehlgeleiteten Regierungen und Diktatoren. Literatur ist ALLES, IMMER und ÜBERALL. Sofern sie keine gültigen Grundgesetze überschreitet, sofern die kontextuelle Grundlage stimmt und passt!“


Dann schweigt Cayman und senkt den Kopf…


Auch hinter ihm ist es ruhig geworden…


Dann ruft der Kameramann: „Hey Fickfresse! Du kannst dann jetzt! Wir brauchen noch nen Rausschmeißer!“


Daraufhin hört man, wie der Angesprochene Anlauf nimmt und dabei laut, immer lauter aufschreit…


Dann sieht man, wie Fickfresse nackt, nur noch mit seinen stachelverzierten Springerstiefeln bekleidet auf die demolierte Bühne zurennt, das Gesicht von Wut und Wahnsinn verzerrt, die Augen starr und entschlossen auf das Ziel gerichtet…


Als er die Bühne fast erreicht hat, da schreit er noch einmal aus voller Seele auf, entlässt er den aufgestauten Zorn aller Lebewesen der Erdgeschichte…


Dann donnert er mit dem Schädel voran gegen die massive Betonwand in der Mitte…

Prallt seitlich ab…

Quietscht einmal laut…

Und flatscht auf den Boden wie ein patschnasses Handtuch…


Kurz blicken Cayman und der Kameramann auf die Szene, vor allem auf den großen, roten Fleck an der Wand…


Dann aber wendet sich Cayman wieder dem Publikum zu und lächelt erneut wie ein Nachrichtensprecher: „Meine Damen und Herren und Personen aller Geschlechtsmerkmale oder auch nicht, wie immer Sie möchten… Das war der Beitrag! Ich hoffe, dieser hat Ihnen irgendwie gefallen!“


Daraufhin streckt der Kameramann den Zeigefinger in Richtung Bühne und frohlockt: „Aha! Da! Siehste! Er lebt noch! Das rechte Bein zuckt! Also alles gut“


Cayman lächelt und sagt erfreut: „Oh! Na das ist schön, dann brauchen wir die Kühltruhe wohl doch nicht!“


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Cayman liest > André Heller >“Schattentaucher” >Prosa >Die wilden Abenteuer eines Mannes im Nachkriegswien und dessen Kaffeehauskultur

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Erster Akt im Kaffeehaus

Es ist eines jener altgedienten Häuser, in denen die Menschen schon saßen, Zeitung lasen, Kaffee tranken, ihr traditionelles Glas Wasser umsonst hingestellt bekamen, sich stritten, Dramen aller Arten abhielten, Stunden um Stunden, manchmal ganze Tage verbrachten, bis irgendwann manche von ihnen einfach zum Inventar gehörten. Und so durch ihr Zutun dieses, wie viele andere Kaffeehäuser überhaupt erst zu dem machten, was sie auch heute noch sind.


In diesem, nun beschriebenen jedenfalls, da kann man die vergangenen Zeiten hören, wenn man den alten Holzfußboden entlangläuft. Man kann sie riechen, diese vergangenen Zeiten, wenn einem der Geruch des alten Holzes und seiner Lackierung in die Nase steigt, vermischt mit dem Aroma von frischem Kaffee und Zigarrettenrauch. Man kann die vergangenen Zeiten, überhaupt das vergehen der Zeit sehen, in all den Kratzern, Dellen, übermalten Stellen im Holz auf dem Boden, den Wänden und den Möbeln, vertuscht, versteckt, aber doch sichtbar konserviert bis heute.

Der Kronleuchter an der Decke will nicht so recht zu den alten Möbeln passen, welche zwar in keinstem Fall billig oder schäbig aussehen, aber doch ein wenig wie Bettler im Antlitz eines edel gekleideten Königs, von edelstem Geblüt. Aber Widersprüche an sich, Widersprüche überhaupt, die gehören ja dazu, in Wien, in Österreich, in den Kaffeehäusern, wo jetzt, zu diesem Zeitpunkt kaum Kunden sind, bis auf die wenigen, üblichen Dauergäste:

Der alte, wie man ihn hier einfach nur nennt „Blätterer“, ein minutiöser, perfektionistischer Zeitungsleser, welcher überhaupt erst ans fortgehen denkt, wenn er auch den letzten Buchstaben der vielen hier ausliegenden Tageszeitungen ausgiebig und kritisch gelesen hat.

Der, wie ihn die beiden Kellner nennen „Turmbauer“, der Tasse um Tasse genussvoll austrinkt, aber erst Trinkgeld gibt, wenn er mindestens einen beeindruckend, wie auch gefährlich hohen Turm an Tassen und deren Untertellern auf dem Tisch vor sich errichtet hat. Ist der Bauherr zufrieden, dann zahlt er auch gut. Und weil die Kellner das wissen, gehen sie das Risiko, dass es vielleicht einen Scherbenhaufen oder garantiert wütende Flüche der Küchenhilfe über die plötzlichen Unmengen an Abwasch geben wird, gerne ein, denn es lohnt sich.

Oder die „Stangerl-Rita“, welche eine Zigarette nach der anderen wegraucht, dabei aber stets so wirkt, als sei sie die Hauptdarstellerin in einem Film, den die Welt so noch nicht gesehen hat. Die Nebelwolke um sie herum ist mancher Zeit beeindruckend, als wolle die gute Dame die Zeche prellen, in dem sie einfach im trüben Nichts des von ihr verbrannten Nikotins für immer untertaucht, wie eine Magierin. Doch die gute Rita, sie verschwindet nicht, sie bleibt, meistens vom frühen Vormittag, gleich nach dem Öffnen, bis zum Schließen. Vielleicht sollte man sie einfach zum Inventar zählen, einen Glaskasten um sie herum aufbauen und als historisches Artefakt den anderen Gästen zum bestaunen freigeben.


Solche und noch viele andere Figuren, Originale, Gestrandete, Eigenartler und und und bevölkern dieses, wie auch alle anderen Kaffeehäuser in ganz Österreich.


Als sei dies aber noch nicht genug, beehren heute gleich noch zwei weitere, obskure Figuren die Räumlichkeiten mit ihrer Anwesenheit. Aber die Kellner, sie sind selbst die schrägesten Gäste und deren Schrullen mehr als gewohnt. Vermutlich würde ihnen der Angstschweiß aufrecht auf der Stirn stehen, wenn dem nicht so wäre, wenn diese auf einmal fortbleiben würden, denn dann müsste man davon ausgehen, dass etwas passiert ist, welches die Grundfesten der Zivilisation einstürzen ließ.

Nun haben es sich also Cayman und der Kameramann an einem der Tisch, in einer Sitzecke mit Bank gemütlich gemacht und warten auf ihre Bestellung.

Der Kameramann dreht noch einmal die Linse der Kopfkinokamera scharf und sagt dann trocken: „Okay, kann losgehen“

Cayman setzt sich daraufhin aufrecht, faltet die Hände und sagt: „Mein sehr verehrtes Publikum… Machen wir es KURZ! Hier nun die Buchkritik zu einem Werk, das schon so einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, aber dennoch kaum etwas von seiner Aktualität UND seiner Wahnwitzigkeit, sowie seiner tiefen Menschlichkeit verloren hat! Es geht um Frauen, Kompositionen, Rattenmusik, Alltagswahnsinn und das Leben als Jude im Nachkriegswien! Aber auch dies ist nur ein KURZ…er Auszug dessen, was dieses kleine, aber feine Buch in Wahrheit zu bieten hat! Ein echter NEHAMMER oder?! Ein SCHALLENBERG, der Schlimmes dabei denkt! Aber sehen wir am besten doch nun selbst!“


Der Kameramann schüttelt mit dem Kopf, aufgrund dieser Anmoderation, aber sagt, weil pflichtbewusst: „Nehmen wir so, FILM AB!“





Cayman liest


Dieses Mal:

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Andrè Heller


„Schattentaucher“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wiener Gegebenheiten“
























Welcher Idiot hat bitte das Cover gestaltet?!

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Dass das Produkt „Buch“, wie auch viele andere Dinge auch, nicht von einer Person alleine gemacht wird und deshalb nicht in einem Guss entsteht, merkt man häufig erst dann, wenn etwas so richtig schief geht, weil irgendwo jemand eine Entscheidung trifft, welche dann dazu führt, dass beim hergestellten Gegenstand der Kunde sich verwundert die Augen reibt oder sogar facepalmt.

Bei Videospielen wäre da das Endzeitspiel „RAGE 2“  als Paradabeispiel zu nennen, welches von der Marketingabteilung, welche für die Bewerbung verantwortlich war, so beschrieben wurde: „RAGE 2 bedeutet maximale Freiheit! Das Spiel ist pures Geballere und actionreiches Fahren durch eine gigantische, offene Spielwelt! Keine Story! Keine Regeln! Macht verf**kt nochmal, was immer ihr wollt!!!“.

Dummerweise wusste diese Marketingabteilung aber nicht oder es war ihr egal, dass „RAGE 2 „ sehr wohl eine Story hat, eine Geschichte erzählt und seine Spieler sogar ziemlich gradlinig durch die Spielwelt führt. Alleine, dass man zum Start des Spiels gleich mehrere Filmsequenzen entweder ansehen oder erst wegdrücken muss, bis man den ersten Schuss abfeuern kann UND SELBST DANN noch an das, was einem dort gezeigt, erzählt und präsentiert wird gebunden ist, ist eindrucksvoll Beweismaterial genug, dass das Marketingteam auf gut Deutsch „SCHEI*E GEBAUT HAT“.

Ein kluger Mensch fasste dieses Problem einst so zusammen: „Du kannst für dein Spiel noch so hohe Sicherheitsmaßnahmen einführen, dass alles glattläuft, der Storyplott nicht schon vorher verraten wird oder sonstetwas dummes passiert. Selbst wenn dreihundert Leute an diesem einen Produkt arbeiten und alle alles richtig gemacht haben… Dann braucht es nur eine weitere Person, die von allendem nichts wusste, aber an entscheidender Position sitzt. Und schon war es das!“.

Beim Spiel „DRIVER SAN FRANCISCO“ beispielsweise, da wurde dann schon in den allerersten Werbetrailern mal eben verraten, wie die Geschichte am Ende ausgeht BZW. was das große Geheimnis ist – Ein waschechter SPOILER also. Das Spiel selber war aber natürlich darauf ausgelegt, seinen großen Storyplott wie gedacht, erst kurz vor Ende zu verraten. Das entpuppte sich dann als großes Problem, weil die an sich interessante Geschichte nun auf einmal wie eine schlecht gemachte, alberne Satire, wie Kinderfernsehen rüberkam und mancher Fan der Reihe, weder das Spiel und erst recht nicht die Story noch wirklich ernst nehmen konnte.


Ups!


Und natürlich gibt es auch in der Buchbranche peinliche Fails, hier sehr gerne beim Cover, welches ja auf den ersten Blick überzeugen und auch recht schnell und möglichst eindeutig klarmachen muss, was thematisch Sache ist. Die optische Gestaltung sollte also zu dem passen, um was es in dem Buch geht. Man kann das Cover eines Liebesromans schlecht wie ein neues Stephen-King-Buch herrichten oder einen Krimi, in dem es Drogenkriminalität und Gewalt gegen Frauen geht, wie ein Kinderbuch. Das wäre ja völlig unprofessionell.

Aber auch hier gilt dieselbe Problematik, wie in der Videospielindustrie: „Wenn dreihundert Leute alles richtig gemacht haben, damit das Produkt perfekt ist, braucht es nur eine weitere Nase, die von irgendwas wichtigem nichts wusste, Scheiße baut und alles war umsonst“.

Im Falle dieser Ausgabe von ANDRÈ HELLERS Prosasammlung „SCHATTENTAUCHER“, da hockte vermutlich jemand im Grafikdesign, las nur den Namen des Buches, guckte ganz vielleicht noch mal kurz in den Klappentext, aber auch nicht richtig und dachte sich dann:


„AHA! HORRORROMAN! GRUSELGESCHICHTENSAMMLUNG! Alles klar!“.


Und so bekam ein Buch, welches die absurden, lebensfrohen, abenteuerlichen, tragischen, aber häufig auch einfach nur aberwitzigen Alltagsabenteuer eines jüdischen Pianisten und und Komponisten im recht frühen Nachkriegswien erzählt, das Einbanddesign eines abgrunddüsteren Horror-Romanes verpasst.

Und in dieser Überzeugung, in einer gewissen Vorfreude darauf, mal wieder richtig gegruselt zu werden, vor allem weil das Cover dies sehr deutlich suggeriert, packte ich dieses Buch ein. Nun muss man allerdings sagen, dass ich es nicht gekauft habe, sondern an einer dieser „Buchregal-Tauschbörsen“, in diesem Fall eingerichtet in einer alten Telefonzelle umsonst mitgenommen habe UND meine Ausgabe bereits an die 40 Jahre auf dem Buckel hat. Was die Sache aber, wie ich finde, nur noch lustiger macht. Denn zwischen diesem 40 Jahre alten Buch mit seinem Marketingfail und jenem von RAGE 2 von 2019 liegt eine verdammt lange Zeitspanne…

Geändert hat sich beim Grundproblem, dass irgendwo eine Person ausreicht, um eine Produktpräsentation voll vor die Wand zu fahren, nämlich nichts.

Und so war ich dann, wie auch 2019 bei RAGE 2 sehr erstaunt darüber, was mich dann tatsächlich erwartete, als ich damit anfing, mich damit zu beschäftigen. Jedoch mit dem Unterschied, dass RAGE 2 durchgehend unterdurchschnittlich mittelmäßig war und dieses Buch hingegen, besonders für Freunde der phantasievollen Sprachkünste das reinste Fest ist. Dass einem, sollte man zu diesem Personenkreis gehören, ein Schauer den Rücken herunterläuft, ist garantiert. Allerdings nicht, weil man gegruselt wird, auch wenn das Cover genau dies hervorruft.








Einmalige Künstlerpersönlichkeit trifft auf meisterhafte Bildsprache

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Wir begleiten den, nennen wir ihn mal grob zusammengefasst „Unsortierten Künstler“ Ferdinand Alt, Komponist von Hauptberuf, Pianist nebenbei, Frauenheld sowieso, Cafèhausbesucher ohnehin und mit so allerhand Spleens, aber auch einer wahnsinnig einfühlsamen Beobachtungsgabe und einer gewaltigen Menge an Phantasie bedacht, bei seinem nicht minder abstrusen Alltag und dessen, was dieser denn alles so zu bieten hat.

Ferdinand lebt in dem Luxus, sehr gut geerbt zu haben und kann sich seine gesammelten Spleens, Macken und Verhaltensauffälligkeiten also problemlos leisten. Wie auch seine mehr als minutiöse, macroziöse Arbeit an seinem Opus Magnum, seinem ganz persönlichen Meisterwerk: Seiner eigenen, rahmensprengenden Komposition. Ach ja! Und natürlich Frauen! Zu denen er allerhand mal innige, mal seltsame und auch schon mal absurde Beziehungen führt, die aber allesamt immer irgendwann in die Brüche gehen. Wobei Ferdinand irgendwo ein bisschen sehr Matcho ist und darauf besteht, dass IMMER ER die Beziehung beendet… Wenn dies dann nicht passiert, die bereits ausgemusterte Frau IHM den Korb gibt oder IHN AUSMUSTERT, bevor er dies tut, tja dann stirbt der arme Ferdinand tausend Tode. Bei seiner ultimativen Komponie derweil arbeitet er wie ein Versessener, wie DaVinci an seiner Monalisa, ohne jemals fertig zu werden, oder an einen Punkt zu kommen, an dem er sich sicher sein kann oder auch will, dass er nun genau weiß, wie das ganze am Ende denn nun aussehen soll. Eines seiner liebsten Hilfsmittel, um auf Ideen zu kommen, sind Ratten. Für ihn die faszinierendsten Tiere auf Gottes Erden und über genauso kleinteilige Beobachtungen Takt- und Ideengeber für sein Kompositionsmeisterwerk… Wenn es denn jemals fertig werden sollte… Falls es jemals fertig wird.

Und ja! Wer jetzt den nicht ganz zweifelhaften Zusammenhang erkennt „JUDE > RATTEN  > JUDE DER RATTEN MAG“ und sich bereits im Countdown für den moralischen EMPÖRUNGSAUSBRUCH befindet, sollte sich jedoch vor Augen halten, dass hier mitnichten stumpfe Klischees egal welcher Art bedient werden. Denn die menschenverachtenden Verbrechen der Nazis an Ferdinands eigener Familie, wie auch der nachfolgende, immer noch in der Gesellschaft verankerte Antisemitismus und auch Ferdinands eigene, seelische Wunden… Sie kommen immer wieder vor und werden einem ohne Gnade und in all ihrer Grausamkeit um die Ohren geschlagen, dass es einem die Eingeweide zusammenzieht. Eher kann man Ferdinands „Rattenfaszination“ als ein etwas plumpes, aber interessantes Spiel mit eben diesem antisemitistischen Klischees ansehen.

Dies ist zusammengenommen also der eine, grundlegende Part dieser Prosasammlung: Der Held an sich.


Doch dann gibt es da noch zwei weitere Bestandteile, welche dieses Werk wie ich finde so großartig machen.


Der eine Teil ist die Art, wie all das erzählt wird. Denn sprachlich, in der gesamten Umsetzung, in all der liebevollen Herrichtung entwickelt dieses Buch bereits nach knapp zwei oder drei Seiten einen regelrecht magischen Sog, auch dem man sich eigentlich gar nicht mehr befreien will. „Phantasievoll“, „Lyrisch“, „Hypnotisierend“ sind eigentlich sogar noch Begriffe, welche hierfür vollkommen ungeeignet sind, weil sie die wahre Tiefe, all die Liebe und Hingabe, welche in den einzelnen Zeilen steckt, gar nicht wiedergeben können, wie ich finde.

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Hier mal eine Geschmacksprobe – Buch Seite 17:


„Nun saßen sie auf einer Bank vor den großen Getreidefeldern, die wie eine Schanze zu den tieferliegenden Industriegebieten von Simmering führten. Ein Rauschen kam aus dem nahen Wald, als übte ein riesiger Vogel Flügelschlagen. Aber es war nur der Ortswind, der nichts mit dem großen Wind zu tun hat, Kein Nord-, Süd-, Ost- oder Westwind ist das, denn der geht durch die Ortschaft, durch das Land, durch die Welt. Reisende Herrschaft ist der. Ostwinde aber bleiben, gezähmt von den Bäumen und Büschen, vertraut dem Gras und den Farnen. Die Wetterhähne streifen sie, greifen den Frauen an Rock und Kopftuch, fächeln den Julimittagen Kühle zu und treiben im Dezember Schnee. Wenn einer stirbt aus dem Ort, schweigen sie wie alle anderen und werden dann für wenige Tage ruheloser und geschäftiger, denn auch sie möchten Versäumtes nachholen und zweifeln an der Unsterblichkeit. Ferdinand horchte in das Rauschen, und Anna sagte: >>Hörst du das Rauschen?<<


… …


Dann schwiegen beide lang, und dann kamen sie zur Sache. Ferdinand sagte: >>Irgendwie lieb` ich dich<<, und Anna sagte >>Wui?<<. Ferdinand dachte, warum sagt sie >Wui<?. Laut sagte er: >>Wui ist alles, was du darauf zu sagen hast?<<. Anna sagte >>Irgendwie lieb ich dich auch.<< und Ferdinand sagte >>Wui<<.

Da lachten beide und auch ihnen war ein Rauschen, als wären sie größer als der Wald und dieser nur ein Teil ihrer Körper zwischen Herzschlag und Magen, und das war schön.“

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Es macht einfach Spaß, sich dem Sound, dem Takt und dem ergreifenden Konstrukt von Worten und Sätzen hinzugeben und diese einfach nur zu genießen, ähnlich wie es Klassikfans bei einer guten Symphonie zu tun gedenken, in dem sie sich vor ihre übergroße BOSE-Soundanlage setzen, diese angemessen aufdrehen und dann ein mittleres, aber sehr befriedigendes Schallwellenerdbeben in ihrer Nachbarschaft auslösen. Also ja, ICH hatte mein reines Vergnügen daran, diese Texte zu lesen. Insbesondere nach dem ich mit „GRM“ von Sibylle Berg und „Serotonin“ von Michel Houllouenbecqu oder wie der sich schreibt, in beiden Fällen eher das exakte Gegenteil erlitten habe.

Aber zu der großartigen Sprachkunst in diesem Werk und seinem sehr unterhaltsamen Helden, gesellt sich dann noch ein weiterer, sehr wichtiger Protagonist hinzu, welcher in der Tat nicht fehlen darf, wenn es um die Stadt Wien und natürlich um Österreich an sich geht.


Nämlich die traditionellen Kaffeehäuser (Oder modernistisch „Cafèhäuser“).







Kulturell geschützter Mikrokosomos

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Das erste und damit älteste Kaffeehaus… Oder zumindest der „Urknall“ dessen, was die Österreicher heute als dieses bezeichnen, so wird es jedenfalls historisch wiedergegeben, war eine Lokalität namens: „ZUR BLAUEN FLASCHE“ - Ganz offenbar zurückzuführen auf einen Mann namens CHRISTIAN FLASCHNER, welcher das dafür nötige Gebäude um 1563 erwarb, so die Legende. Jetzt kann man natürlich spekulieren, WARUM man, wenn man mit Nachnamen „Flaschner“ heißt, dann auch die Idee kommt, sein Lokal „ZUR BLAUEN…“ zu nennen. Vielleicht war er ja, als er diese Idee hatte, nicht ganz nüchtern, so sollen ja schon etliche sehr erfolgreiche Geschäftsideen und Erfindungen das Licht der Welt erblickt haben. Wenn dem so war, dann war dieser Mann jedenfalls sehr selbstironisch und somit ein Vorbild für uns alle.

Wobei, und so viel Klugscheißerei muss sein, hieß das Haus ursprünglich „BEY DER BLAUEN FLASCHE“, erst um 1700 herum wurde dann daraus „HAUS ZUR BLAUEN FLASCHE“.

Dies war, so die Legende nach dann das allererste Kaffeehaus, in dem allerdings zu der Zeit eventuell noch gar kein Kaffee ausgeschenkt wurde, weil dieser zwar schon bekannt, aber noch nicht sonderlich weit verbreitet war und in ganz Europa ja schon mal gar nicht. Denn wirklich „viral verbreitet“ wie man im heutigen Socialnetwortdeutsch sagt, hat sich das ganze denn erst ein bisschen später:

Zitat:

„(Kaffee war auch in Wien bereits bekannt, so ist bereit am 6. Juli 1668 eine Raize, Demeter Domasy, Kaffee aus Wien ausgeführt)“.


Der weiteren Erzählung nach, wie es dann auch dazu kam, dass in der Blauen Flasche irgendwann Kaffee ausgeschenkt wurde, war eine durchaus kompliziert-klingende Abfolge von Nachfolger-Betreibern und deren Familienverhältnissen gegeben:


Zitat:

„In dem ab 1695 so benannten Haus im ehemaligen Schlossergässel eröffnete der Armenier Isaac de Luca (eigentlich Lucas[ian]) 1703 ein Kaffeehaus und führte es bis zu seinem Tod (1729). 1730 heiratete seine Witwe den armenischen Kaffeesieder Anton Deodat (der 1733 gemeinsam mit Franz Ignaz Deodat eine Kaffeehütte jenseits der Schlagbrücke eröffnete; Café Hugelmann) und führte es gemeinsam mit diesem weiter. 1744-1767 gelangte es an ihren Sohn aus erster Ehe, Wolfgang de Luca, bis 1775 besaß es dann dessen Witwe. Als eines der ältesten und am längsten in Betrieb gestandenen Kaffeehäuser prägte es sich so tief im Bewußtsein der Wiener ein, dass es mit Koltschitzky (Erstes Kaffeehaus) in Verbindung gebracht werden konnte. Dies umso leichter, als de Luca ab 1710 wie Koltschitzky das Amt eines orientalischen Kuriers ausübte, sein Nachfolger aber mit Johannes Diodato verwechselt wurde (Schwanfelnersches Haus). Aus der Verbindung der beiden Lebensläufe entstand die “Kolschitzky-Legende”.“


Wer da jetzt nicht durchblickt muss sich nicht schämen übrigens… Ich musste es auch erst fünfmal durchlesen und glaube zumindest, es auch immer noch nicht ganz hundertprozentig verstanden zu haben.


Einer sehr hartnäckigen Legende nach, gingen die Kaffeehäuser dann erst so richtig „viral“, als ein gewisser Herr Kolschintzky dazukam:


Zitat:

Die Kolschitzky-Legende

In diesem befand sich nach der Überlieferung der Kaffeeschank Kolschitzys, des ersten Wiener Kaffeesieders. Franz Georg Kolschitzky hatte sich als Kundschafter zur Zeit der Zweiten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 sicherlich Verdienste erworben, doch wurden diese übermäßig aufgebauscht, denn er war ein gewaltiger Maulheld, der in fast moderner Weise für sich Reklame zu machen Verstand. Er gewann einen Relationsschreiber zur Aufzeichnung seiner Abenteuer und ließ diesen Bericht, geschmückt mit seinen Bild in Druck erscheinen, der große Verbreitung fand.

Nach der allgemeinen bekannten Erzählung wurden Kolschitzky Verdienste auf originelle Art entlohnt. Als man in dem vom Feind verlassenen Lager 300 Säcke einer graugrünen Frucht fand, wusste man mit ihnen nichts anzufangen, und man überließ sie gerne Kolschitzky, der darum bat weil er von seinem Aufenthalt in der Türkei her ihren Zweck genau kannte (Kaffee war auch in Wien bereits bekannt, so ist bereit am 6. Juli 1668 eine Raize, Demeter Domasy, Kaffee aus Wien ausgeführt). Bald schenkt der Pole seinen ersten Kaffee in einem bescheiden laden in der Domgasse (alt Stadt 845, neu Domgasse 6) aus, übersiedelte aber, da er zu klein war, in das gegen die Schlossergasse ausmündende Lokal. Hier bediente der ehemalige Kundschafter seine Gäste in einer phantasierreichen Tracht und nicht selten sollen hier auch Graf Starhemberg und Prinz Eugen eingekehrt sein, so besagt das wenigstens die ausgeschmückte Kolschitzkylegende.“

Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)



Jedoch ist das mittlerweile wissenschaftlich überholt und größtenteils als Fakehistory abgeheftet:


ZITAT:

„In der Legendenbildung wurde aus dem Kaffeehaus “Zur Blauen Flasche” jenes Kaffeehaus, das Georg Franz Kolschitzky angeblich nach der Zweiten Wiener Türkenbelagerung eröffnete und somit das ältste Kaffeehaus von Wien. Diese Legende, die erstmals von Pater Gottfried Uhlich von den Piaristen in seiner Chronik Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer (publiziert 1783) schriftlich überliefert ist, ist inzwischen widerlegt. Nach neueren Erkenntnissen wird davon ausgegangen, dass Kolschitzky niemals als Kaffeesieder tätig war und auch nie im Besitz einer kaiserlichen Hoffreiheit oder bürgerlichen Gewerbekonzession für Kaffeeausschank gewesen ist.“

Quelle: https://regiowiki.at/wiki/Zur_Blauen_Flasche_(Innere_Stadt)


Fakt hingegen ist, dass das Wiener Kaffeehaus heute ein Ort ist, nach wie vor, an dem alt und jung, reich und arm sich treffen, es je nach Haus mal nur Kaffee und und Getränke, vielleicht mal ein bisschen Kuchen gibt, oder man sogar ganze Festmähler kredenzt bekommen kann. Das lange Verweilen jedoch, ja das gehört derweil zum guten Ton, wie auch das obligatorische Glas Wasser umsonst zu jeder Bestellung. Also anders als in den meisten deutschen Kaffees, wo man ja bereits böse angeguckt wird, wenn man keinen Kaffee To-Go kauft, sondern sich erdreistet, sich damit ins Lokal setzen zu wollen. Denn deutsche Effektivität besagt ja, dass Kunden, welche dann im Kaffee herumsitzen und vielleicht stundenlang an einem oder zwei Kaffees trinken, anderen Kunden, die vielleicht schneller sind und mehr kaufen, den Platz wegnehmen.


„Die Blaue Flasche“ wurde dann später übrigens vom Kaffeehaus, zum Speisehaus:

Zitat:

„Im selben Haus das ab 1700 das Schild “Zur blauen Flasche“ trug befand sich ab etwa 1800 eine Art Speiseanstalt, wo in zwei Zimmern täglich binnen drei Stunden 350 Menschen "abgefüttert” werden konnten. Für acht Kreuzer erhielt man Suppe, Rindfleisch mit einer Brühe, Grünspeis, Braten oder Eingemachtes. “Die Portionen sind groß, dass der einen gewaltigen Fressmagen haben müsste, welcher sich nicht vollkommen satt daran äße“ (Johann Pezzl: Beschreibung von Wien, S. 361).“

Quelle: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)


Die wiener Kaffeehauskultur wurde 2011 „Immaterielles Kulturerbe“ der UNESCO und ist bis heute gerne ein Sammelort eigenwilliger Charaktere, interessanter Persönlichkeiten und so allerhand schräger Vögel. Denn wenn eines nicht fehlen darf, damals wie heute, dann sind dies Stammgäste, die halt „Immer“ da sind und mehr oder weniger bereits zum Inventar gehören.

So auch im Buch von Andre` Heller, denn auch Ferdinand hat sein Lieblingskaffeehaus, in welchen sich so allerhand schräge, tragische, unterhaltsame, liebenswerte, düstere, verirrte und/oder verrückte Charaktere treffen. Derweil auch die Kaffeehäuser selber, jedes für sich, bizarr-interessante Mikrouniversen sind:


Buch Seite 33:

„Ferdinand nahm etwas abseits, nahe der Anrichte, Platz. In diesem hinteren Teil des Lokals, zwischen Küche und Toiletten, entstand die unverwechselbare Geruchszusammenballung aus Kaffee, Buchteln, Urin, Eierspeiß und Desinfektionsmitteln.

Die Bernsteinfarbe der ehemals weißen Tapeten rührte vom Tabakrauch, die speckigen Armlehnen der Sitzbänke von dem Umstand, dass in Kaffeehäusern nur auf wiederholte Mahnung Servietten gereicht werden. Das Kaffeehaus ist keine Zwischenstation, sondern eine Heimat, für die viele in aller Ruhe ihre Gesundheit opfern: gefallen auf dem Feld der Habe-die Ehre.“.


Gottseidank sind die 1960er bereits lange vorbei, wobei man sich sicher sein kann, dass es solche Häuser nach wie vor immer irgendwo gibt. Denn „Immaterielles Kulturerbe der UNESCO“ bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass alles nach Veilchen riecht und glänzt wie Affenarsch auf Spielgelplatte.


Quellennachweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kaffeehaus

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zur_blauen_Flasche_(1)







Die Wunden der Nazizeit, der „Glückliche Verlierer“ und Schriftsteller, die vor lauter Kummer einfach tot umfallen

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Das Leben in den Kaffeehäusern, speziell in dem, welches Ferdinand für sich auserkoren hat, ist natürlich ebenfalls von allerhand bunten Charakteren bevölkert. Seien es „Die Schillernden“, also wahnwitzige Künstlerpersönlichkeiten, verrückte Eigenbrötler, kunterbunte Paradiesvögel oder auch schon mal obskure Zeitgenossen, die halt so geworden sind, weil das Leben mit ihnen die wildesten Dinge angestellt hat…

Wie „Dem Zwölfer“, einem ehemaligen Mittelschulprofessor, den ein Lottotgewinn beinahe die Gesundheit, den Verstand, das Ansehen, den Beruf und auch nicht mehr allzuweit hin, das Leben gekostet hätte, bis er schließlich eine radikale Entscheidung traf und sich von dieser Last befreite.


Oder „Schaffhauser“, welcher an jenem Ort sein Wettbüro betreibt – Zwischen den Eingängen der Herren- und der Damentoiletten. Ansonsten sei bei diesem Zeitgenossen noch anzumerken:

Zitat Seite 41:

 „Schaffhauser war von Statur und Beruf Liliputaner, und seine schnarrende Kinderstimme galt als Grundton des Wettbüros. … Die ihm körperlich weit überlegenen Spieler, deren Gedanken immerfort an irgendwelche Hufe geheftet blieben, überragte er geistig bei weitem.“.


Oder wie einem geheimnisvollen Chinesen, welcher sich aus dem Nichts zu den Gästen gesellt, monatelang stur das Kaffeehaus besucht, bis eines Tages einer der Stammgäste, ein Vorbestrafter, einer, der wohl mal etwas mit Falschspiel oder Betrug oder so zu tun hatte, aufspringt und brüllt: Zitat Seite 64 >>Zieh` dich aus du Kerl! Auf der Stelle will ich dich ficken, deinen gelben Arsch zweiteilen mit meinem Schwanz!<<. Woraufhin der Chinese aus einem roten Lederetui, welches er bei all seinen Besuchen mitführt, eine Schlange herausholt und einer der anderen Gäste, genannt „Der Wucherer“ bereits den Gifttod aller Gäste prophezeit. Was den Zahlkellner (Also der, bei dem man dann bezahlt) als Befehl erachtet, sich mehr oder weniger auf den Chinesen zu werfen, was weitere Personen zu Fall bringt und wiederum weitere dazu animiert, bei diesem Tumult mit eigener Körpergewalt ebenfalls mitzumischen. Irgendwann, nachdem sich mehr als sechs Leute besinnungslos raufen und prügeln… Ist der Chinese spurlos verschwunden.


An wahnwitzigen Zeitgenossen spart es also nicht.


Dazu zählen natürlich aber auch Ferdinand und sein bester Freund, „Der glückliche Verlierer“, welcher immer und stets bester Laune ist, oder es immerhin energisch versucht, egal wie sehr ihm das Leben auch auf die Füße spuckt. Was recht häufig passiert. Also ziemlich oft.

Sie alle bilden ebendiesen kleinen, absurden aber liebenswürdigen Minikosmos ab, welcher durch die in diesem Buch angewendete, liebevolle, bildreiche Erzählweise überhaupt erst so richtig zum Leben erwacht. Derweil immer wieder aber auch noch ganz andere, damals wie heute gültige Nebengeschichten ihren Lauf nehmen. Sei es, als Ferdinand seine ach so kleinbürgerlichen Nachbarn schräg gegenüber beim Sadomaso beobachtet, weil diese vergessen haben, die Gardinen zuzuziehen oder sei es ein seit Jahrzehnten von Gott und der Welt vergessener, altersschwacher Schriftsteller, der viel zu spät eine wertlose Auszeichnung für sein Lebenswerk erhält, eine todtraurige Rede halten darf und seine „Ehrung“ überreicht bekommt, nur damit sich ein Politiker und einige andere möchtegern-hochrangige Leute damit brüsten können, wie belesen und wichtig sie doch sind. Kurz danach, ist der alte Schriftsteller, dessen Leben alles andere als ein Höhenflug, eher eine Höllenfahrt war, auch schon wieder vergessen. Schließlich stirbt der alte Mann aus Kummer, aus Wut, aus Erfolglosigkeit…


Aber wen kümmert`s? - Ein bis heute topaktuelles Schicksal vieler Schriftsteller:

https://www.54books.de/es-zaehlt-nur-die-qualitaet-ueber-ein-fadenscheiniges-argument/#more-8902

https://www.54books.de/erstmal-losbauen-bitte/


So alt dieses Buch und seine Inhalte also auch sind, an Aktualität haben sie fast nichts verloren.


Wie auch das Thema: „Antisemitismus“, welches in den einzelnen Abenteuern von Ferdinand zwar nicht als Moralkeule mitschwingt, jedoch ein ständiger Begleiter ist. Schließlich sind das sogenannte „Dritte Reich“, der Anschluss Österreichs und all das damit verbundene Leid noch nicht allzulange her, und auch Ferdinand und seine Familie haben geliebte Menschen verloren, also ein tiefsitzendes Trauma erlitten.

Dass da in Ferdinand, bei bestimmten Ereignissen oder Erlebnissen natürlich schlimme Erinnerungen hochkommen und Heller diese passend in Szene setzt, gibt dem Buch von mal zu mal den finalen, letzten Schliff. Sein es Ferdinands Gedanken und Empfindungen beim Anblick eines brennenden Hauses, welches ihn selber jedoch mehr und mehr gruselt und schockiert, weil es ihn an die Reichsprogromnacht erinnert oder aber, als er in einer Telefonzelle ein rechtsradikales Geschmiere liest. Niemals wird überzeichnet, ebenfalls niemals jemals der moralische Zeigefinger erhoben.

Stattdessen, da wird gezeigt, was war, was ist und was dies mit Hinterbliebenen, Nachfahren, Betroffenen wie Ferdinand eben macht.

Und ob diese Art der Darstellung nun die optimalste ist oder nicht, darüber kann man freilich streiten, nicht jedoch darüber, dass diese hier in diesem Buch und seinen Geschichten eine wie ich finde, sehr beeindruckende Wirkung erzielen, aber sich dennoch perfekt in den Stil und in die Handlung einpasst.

Und das ist bei allem vielleicht das Wichtigste – Denn so und nicht anders ist es ja auch in der echten Welt.







FAZIT

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Ein kleines Meisterwerk voller wilder, liebenswerter Figuren und großartiger Sprachkunst



„Schattentaucher: 61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt“  - Unter diesem Namen sind immer noch Exemplare im Umlauf, rausgegeben 2003.


Wie HIER auf AMAZON:

https://www.amazon.de/Schattentaucher-Beschreibungen-aus-Leben-Ferdinand/dp/3423131101


Oder HIER auf BÜCHER.de:

https://www.buecher.de/shop/wien/schattentaucher/heller-andre/products_products/detail/prod_id/11202032/


Mit dem großen Unterschied, dass bei dieser Version dann auch das Cover viel viel besser zu dem passt, was im Buch thematisiert und dargestellt wird. Denn „düster“ geht es zwar immer mal wieder ebenfalls zu, im Leben, in den Beobachtungen und Abenteuern des Herrn Alt, doch niemals grundsätzlich oder sonderlich lange. Der alte, abgedroschene Merksatz „Wo Licht ist, da ist auch Schatten“, er passt in diesem Werk wie die Faust aufs Auge, garniert mit jeder Menge, gelegentlich auch schon mal absurdem Humor, der jedoch immer im nachvollziehbaren Rahmen bleibt.

Beim genaueren Blick in Herrn Alts Psyche derweil, sehen wir einen von diversen Zwangshandlungen, absurden Lebenansichten, liebenswerten Charakterzügen und dem großen Trauma dessen belastet, was die Nazis auch einst seiner Familie antaten. Dies wird jedoch niemals, zu keinem Zeitpunkt moralisch überladen dargestellt oder aber unterhaltungstechnisch ausgeschlachtet, sondern fließt immerzu in einfach alles ein, was den Helden umgibt, ihn antreibt und beschäftigt. Feinsinnigkeit ist in diesem Buch mehr als gegeben, denn so schrecklich dieses Trauma selbst für Ferdinand nach wie vor ist, es ist eben auch „nur“ ein Teil des ganzen. Auch für ihn.

Der Blick in das Wien der Nachkriegszeit, in die teils doch sehr absurde, aber liebenswerte Kaffeehauskultur, sowie in so ziemlich alle Schichten der österreichischen, der wienerischen Bevölkerung mit all ihren Macken, Schrullen und wahlweise auch abstrusen, jedoch stets liebevollen Charakterzügen und Verhaltensweisen, macht einfach Spaß, liest sich, wie das gesamte Buch eigentlich, in Null Komma nichts weg und ehe man sich versieht, ist auch schon das halbe Buch durch.


Dabei hatte man doch eben überhaupt erst damit angefangen…


Insbesondere, weil bei jedem, wer dieses Buch liest, früher oder später bestimmte Abenteuer, Sätze, Figuren, Szenen oder Momentaufnahmen hängen bleiben – So wie bei mir die Geschichte von dem Lottogewinner, welcher durch diesen „Gewinn“ beinahe vollends ins Elend getrieben wurde, bis er sich dem Problem auf seine, radikale Art und Weise entledigte – Oder die Sache mit dem erzbürgerlichen Ehepaar, welches immer brav Sonntags in die Kirche geht, immer adrett und vorbildlich ist… Und daheim im Schlafzimmer Dinge miteinander anstellt, gegen die selbst das Folterpärchen aus „Fifty Shades of Grey“ alt ausschaut.

Dass dieses Buch seine Jahrzehnte bereits auf dem Buckel hat, dass es im Nachkriegswien spielt, all das merkt man hier und da, doch könnte ein Großteil dessen dennoch problemlos auch im Hier und Heute spielen. Ob dies jetzt „liebenwert“, „ironisch“ oder einfach nur „traurig“ ist, das bleibt mal jeden selber überlassen, dies zu bewerten.

Ich jedenfalls für meinen Teil, ich hatte meinen Spaß an der Lektüre, nicht zuletzt aufgrund der extrem phantasiereichen Beschreibungen selbst einfachster Alltagsmomente und -Szenen. Ich kann die Lektüre dieses kleinen, leider doch sehr in der Versenkungen abgetauchten Meisterleistung deutschsprachiger Schreibekunst nur mit aller Begeisterung empfehlen.



Ich habe fertig.






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Andrè Heller

„Schattentaucher - 61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt“


Taschenbuch

dtv oder Spektrum


Ersterscheinung 1987

Preis: ab 1€


PERSÖNLICHE NOTE: 1+++

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Letzter Akt im Kaffeehaus


Während „Der Blätterer“ wie gewohnt, voller Inbrunst das gedruckte Tagesgeschehen nachverfolgt, „Der Turmbauer“ seinen Tassenturm zu Babel errichtet, welcher schon jetzt in einer gefährlichen Positionierungsstruktur scheinbar jedem physikalischem Gesetz die Mitarbeit verweigert und „Stangerl-Rita“ die sie umgebende Qualmwolke gewissenhaft auf zirka 62% Transparenz hält…

Lehnt sich Cayman zufrieden zurück, denn die Sachertorte und der dunkle Kakao waren vorzüglich und nach und nach füllt sich das Kaffeehaus nun immer mehr mit den üblichen und neuen Gesichtern…

Der Kameramann beobachtet, dass „Der Blätterer“ Konkurrenz bekommen hat! Ein grauhaariger Herr mit cremefarbenem Wollpullover und schwarzer Hose hat sich in dessen sichtbarer Nähe niedergelassen und liest nun ebenfalls eine Zeitung nach der anderen weg. Den Rückstand, ja den hat er bereits problemlos aufgeholt, erstaunlicherweise jedoch, ohne so zu wirken, als hätte er es eilig oder als würde er die Nachrichten in den Blättern nur überfliegen. „Der Blätterer“ scheint dies bereits bemerkt zu haben, denn sein Umblätterstil, der ist etwas lauter, aggressiver geworden. Etwas, das dem „Cremepullover-Blätterer“, anscheinend sehr gut gefällt. Es herrscht also mindestens kalter Krieg zwischen den beiden Zeitungslesern, die beide keine Gefangenen machen.

„Der Turmbauer“ hat einen zweiten Turm begonnen… Und die Kellner, ja sie starren mit Angst, wie auch mit einer gewissen Gier auf jene zerbrechlichen Bauwerke, denn sie wissen ja: Je höher und je gefährlicher, desto mehr Trinkgeld.

Und „Stangerl-Rita“ derweil, hat sich von zwei Freundinnen, welche nun dazugekommen sind, Verstärkung geholt… Die Rauchglocke beträgt nun, aus der Sicht eines Grafikers, per Deckungswerten in Photoshop berechnet, so etwas nur noch 12% Transparenz.

Cayman währenddessen hat sich aufrecht gesetzt, sein Glas Wasser ausgetrunken und zählt nun mit den Fingern von Fünf auf Null herunter, dann schaltet der Kameramann sein Arbeitsgerät ein und gibt das Zeichen, dass Cayman loslegen kann…


Auf eine beinahe schon heroische Art holt Cayman tief Luft, um seine Abmoderation zu tätigen…




Und sagt:






„Tschüss!“










Denken Sie darüber mal eine Weile nach.








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Samstag, 22. Januar 2022

 

 

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Cayman liest > Sibylle Berg >“GRM - Brainfuck” >Ein sehr brutaler, verstörender, überfordernder, aber auch guter Roman

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Erster Akt in der Zukunft


In jener Zukunft, in der wir uns hier gerade jetzt befinden, da bleiben keine Wünsche offen: Leise Elektroautos summen autonom gesteuert durch die supersauberen, randbegrünten Straßen, schick gekleidete Menschen laufen gesittet und respektvoll voreinander über Gehwege, Gebäude und Häuser sind entweder komplettverglast oder aber verchromt (Denn in der Zukunft ist zwar nicht alles, aber doch einiges verchromt), große Werbetafeln bieten den Bewohner:;_Innen:Persons innovative Produkte an, welche exakt auf jeden einzelnen Kund;:_Innen:Person zugeschnitten werden vor der Bestellung und alles was an Energie benötigt wird, ist selbstverständlich irgendwie „GRÜN“ und „NACHHALTIG“…

Die Menschen, ja sie alle haben gesetzlich vorgeschrieben, standartisierte Gedanken-, Gesundheitswert-, Zufriedenheits- UND Intelligenzerweiter- UND Überwachsungschips in Gehirn und Restkörper. Alles freiwillig und mit großer Begeisterung, denn seit dem diese „Technologie“ eingeführt wurde, haben sich Kriminalität, Todesfälle, Unfälle und Krankheitsfälle um 99% reduziert. Und übrigens: In den mittlerweile abgeschafften „Sozialen Medien“ werden keine Hasspostings mehr verbreitet, wie denn auch? Bestaunen kann man diese jedoch in speziellen Museen, nachdem man dort per Gedankenchip der „Sensibility-Contraction“ zugestimmt hat, weil die dort erhaltenen Postings von ungefickten Incels, gestörten Impfgegnern, wutentbrannten Nazis, WELT- und BILD-Redakteuren, radikalen Klimaschützern und Leugnern, Trumpanhängern und und und ausgesprochen verstörend sein können…

Gestritten wird nicht mehr, sollten Unstimmigkeiten auftreten, so gibt es selbstverständlich für alles die passende KI, welche durch ihre unvorstellbar-hohe Rechenleistung und versorgt durch grüne Solarenergie, immer die perfekte Lösung für alle und alles erarbeitet. Die „Politik“ an sich existiert schon lange nicht mehr, „Politiker“ werden als Avatare und Wachsfiguren in speziellen Museen und Ausstellungen oder im allgegenwärtigen SUPERVERSE für die Nachwelt konserviert, mehr als Mahnung, als als Ausstellungsobjekte…

Sprich, in dieser Zukunft, da ist alles perfekt! Kriege, Krankheiten, Armut, Neid, Hasskommentare, Verbrechen, Drogen oder allgemein Dinge die irgendwie „schlecht“ sind, gibt es nicht mehr, weil spezialisierte KI`s einfach ALLES nicht nur anpassen, sondern auch immer und vollkommen fehlerfrei kontrollieren, immer weiter verbessern und individuell zuschneiden…

In einem der vielen vollverchromten Hochhäuser, in einem jener „Zeitreiselabore“, da wartet derweil ein perfekt gekleideter, glücklich dreinschauender, glatzköpfiger Mann darauf, dass Cayman und der Kameramann in ihrer Zeitreisekapsel erscheinen… Die KI hat auch hier wie immer perfekte Arbeit geleistet und so erscheint, unter dichtem Nebel und grellem Licht die besagte Zeitreiskapsel auf die Millisekunde genau, an der exakt vorberechneten Stelle…

Als der Nebel sich schnell wieder gelegt hat und unsere beiden Reisenden aussteigen, die geschmackvoll-minimalistische Innenarchitektur des großen Raumes, sowie das schicke Outfit des Mannes bewundern, hebt dieser die Hand genderneutral zum Gruße und sagt: „Willkommen in der Zukunft, meine lieben Reise;:_Innen:Persons! Ich bin euer persönlicher Informations;:_Person! Egal was ihr wissen wollt, die Antwort;:_En sind bereits vorgefertigt und präsentationsbereit“…

Während Cayman sich noch am Kopf kratzt darüber, wie perfekt hier alles ist, fragt der Kameramann: „Also echt jetzt? Kein Scheiß? Keine Kriege, kein Socialmedia, kein Trump, kein Putin, kein Wendler, keine Achse des Guten, COMPACT, keine AfD oder oder oder? Menschen werden hier über zweihundert Jahre alt und alle leben genau das Leben, welches perfekt zu ihnen passt?!“…

Der Mann antwortet zufrieden: „Ja, in der Tat, das ist so! Also sagt mir, meine Freund;:_Inn_Persons, was ist euer Begehren? Weshalb seid ihr hier?“…

Auf die Frage, werden Cayman und der Kameramann sehr ernst und Cayman fragt, in staatsmännischem Tonfall: „Wir sind auf diese weite und kostspielige Reise aufgebrochen, weil wir in unserer chaotischen, unbarmherzigen Zeit eine der wohl allergrößten Krisen zu lösen versuchen! Und wir erhoffen uns hier, in dieser perfekten Zukunft, weit weit weg von unserer Gegenwart Hilfe! Mann aus der Zukunft!“…

Der Glatzkopf nickt und fragt: „Und wie lautet die große Frage, deren Antwort über das Wohlergehen von euch Vergangenheitsbewohn;:_Inn:Persons maßgeblich beiträgt?“…


Daraufhin antwortet der Kameramann entschlossen: „Wir hoffen, dass es hier, in dieser Zeit nun ENDLICH XBOX- und PLAYSTATIONS legal und ohne Skalpersales zu kaufen gibt“…


Der Glatzkopf holt Luft, lächelt väterlich und sagt: „Also nun, das tut mir leid, aber Videospiele wurden schon vor langer Zeit verboten, Spielekonsolen ebenfalls, weil diese die Menschen nachgewiesenermaßen davon abgehalten haben, dreiundzwanzig Stunden am Tag produktiv und arbeitsam zu sein. Und außerdem… Nach dem großen, weltumfassenden „BATTLEFIELD 12“-Skandal mit Bürgerkriegen und tausenden Toten und dem darauf resultierenden Niedergang der Videospielindustrie, wollte ohnehin kaum noch jemand sich mit diesem primitiven und gewalttätigen Medium beschäftigen. Die Fragmente dessen, sie sind heute im „International Triggermuseum“ in Neo York und in New Tokyo zu bestaunen. Vorausgesetzt natürlich, Ihre Triggerresistenz ist als hoch genug eingestuft“.


Kurz halten Cayman und der Kameramann inne…


Dann legt Cayman sich wortlos auf den Fußboden, geht in die fötale Körperstellung und beginnt „DIE ZUUUUKUUUUNNNFT!!!“ zu rufen, immer und immer wieder…

Und während Cayman auf dem Boden liegt und weiterhin „DIE ZUUUUKUUUUNNNFT!!!“ ruft, kratzt sich der Kameramann am Kopf und fragt den Glatzkopf: „Aber Kaffee habt ihr noch?“.

Der Glatzkopf nickt und lächelt: „Mehr als dreihundert schadstofffreie Sorten!“…

Daraufhin freut sich der Kameramann und sagt: „Na das ist doch super! Dann gönnen wir uns doch einen!“…

Als der Glatzkopf auf Cayman zeigt, winkt der Kameramann locker ab: „Aaach was! Keine Sorge… Der beruhigt sich auch wieder. Iss ja nicht die erste, alternative Zukunft, die wir heute schon besucht haben“…


Dann schlendern die beiden aus dem Raum, derweil Cayman seinem seelischen Leid frönt…

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Cayman liest


Dieses Mal:

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Sibylle Berg


„GRM Brainfuck“



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Frau Berg will unser Gehirn zerstören“



















DAS Sibylle Berg

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DEUTSCHLANDFUNK KULTUR fasst das Phänomen, wenn man es so nennen will, SIBYLLE BERG so zusammen:


ZITAT DLF-KULTUR:

„Sibylle Berg ist Schriftstellerin und Kunstfigur in einem. Sie schreibt Romane, hält aber keine der üblichen Lesungen ab, sondern verwandelt ihre Romanstoffe in Bühnenshows. Sie ist in den sozialen Medien präsent, als Persönlichkeit jedoch schwer zu fassen. Für ihre Fangemeinde ist Sibylle Berg ganz einfach Kult. Eine Autorin mit Popstarqualität und der Aura eines düsteren Orakels. Ihre Romane bilden die Welt in einem kaum zu vertiefenden Schwarz ab, sie bohren mit unerbittlicher Radikalität in den Wunden des Spätkapitalismus.“

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/sibylle-berg-grm-brainfuck-eine-generalabrechnung-mit-der-100.html


Ja, SO KANN man das was diese Dame macht und ist oder auch nur vorgibt zu sein, eingrenzen. Jedoch sollte man zur Vollständigkeit halber ebenfalls wissen, ist Frau Berg auch eine richtig harte Feministin und Gendefanatiker*in…

Oh Moment! So altbacken und rückständig, also mit „*“-Stern gendert DAS Genderfan mittlerweile ja schon gar nicht mehr, weil selbst DAS zu patriarchalisch ist.


Denn EIN Frau… Ne, darf man ja auch nicht mehr… Einen Moment bitte… Nochmal…


DENN EIN PERSON BERG SCHREIBT ES TEXTE, KOLUMNEN UND ARTIKEL JETZT SO:

ZITATE SPIEGEL.DE:

-„Was wäre, wenn jedes einfach die anderen in Ruhe ließe? Dann könnten wir endlich alle glücklich sein. Ach, es wäre ein schönes Jahr 2022.“


-“Das klingt nach einem sehr kleinen, bescheidenden Wunsch, aber die Auswirkungen wären überwältigend. Jedes könnte glauben, was es will. Den Vorgarten gestalten, wie es will. Es müsste andere nicht belehren. Korrigieren, herumschreien. Mit den Armen fuchteln. Welche Ruhe in den Medien, wenn sich MitarbeiterInnen an die guten alten Werte wie Recherche zurückbesönnen und nicht mehr Agenturmeldungen mit klickbettelnden Headlines versehen, die sehr oft werten und verurteilen…“


-“Kaum eines hatte die Idee, dass ein weiblich gelesener Mensch erstens weder begattet werden will noch zweitens einen Einfluss auf seine Lebenszeit hat.“


Also tja… Keine Ahnung, ob DAS BERG einfach zu oft den Flachmann*Frau herausholt, tatsächlich inzwischen so dermaßen ideologisch verblendet ist, dass ES DIE eigenen Texte als SCHRIFTSTELLENDES so dermaßen verhunzt, weil ES ernsthaft denkt, dass sich dadurch irgendwas für Frauen und Queere, welche es ja laut dieser Schreibweise auch nicht mehr geben dürfte ändert, weil diese Art des Schreibens homosapische Lebewesen ja zu leblosen Gegenständen, vollkommen seelenlosen, identitätslosen Erscheinungen umfunktioniert… Aber wenn du als Schriftstellendes egal welchen Geschlechtes oder auch nicht, deine eigene Arbeit auf diese Art und Weise selber zerlegst, dann machst du IN MEINEN AUGEN etwas falsch. Sprache braucht auch Schönheit, Sprache braucht ein Stück weit auch, leider aber wahr, eine gewisse „Befangenheit“, auf der, mit der man überhaupt arbeiten kann. Und wenn man aber nun mit diesem komplett geschlechtslosen „ES, ETWAS, DAS“-Gendern der Sprache ALLES nimmst, was irgendwie ansatzweise noch „schön“ oder überhaupt noch lesbar ist, dann macht man aber definitiv etwas falsch. Zumindest spätestens dann, wenn diene Lesendes Probleme haben, überhaupt noch zu verstehen, WORÜBER du da schreibst und wen oder was du meinst, solltest du dich eventuell der traurigen Wahrheit stellen, dass du es vollkommen übertrieben hast und in einer Sackgasse gelandet bist… In diesem Fall mit deinem Wunsch, deine Texte zu 2500% vollkommen genderfrei zu halten.

Aber vielleicht ist die Dame auch einfach nur, was ihre Kolumnen auf Spiegel.de angeht, stinkend faul. Denn „antipatriarchalische“ Texte kann man ja auch wunderbar auf diverse Weisen verfassen, ohne die Grammatik und Verständlichkeit an die Wand zu fahren. Man muss aber dann über jeden der eigenen Sätze fünfmal nachdenken und das macht Arbeit und das sind die Einwegkolumnen auf Spiegel dann vielleicht auch einfach nicht wert. Wer weiß das schon so genau?


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Denn immerhin dachte ich im ersten Moment, sie schreibt in diesem hier verlinkten Text sehr ungekonnt über kleine Kinder oder Aliens – Tatsächlich aber über Erwachsene, über uns alle. Aber da dies so kaputtgegendert wurde, geht die bloße Verständlichkeit vollkommen flöten.

 

ZITAT SPIEGEL.DE:

-„Was wäre, wenn jedes einfach die anderen in Ruhe ließe? Dann könnten wir endlich alle glücklich sein. Ach, es wäre ein schönes Jahr 2022.“.

Androgyne Schreibweise hin oder her, wenn bestimmte Chraktere in Romanen aus bestimmten Gründen so reden, weil es thematisch oder einfach in den Kontext passt, dann akzeptiere auch ICH es, aber nicht in normalen, journalistischen und/oder Texten, in denen man Menschen etwas eindeutig und möglichst klar verständlich mitteilen will.

Aber gut, das ist halt DAS SIBYLLE BERG – Wie es mal jemand, wohl als halbe Beleidigung gemeint, ausdrückte: „Sibylle Berg ist der Michel Houllebecq unter den linken Autoren!“.

Stimme ich sogar zu, auch wenn ich den guten Michel im Gegensatz zu Frau Berg überhaupt nicht leiden kann… Rein ideologisch jedoch, was die eigene Vermarktung betrifft, das provozieren bestimmter Zielgruppen in der Öffentlichkeit und leider auch ein bisschen in der politischen Dickköpfigkeit, sind sich die beiden auf eine ganz bestimmte Art, recht ähnlich. Obwohl… Frau Berg würde sicher niemals auf die Idee kommen, aus einem Museum die Jacke einer berühmten Persönlichkeit zu klauen, wie es der verärgerte Franzose schon 2019 getan haben soll…

Neinnein, Frau Berg ist dann doch um einiges “zivilisierter” und auch menschenfreundlicher… Viel menschenfreundlicher.

Rein ideologisch jedoch… Hmm…

So verwundert es natürlich, wenn man dem zustimmt, auch nicht, dass in den neuen Büchern von Frau Berg selbstverständlich gegendert wird. Immerhin, also zumindest in „GRM“ nur die gut und flüssig lesbare „Binnen-I-Variante“, die man beim intensiven Lesen in der Tat kaum mitbekommt - Also von mir aus, dann gender halt als AUTORPERSON*, solange MICH als ENDVERBRAUCHENDES* dies nicht im Lesefluss stört. Dass Frau Berg überhaupt Binnen-I-gendert, ist mir auch erst irgendwo bei Seite 250 dieses Buches das erste mal aufgefallen, also wurde es handwerklich bestens verbaut, und gibt MIR keinen Grund, dem Buch deshalb gestalterisch Punktabzüge zu geben. Zumal DAS SIBYLLE BERG ja eine ohnehin sehr politische Autorin ist, es zudem an sich sehr gut ins Setting der Story passt UND man von jemandem wie ihr dies sogar regelrecht erwartet. Politisch motivierte Literatur kann meinetwegen gendern, so wie viel lustig ist, das ist nicht das grundsätzliche Problem.

Zum Problem wird es dann, wenn reine Unterhaltungsliteratur zum Politikum wird, weil sich die jeweiligen Autoren entweder gezwungen fühlen, das jetzt machen zu MÜSSEN… Entweder weil der Verlag dies unbedingt so will oder aber, weil die schreibenden Autoren sich unbedingt zur Erhörung der Verkaufszahlen ans Gendern dranhängen, weil man heutzutage ja jedem Trend hinterherrennen muss (Ohne selber wirklich daran zu glauben) und nicht zu vergessen, jene Autorenschaft, die reine Unterhaltung schreibt, die aus irgendeiner fehlgeleiteten Überzeugung gendern, obwohl es gar nicht in ihre Werke passt und dort auch gar nichts zu suchen haben sollte. UND diese sollte man auch nicht vergessen: Autoren, die schlicht Angst davor haben, wenn sie nicht gendern, dass sie dann von den richtig harten Fans dessen mit Shitstorms überzogen werden oder als „Rechts“ gelten oder oder oder… Die Probleme in der Literaturbranche sind dort sehr vielfältig und zahlenmäßig aktuell sehr groß vorhanden. Wer jedoch glaubt, dass dort nun also eine, wie manche Rechte behaupten „DIKTATUR DER GENDERFANS“ herrscht, irrt jedoch ebenfalls. Denn auch in der Literaturbranche tobt, wie auf Asocial Media oder in den Kommentarspalten von Spiegel und Co ein bisweilen hartnäckiger Grabenkampf. Derweil nicht selten ausgerechnet jene in die Schussbahnen beider Seiten geraden, die zwar selber gendern, aber jedoch auch der Meinung sind, dass alle anderen um sie herum doch einfach machen können, was sie wollen, weil Vielfältigkeit ist doch super!


-NEIN!!!11 schimpft die eine Seite: „IHR TYPEN SEID DOCH ALLES LINKSVERSIFFTE LANDESVERRÄTER!!!“.


-Nein1!!!! pöbelt die andere Seite: „WIR GENDERVORREITER_*INNEN MÜSSEN DIE WELT ÜBERZEUGEN! DIE LEUTE BEKEHREN UND DEN DUMMEN PÖBEL DURCH KONSEQUENTES ANWENDEN AN DEN RAND DRÄNGEN! ABER DANN GEFÄLLIGST MIT DEM UNTERSTRICH!!!“.


- Nein!!!!!!!!!!!!!!!! schreien die anderen: „Ihr Typen die sagen jeder könne alles machen dürfen, seid erstens Scharlatane und zweitens Schuld, dass unsere schöne Sprache zerstört wird!“.


Da ist EIN SIBYLLE BERG, mit ES Buch, welches „nur“ Binnen-I- gendert und dies sehr gut verbaut, ja schon regelrecht „Kleinbürgerlich“.


Oder um dieses Problem vereinfacht zusammenzufassen:

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Quelle: Perlentaucher.de

Aber dass ES BERG gendert, ist in diesem Buch aber auch gar nicht das große Problem, es ist an sich überhaupt kein Problem… Neinnein! Das, was diesem Buch sehr große Probleme bereitet, wie ich finde, ist eine ganz andere Sache.


Machen wir mal lieber weiter mit dem Roman.

 

 

 

 

 

 

 

 

Willkommen am Rande der Gesellschaft

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Don, Karen, Hannah und Peter leben am Anfang des Buches noch in, na sagen wir mal… „So halbwegs intakten Familien“. Immerhin, sie haben Eltern, sie haben teilweise auch Geschwister, sie haben ein Dach über dem Kopf. Die Eltern sind entweder berufstätig, so halbwegs oder es kommt Geld vom Staat rein und irgendwie kommt man dann schon um die Runden.

Anfangs, da „existieren“ sie alle in Rochedale, einem Loch irgendwo in England, in dem es außer Armut, Gewalt, Vandalismus, Drogen und GRIME, der namensgebenden Musikrichtung (Des Buches) nichts gibt. Man wartet auf gar nichts mehr, man hat auch nie auf etwas gewartet, weil alle, die dort leben, existieren, herumkrebsen, kiffen, fixen, saufen, rauchen, sich prügeln, klauen, herumlungern, langsam verschimmeln, ganz genau wissen, dass sich niemand für sie interessiert, sie nur stören und die Politik sie am liebsten Vorgestern, als heute einfach im Hochofen verbrennen würde. Dann könnte man dieses ganze arme Gesindel zumindest einmal in dessen lotteriger Existenzzeit zu etwas Produktiven gebrauchen. Aber so einfach ist das natürlich nicht und so wachsen also auch Don, Peter, Kran und Hannah zwischen, Sperrmüll, Gewalt, GRIME, Elend und Hoffnungslosigkeit dass jemand irgendwas besser werden KÖNNTE, auf.

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Grime: Regelmäßig tauchen neue “Stars” auf, verglühen wieder, kommen manchmal zurück, nur wenige bleiben, der Rest geht unter.


Die Vier, zu Beginn noch nicht, aber später Freunde… Sie haben allesamt etwas „freakiges“ an sich, das sie im Grunde noch weiter an den Rande der Gesellschaft buxiert. Peter ist Autist, Don irgendwie ein Mädchen, aber irgendwie auch nicht, sondern eher Trans, Hannah hat überliebevolle Eltern, was ihr ein überbordendes Ego beschert hat und Karen ist extrem intelligent, aber deshalb auch sehr neben der Spur, weil ihr Gehirn 24/7 wie ein überdrehter Quantencomputer arbeitet.

Derweil macht der neoliberalistische, rechtspopulistische Endzeitkapitalismus keine Pause: Menschen werden ausgebeutet, bezahlbarer Wohnraum wird von Investoren gefressen oder durch Prestige-Bauprojekte diverser Politiker, Investoren, Geschäftsleute, wasauchimmer entfernt, weil Teslafahrer und Penthousebesitzer einfach die bessere Wählerschicht sind. Die Armen, die Ausgestoßenen, sie sind wütend, sie sind immer wütend, sie geben aber, weil es eben ja sonst nichts bringt, denen die Schuld, welche noch weiter unter ihnen stehen: Ausländer, noch ärmere Menschen, Behinderte, Politiker und Parteien, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen, meistens die Linken oder einfach der Gesellschaft. Dann wählen diese hasserfüllten, ausgestoßenen, outgesourceten Wegwerfmenschen nicht selten die Rechten, weil diese ebenfalls alles hassen (oder es immerhin vorgeben,) was auch ihre Wählerklientel hasst. Weil die Rechten immerhin noch mit der Unterschicht reden und deren Wünsche kennen oder es immerhin halbwegs glaubhaft vorgeben können und arme Menschen ja meistens eh nicht sonderlich gut, na nennen wir es mal… „Informiert“ sind, lieber in ihren Informationsblasen leben und ohnehin nur glauben, was sie glauben wollen. Und wenn dann die Rechten, die Rechtspopulisten davon sprechen, dass das Land wieder mehr „National“ werden muss, „Ausländer die Arbeitsplätze klauen“ weg müssen, damit das eigene „Volk“ das Land wieder zu „Alter Stärke“ führt, ja dann hauen die meisten Einwegmenschen in ihren Elendsvierteln auf den Tisch, brüllen „Genau!!!“, wählen die Rechten, werden von ihnen belogen und betrogen, wie von allen anderen Parteien, aber geben die Schuld daran, auch weiterhin lieber anderen… Also Ausländern, noch Ärmeren, Behinderten, Frauen, Linken, allem halt, welches von den Rechten zum Feindbild taugt.

- Sie wissen schon, dieser endlose Kreislauf, das Übliche eben.


Dies ist die Welt, in der die Vier Freunde aufwachsen, bis auch in das Leben von jedem von ihnen selber, die „Kapitalistische Endzeitgewalt“ zuschlägt. Die Mutter des einen wird erschossen, der Vater wird depressiv, landet in einem Selbstmordforum und nimmt sich das Leben. Die Mutter des anderen hat keinen Bock mehr auf ihre Brut, heiratet einen reichen Russen und lässt ihr Kind einfach sitzen. Die Familie eines anderen stirbt nach und nach aus, mal durch religiösen Fanatismus, mal durch Krankheit oder durch Feuer. Derweil eine andere der Heldenfiguren seine Familie aufgrund exzessiver Gewalt- und Sauforgien freiwillig zurücklässt.

Letzten Endes, da sitzen die Vier, jeder aus anderen Gründen, mittellos auf der Straße.

Und weil das Leben, die Welt, die Menschen, einfach alles nichts als Gewalt, Sexsucht, Gnadenlosigkeit und Verachtung übrig hat, für sich, für andere und überhaupt, erleben Don, Hannah, Peter, Karen, jeder für sich, seine ganz eigene Hölle, aus Gewalt, sexueller Ausbeutung, Vergewaltigung, Drogen, Entführung und seelischem Missbrauch. Also nein, dieses Buch, dieser Roman ist in der Tat NICHTS FÜR SCHWACHE NERVEN UND IMMER WIEDER, SEHR OFT SOGAR, NUR SEHR SCHWER ERTRÄGLICH.

Aber damit bei all dem „Sozialhorror“ keine Eintönigkeit aufkommt, bevölkern noch sehr viele weitere Nebenfiguren diesen Roman, welche alle nicht nur pflichtgemäß mit einem kurzen „Bewertungsbogen“ vorgestellt werden, sondern auch gleich noch auf ihre kapitalistische Nutzbarkeit ausgeleuchtet werden:


Peters Mutter

Intelligenz: Geht so

Sexualität: Asexuell

Hobbys: Danielle-Steel-Hörbücher

Verwertbarkeit für die Märkte: Unterdurchschnittlich

Fitnesslevel: Schlecht, verkapselte TBC



Der Russe

Intelligenz: Ausgezeichnet

Aggressionspotential: Hoch

Ethnie: Weiß

Kreditwürdigkeit: Geht so

Nettovermögen: Nur noch 8 Mio.



Der Bodycam-Mann

Ethnie: Weiß

Politische Orientierung: Querulant

Sexuelle Orientierung: Asexuell

Freunde: Na ja



Roger

Gesundheitszustand: Bluthochdruck, Wasserphobie

Konsumverhalten: Nicht relevant

Sexualität: Keine

Politische Beeinflussbarkeit: Sehr empfänglich



oder auch



Jon

Charakter: Extrovertiert, leicht zu beeinflussen

Hobbys: Weint oft, um sich dabei zu beobachten

Krankheitsbild: Übersteigerter Narzissmus

Kaufinteressen: Weißbrot


Auch sie bekommen ihre berühmten Fünf Minuten, bevor sie meistens ebenfalls ein mal mehr, mal weniger grausiges Schicksal ereilt, weil die Welt sie nicht mehr braucht, weil sie selber nichts besser sind, als all die anderen Arschlöcher da draußen, weil der Kapitalismus sie nicht braucht, weil niemand sie braucht oder jemals nach ihnen gefragt hat und es auch niemals tun wird.

Manche von ihnen kommen ums Leben, manche verelenden einfach, ein paar werden aber auch ermordet, denn Karen, Peter, Don und Hannah haben mit ein paar von ihnen noch persönliche Rechnungen zu begleichen und finden mit der Zeit, spätestens, als sie in London stranden und auf andere Straßenkinder treffen, Verbündete. Derweil uns Sibylle Berg mit keinem noch so widerlichen, schlimmen, verstörenden Detail verschont und uns nebenbei regelrecht mit Fachwissen unter anderem über: Rechtspopulismus, künstliche KI`s, den Spätkapitalismus, diverse verrückte und kaputte Trends im und aus dem Internet, Robotik, der Finanzwelt und und und und zu Tode bombt. Jede Buchseite ist eine Panzerfaust der demotivierenden, sozialhorroristischen, menschenverachtenden und seelisch auf Dauer vollkommen überfordernden Unterhaltungskunst. Wer mehr als dreißig Seiten am Stück aushält, ohne vorher entweder vollkommen depressiv geworden zu sein, oder aufgrund des ununterbrochenen Inputs an Informationen geistig zusammenzubrechen, kann sich stolz auf die Schulter Klopfen.

Da alles sind jene Punkte, welche dieses Buch, diesen Roman so großartig machen und eben auch dazu führen, dass man gar nicht mitbekommt, dass Binnen-I gegendert wird. Weil das schiere Tempo und die Masse an Input, welcher einem um die Augen gehauen wird, einfach viel zu hoch ist, um noch auf irgendwelche Details zu achten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die “wunderschöne”, nationalistische, kapitalistische, ausländerfreie, rundumkontrollierte Gesellschaft von morgen

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Derweil Karen, Don, Peter und Hannah und die anderen Straßenkinder sich ihr kleines Refugium errichtet haben, verändert sich die Welt immer weiter, immer schneller, immer mehr und so gut wie gar nicht ins Positive. Es wird den Leuten als „Positiv“ und gut verkauft, aber ach! Der dumpfen Masse da draußen kann man EINFACH ALLES andrehen, was man will, man muss es nur gut vermarkten. Sogar die Todesstrafe KÖNNTE man wieder einführen, würde nur die Marketingkampange stimmen und die entsprechenden Politiker die passenden Worte wählen. Die Leute sind strohdumm, der Großteil zumindest. Versprich ihnen, dass sie, von was auch immer man einführen und verfestigen will, eigene Vorteile haben und sie rennen dir wie die ausgehungerten Tauben hinterher. Manipulation war noch nie so einfach, wie in den Zeiten der sogenannten „Sozialen Medien“, denn einfältige Vollidioten, die man hinsteuern kann wo auch immer man will, waren noch nie so einfach zu steuern.

Und der ganze Rest der Bevölkerung war noch nie so gleichgültig und mit dem abarbeiten von Überstunden, Onlineshopping, Seriengucken und dem Festhängen in der eigenen Interessenbubble beschäftigt wie heute.

Der Brexit, das Paradebeispiel von Manipulation und Lügen, von Hass und Hetze, von Machtspielen selbstverliebter, nationalistischen Elitearschlöchern, dummen, einfältigen Menschen auf der einen und vollkommen gleichgültigen Leuten (Die JETZT bereuen damals nicht zur Wahl gegangen zu sein, um DAGEGEN zu stimmen, weil sie damals dachten „Wen interessiert das schon?“) auf der anderen Seite… Spiegelt dies perfekt wider.


Im England von „GRM“ ist der Brexit aber schon bald nur noch eine bloße Erinnerung an etwas, das man hätte einfach nur viel besser vermarkten müssen. Denn die nationalistischen Eliten, allen voran Thome und sein Vater, ein altgedienter, weltverblendeter Rechtspopulist, wollen IHR GROßBRITANIEN wieder zurückholen auf die große Bühne, es wieder „GREAT AGAIN MACHEN“. Also Thomes Vater will das. Thome selber will lieber reicher, verwöhnter, beschränkter Sohn sein, der seiner heimlichen, aber unterdrückten Homosexualität, sowie diversen, nicht legalen, diabolisch-grausamen Spielchen über das Internet und in der echten Welt frönt.

Das Volk ist stumpf, das Volk ist dumm, das Volk kauft gerne nutzlosen Schrott, der aber ausgezeichnet vermarktet wurde, die Armen sind zwar ekelhaft, aber für Hasskampangen mehr als gut zu Gebrauchen, als Abschreckung sowieso und als Feindbilder dito, die fortschreitende Digitalisierung macht alles nur noch einfacher und Globalisierung, obwohl alles mit allem vernetzt ist, gehört abgeschafft (Naja zumindest auf dem Papier). Irgendwie passt das alles zwar nicht zusammen, aber who cares?! Rechtspopulismus kümmert sich nicht um Widersprüche oder Menschenrechte, oder soziale Verantwortung oder Umweltschutz oder das Klima oder Frauen oder Menschen (Frauen und Menschen werden bei vielen Rechten UND Linken ja ohnehin unterschieden) oder oder oder.

So plant Thomes Vater also seinen großen Coup, zusammen mit anderen, gesichtslosen, rechten Gestalten, deren Lebenstraum es ist, das „gute, alte Kolonial-England“ wieder zu errichten, weil „damals“ noch alles gut war, auch wenn keiner dieser Gestalten so genau sagen kann, warum eigentlich. Vermutlich einfach, weil es noch keine Ausländer im Land gab (Das ist zwar nicht wahr, aber wen kümmert das?) (Ja, eben… Niemanden!).

Grundpfeiler dieses Planes ist es, ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ einzuführen, natürlich nur für alle, die sich einen Chip, welcher sie runumüberwacht einpflanzen lassen. Danach aber… PROMISSING! Braucht ihr euch um nichts mehr Sorgen zu machen! Also außer um die eigenen Sozialpunkte! Deren Gewinn und Abzug durch bestimmte Verhaltensweisen natürlich von „Denen da Oben“ vorgegeben werden.

Und Typen wie „MI5-Piet“, sitzen an ihren Rechnern, an ihren Bildschirmwänden und lachen sich tot. Wie auch über die sehr kläglichen Versuche von „Den Hackern“, Freunden von Don, Peter, Hannah und Karen, welche glauben, sie könnten mit ihrem sehr begrenzten Wissen und Können etwas bewirken, das Internet lahmlegen, für Chaos sorgen… DIE LEUTE AUFWECKEN! - „MI5-Piet“, Mitarbeiter im Geheimdienst, kann darüber nur beherzt prusten und ihnen irgendwann einen deftigen Denkzettel verpassen.


Don, Karen, Peter und Hannah derweil, sie streifen durch das sich immer mehr in eine „Wohlfühldiktatur“ für alle, die sich perfekt angepasst haben und keine Fragen stellen verändernde-London, werden älter, verändern sich selber, (vor allem Don) und können über all den Wahnsinn um sich herum nur staunen.

Wie auch ich als Leser, weil ich bis heute nicht verstanden habe, wie mein Gehirn diese UNMENGEN an Informationen, Fachbegriffen, Fachwissen, Sozialhorror, Nebenfiguren, grausamen Humor und noch ganz anderen Kram, für den es vermutlich nicht einmal Namen gibt… Also ALL DAS ÜBERHAUPT VERARBEITEN KONNTE.

Dieses Buch zu lesen, fühlt sich an, wie einen Marathon durch alle SAW-Filme zu laufen und dabei jedes der Folterinstrumente selber einmal durchzuprobieren, derweil einem der Sawmörder höchstpersönlich alle jemals gedruckten Ausgaben des Brockhaus in aller Seelenruhe vorliest.

Dieses Buch will dich nicht unterhalten – Es will dich zerstören – Es will dein fucking Gehirn einschmelzen



Aber genau da liegt dann auch die größte, gestalterische Schwäche dieses Romans…








FAZIT

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Ein MEISTERWERK – Aber auch WAY TOO MUCH

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ZITAT DLF-KULTUR:

„Mehr als 600 Seiten umfasst ihr neuer Roman mit dem Titel „GRM – Brainfuck“, abgeleitet von Grime, dem rohen Musikstil in der Nachfolge des Punk. Es sind 600 Seiten einer Litanei, die einer Generalabrechnung mit der Gegenwart gleichkommt. Der Roman spielt in England, zunächst im wirtschaftlich abgedrifteten Rochdale, dann in London. Er umfasst rund zwei Jahrzehnte und führt über das Jahr 2019 hinaus, in eine Zeit, als „der Brexit nur noch Erinnerung war“. „


ZITAT DLF-KULTUR:

„Die apokalyptische Wucht, die dem Roman innewohnt, hält sich die Waage mit seiner emphatischen Barmherzigkeit. „GRM“ ist Attacke und Fürbitte in einem, so monströs wie zärtlich. Ein verschreckender Findling der Gegenwartsliteratur, an dem man nicht vorbeikommt. Und ein Roman, den man nicht ohne Erschütterung aus der Hand legt.“


Nun ist dieses „große Problem“ an diesem MONSTERROMAN, dass Frau Berg sich offensichtlich von vornherein vorgenommen hatte, ihre Leserschaft geistig, seelisch, emotional, wie auch in Sachen „Informationsverarbeitung“ so dermaßen zu überfordern, dass am Ende nur noch die Allerstärksten diese natürliche Selektion halbwegs heile überstanden haben werden. Denn neben den vier Hauptfiguren, den Hauptschurken, den Semi-Hauptfiguren, den Nebenfiguren, all den Schauplätzen, Informatikfachwissen, mal erfunden, mal real, sehr viel Science-Fiction die aber kaum noch von der Realität unterscheidbar ist, Popkultur, Pornografie-“Fachwissen“ und noch seeehhr viel mehr, lässt Sibylle Berg niemals Luft zum atmen, um mal zu verschnaufen. Wer dieses Buch liest, wird sich sehr schnell wie Charly Chaplin am Fließband fühlen, wird nicht mehr, kaum noch, gar nicht mehr hinterherkommen mit allendem, was die Autorin einem da um die Ohren haut, ohne Pause, ohne Unterlass, ohne Gnade, weil Gnade ist nur ein Wort, eine Metapher, im Endzeitkapitalismus ohnehin ein Straftatbestand, welchen keiner mehr, außer diesen paar noch vorhandenen Gutmenschen und LinksträumerInnen und ein paar Spinnern, auf die aber ja sowieso niemand mehr hört, jemals gehört hat.

Äh… Häh? Was? Wo? Wer? Weshalb? Um was ging es in dem Buch gleich nochmal? Und wer hat meine Stereoanlage geklaut?! Und wo ist meine Hose?! Und wer hat meinen Kühlschrank geplündert?


WAS IST HIER, WÄHREND ICH GELESEN HABE GOTTVERFICKTNOCHMAL PASSIERT?!


Sibylle Berg und ihr Buch wollen dich nicht überfordern, sie wollen dich zerstören, sie wollen dich am Boden liegen sehen, wie dein Gehirn als blutige, schwarze, verkohlte Masse aus allen Gesichtsöffnungen läuft. Und falls doch noch ein gewisser Prozentgrad an Wahrscheinlichkeit besteht, dass man diese schieren Unmengen an vollkommen schnodderig und gleichgültig aufgetischten Informationen, Story, Figuren, Sozialhorror und und und überleben KÖNNTE, ja dann legt sie einfach noch ein paar Tonnen an Kram mehr drauf!

Was dann auch irgendwo der Grund war, weshalb ICH das Buch, als ich es halb fertig gelesen hatte, beiseite gelegt und erst ein halbes Jahr später wieder angefasst habe, weil es einfach „Gereicht hat“.

Da in diesem Buch Überforderung das Programm, das Ziel ist und man gar nicht zum Luftholen kommen soll, so finde ich, wird dieser Findling von Roman irgendwann „redundant“, also alles wiederholt sich, man wird unaufmerksam, sucht regelrecht nach der Hauptstory, den Hauptfiguren und wird doch immer und immer wieder vom Wulst an „Alles anderem“ überrollt. Die brutalen, harten, gnadenlosen Darstellungen, Schilderungen und Thematiken geben dann noch den Rest dazu. Und so haben wir dann ein Buch, das zwar unfassbar informativ ist, sehr nahe an der Realität, unglaublich spannend… ect. Aber eben auch harte Arbeit ist, sehr harte Arbeit.

 

Dass Frau Berg sehr nahe an der Realität geschrieben hat, ist kaum von der Hand zu weisen, wie gerade erst wieder erwiesen:


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https://www.heise.de/news/China-genehmigt-keine-neuen-Videospiele-14-000-Firmen-stellen-Betrieb-ein-6318275.html


Wenn das das Ziel war, dann Herzlichen Glückwunsch! Es ist mehr als gelungen!


Aber nur leider finde ich, macht es das Buch natürlich irgendwo auch unattraktiv, nimmt es dem Buch dieses „Ich will das unbedingt zu Ende lesen, weil ich wissen will…“ und verursacht stattdessen ein „Okay! Das reicht mir! Ich habe genug! Ab damit in die hinterste Ecke vom Bücherregal!“.

Dazu kommt, dass man nebenbei erwähnt ja auch noch sehr deprimiert wird, zuweil den Glauben an die Menschheit verliert, wie auch alle Lebenshoffnung, weil vieles, was dort beschrieben wird, was dort passiert nachweislich alles andere als Fiktion oder immerhin sehr denkbar ist.

Somit ist „GRM“ also in der Tat ein sehr gutes, sehr einforderndes, jedoch auch sehr deprimierendes, negatives Buch, welches seine aufgeladene, aber vollkommen gleichgültig hochgezüchtete negative Energie beim Lesen auf jeder einzelnen Seite verteilt, wie ein Rasensprenger das ausgestoßene Wasser.


Und das kann sehr sehr anstrengend sein und dem Buch, wie ich finde, leider auch sehr viel nehmen.


Was jedoch Ansichtssache ist und in der Gesamtbewertung auch keine Punktabzüge einbringt.



Man sollte es bloß, als eine Art „Triggerwarnung“ einmal ausführlich erwähnt haben.




Es sei denn natürlich, man hat das „Brainfuck“ im Buchtitel irgendwie… übersehen.


Denn das „Brainfuck“, ja das steht da nicht umsonst.




Und einen Nachfolger, ja den gibt es auch schon:

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Na das kann ja heiter werden.







Ich habe fertig und ich bin auch fertig.




Vielen Dank.




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Sibylle Berg

„GRM-Brainfuck“


Buch gebunden

Kiepenhauer & Witsch


Ersterscheinung 2019

Preis: Gebundenes Buch: 25,00€ - Taschenbuch 14,00€


PERSÖNLICHE NOTE: 1+++

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Letzter Akt in einer anderen Zukunft

 

Cayman und der Kameramann haben inzwischen mit ihrer Zeitmaschine, Zeit-und-Dimensionsmaschine, egal… Mit diesem Teil mit dem sie unterwegs sind, eine neue, laut den Metadaten halbwegs vielversprechende Realität, Zeit, wasauchimmer angesteuert und erscheinen sodann mitten auf einer mehrspurigen Straße mitten in der Innenstadt von… Öhm… Egal!

Als die beiden aussteigen, da begrüßt sie das wütende Gesicht des offenbar hier und jetzt herrschenden Diktators, welcher auf den Plakaten und Werbebildschirmen aber lieber „DER BESCHÜTZER“ genannt wird und mit ausgestrecktem Zeigefinger klarmacht, dass, laut Slogan: „KONSUM IST LEBEN! ARBEIT IST LEBEN! GEHORSAM IST SICHERHEIT!“…

Die autonom fahrenden Elektroautos stören sich nicht an der Zeitreise-Dingsbummskapsel mitten auf der Straße und fahren einfach drumherum. Höflich, auf die Sicherheit der Insassen und der Passanten bedacht.

Cayman und der Kameramann stehen, als sie beide ausgestiegen sind vor einer sehr langen Schlange von gleichgekleideten, gleichfrisierten, sehr müde und leicht verwahrlost-aussehenden Menschen…

Manche von ihnen haben Zelte neben sich stehen, weiter hinten in der Schlange schlafen auch gerade welche in ebendiesen, ein Kerl mit geschätztem Sechs-Tagebart kocht sich vor seinem Zelt derweil eine Suppe auf einem Campinggrill…

Die gleichaussehenden Menschen glotzen Cayman und den Kameramann an und umgekehrt…

Dann fragt Cayman: „Verzeihung, aber wir kommen von sehr weit her, weil wir auf der Suche sind! Nach kaufbaren Xbox-Spielekonsolen. Gibt es hier soetwas? Oder ist in dieser Welt das Zocken, wie in China verboten worden?“…

Zwei vollkommen gleichaussehende Männer sehen sich an, grinsen müde… Dann sagt der eine mit matter Stimme: „Nein, das Gaming wurde nicht verboten. Lootboxen sind sogar eine Form der Entlohnung. Aber was denkt ihr beiden denn wohl, für was wir hier anstehen?! Seit nun mehr als sechs verdammten Tagen!“…

Der zweite Mann antwortet: „Gestern Nacht sind zwei erfroren, da konnten wir zwei Plätze aufrücken!“…

Ein dritter Mann hinter den beiden anderen fügt noch hinzu: „Und nicht zu vergessen vorgestern, als das eine Taxi nen KI-Fehler hatte und drei weitere Leute umgefahren hat!“…

Da sagt der zweite Mann: „Wir kommen hier recht schnell voran. Nen Kumpel von uns, der wartet da wo er wohnt, schon seit vierzehn Tagen an immer noch derselben Stelle“…


Gerade als Cayman wieder zusammenbrechen will…


Da erscheint eine zweite Zeit-Raum-Whatever-Kapsel auf der Straße…

Aus dieser steigt Maurice Weber von der Gamestar aus…

Da ruft der Kameramann, mit einer abweisenden Handbewegung begleitet ihm zu: „Vergiss es! Hier sind alleine gestern Nacht oder so zwei Leute erfroren beim Warten! Das wird hier nichts! Egal ob PeEss oder Icksboxxe!“...

Daraufhin läuft Maurice rot an, stemmt die Hände an die Hüften, schaut sich erbost um und gibt, als ein autonomes Taxi an ihm vorbeifahren will, diesem einen Tritt in den vorderen Kotflügel…

Dann stampft er zurück zu seiner Kapsel, steigt ein, schlägt laut die Klappe zu und ist sodann wieder verschwunden…


Der Kameramann kratzt sich derweil am Kopf und meint zu Cayman: „Tja, also dann doch wie der Bob-Marley-Typ von den Gamingclerks es meinte? Bei Scalpern kaufen?“…

Cayman verdreht die Augen im Kopf und stöhnt: „Najagut… Geht ja nicht anders“…

Daraufhin springen auch die beiden wieder in ihre Kapsel und sind sodann ebenfalls wieder verschwunden…


Der zweite der angesprochenen Männer meint: „Ich finde sie hätten uns wenigsten fragen können, ob…“

Sofort bekommt er einen Stromschlag von seinem seit Geburt eingepflanzten Gedankenkontrollchip und liegt zappelnd am Boden, bis er schließlich Schaum vor dem Mund bekommt und scheinbar tot ist…

Der Hintermann und alle anderen rücken daraufhin einen auf und sagen im Chor: „Gott segne unseren großen Beschützer! Gott schütze unsere große, allwissende Regierung!“…

Was ihnen auf einen Schlag 30-Socialpoints, 5 Social-Lootboxen und 5% Rabatt auf seinen nächsten Einkauf einbringt.




Denken Sie mal darüber nach.




Ende